von Aktion Deutschland Hilft
Millionen Menschen müssen ihre Heimat verlassen. Die Zufluchtsorte sind oft nur wenige Kilometer entfernt, aber bedeuten für die Geflüchteten eine völlig neue Realität. Sie fliehen vor Gewalt, Unsicherheit und Verlust und finden dennoch Wege, Halt zu finden: in Gemeinschaft, in Kultur, im kreativen Arbeiten.
Die folgenden Geschichten zeigen, wie Menschen in Krisenregionen trotz aller Herausforderungen Kraft finden – und wie die Hilfe unserer Bündnisorganisationen und deren Partner vor Ort ihnen ermöglicht, Schritt für Schritt Hoffnung zurückzugewinnen:
So wie für Inna aus der Ukraine, die aufgrund der Besatzung ihre Heimatstadt verlassen musste und heute dank kleiner Aktivitäten und Rituale wieder mehr Halt im Alltag findet.
Kultur als Zuflucht im Krieg in der Ukraine

Die ersten Tage der Invasion rissen Inna aus ihrem vertrauten Leben: Die Besetzung ihrer Heimat, einem kleinen Ort in der Region Charkiw, die Trennung von Freund:innen und Nachbar:innen und die Ungewissheit über die Zukunft belasteten sie schwer. Die Flucht innerhalb der Ukraine brachte mehr Sicherheit – aber auch die ständige Nähe zum Krieg. Heute findet sie Wege, mit der Belastung umzugehen und ein Stück Normalität zurückzugewinnen.
Zu Beginn ihrer Vertreibung fühlte sich Inna, 62, verloren. Ihr Heimatort, eine kleine Stadt in der Region Charkiw nahe der russischen Grenze, war bereits in den ersten Kriegstagen besetzt worden. Nur Frauen und Kinder durften fliehen. Männer mussten zurückbleiben.
Vor dem Krieg leitete Inna einen kleinen Kindergarten, der für sie mehr war als ein Arbeitsplatz: “Wir waren wie eine Familie”, erinnert sie sich. “Wir haben gefeiert, gebastelt, eng mit den Eltern zusammengearbeitet.” Es war ein Ort voller Wärme.
Zuflucht in Charkiw
Nach ihrer Evakuierung fand sie Zuflucht in Charkiw – einer Stadt, die seit Monaten unter Beschuss steht und dennoch erstaunliche Widerstandskraft zeigt. Trotz der Zerstörung räumen die städtischen Dienste unermüdlich Trümmer weg, pflanzen Blumen und halten die Straßen sauber. Inna beschreibt, wie sehr sie die Menschen dort beeindrucken: “Alle helfen mit – Einheimische und Vertriebene. So sollte es sein”.
Inmitten des andauernden Beschusses sucht Inna bewusst nach Momenten der Ruhe. Sie besucht das Theater, geht ins Kino und versucht, sich nicht ausschließlich mit der Realität des Krieges zu beschäftigen. “Wenn man nur an die Gefahr denkt, verliert man irgendwann den Verstand”, sagt sie.
Stabilität durch kreatives Arbeiten und Gemeinschaft
Besonders abends, wenn die Gedanken schwer werden, greift sie zu Stricknadeln und Wolle. Das Stricken hilft ihr, sich zu beruhigen und Abstand zu den Sorgen um die Zukunft zu gewinnen. Ihr Heimatort wurde zwar zunächst befreit, doch eine erneute Offensive zerstörte ihn vollständig. Die Frage, ob sie jemals zurückkehren kann, bleibt offen.
Heute gelingt es der 62-Jährigen besser, mit der Belastung umzugehen. Kulturveranstaltungen und kreative Tätigkeiten wie das Stricken geben ihr Halt – und das Gefühl, trotz allem ein Stück Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.
Durch die Unterstützung der lokalen Gemeinschaft und der Bündnisorganisation HelpAge hat Inna gelernt, inmitten der Unsicherheit neue Stabilität zu finden. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig psychosoziale Angebote und sichere Orte für Menschen sind, die nahe ihrer Heimat fliehen mussten – und jeden Tag die Folgen des Krieges spüren.
Ähnlich wie Inna kennt auch Kulsaran den Zustand ständiger Unsicherheit. Die seelische Belastung der Flucht, die täglichen Sorgen um Geld und Zukunft und das Gefühl, nirgends wirklich anzukommen – all das zehrte an ihr.
Leben im Libanon: Wie psychosoziale Hilfe Kulsaran stärkt

Die Einsamkeit, die finanzielle Not und die ständige Unsicherheit belasteten Kulsaran so sehr, dass sie sich nach der Flucht von Syrien in den Libanon immer weiter zurückzog. Erst durch ein psychosoziales Unterstützungsangebot fand sie einen Ort, an dem sie sprechen, aufatmen und wieder zu sich selbst finden konnte.
Kulsaran ist 34 Jahre alt und lebt heute in einer Kleinstadt östlich von Beirut. Wie viele Syrer:innen suchte sie Schutz im Nachbarland – in der Hoffnung, eines Tages zurückkehren zu können. Doch das Leben im Libanon war für sie alles andere als einfach.
Ohne Arbeit, ohne soziales Netzwerk und ohne finanzielle Sicherheit fühlte sie sich oft isoliert. Die emotionale Last der Flucht, die täglichen Sorgen um Geld und Zukunft, das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören – all das lastete schwer auf ihr.
Das Gefühl, gehört zu werden
Eine Nachbarin erzählte Kulsaran von einem Ort, an dem Vertriebene Unterstützung finden können – einem Raum, in dem niemand bewertet wird und jede Stimme zählt. Die Bündnisorganisation HelpAge unterstützt dort zusammen mit ihrem Partner IDRAAC Menschen wie Kulsaran mit psychosozialer Hilfe.
Kulsaran nahm an einem Training mit Fokus auf psychosozialem Wohlbefinden teil. Dort erlebte sie zum ersten Mal seit Langem, wie es sich anfühlt, gehört zu werden. Sie konnte frei sprechen – ohne Angst vor Missverständnissen oder Vorurteilen. Die Gruppe bot ihr Halt, und die Übungen halfen ihr, ihre Gefühle zu sortieren und wieder Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.
Zugehörigkeit und Zuversicht
Mit der Zeit spürte Kulsaran, wie die Schwere auf ihren Schultern nachließ. Sie begann, sich wieder zu öffnen, Kontakte zu knüpfen und kleine Momente der Freude zuzulassen. “Es war ein Ort, an dem ich ohne Filter und Barrieren sprechen konnte”, sagt sie. “Das hat mich stärker gemacht.”
Heute fühlt sich die junge Frau emotional stabiler und besser gewappnet für die Herausforderungen ihres Alltags. Sie hat ein neues Gefühl von Zugehörigkeit gefunden – und die Zuversicht, dass sie trotz aller Belastungen ihren Weg weitergehen kann.
In Kenia zeigt die Geschichte von Magdalena, wie Menschen trotz eigener Belastungen zu wichtigen Stützen für andere werden – und wie im Alltag eines überfüllten Lagers Gemeinschaft entsteht.
Zwischen eigener Flucht und der Hilfe anderer Geflüchteter

Magdalena ist selbst geflohen – und steht nun jeden Tag im Aufnahmezentrum der Kalobeyei-Flüchtlingssiedlung, im Nordwesten von Kenia, jenen zur Seite, die wie sie Schutz nahe der Heimat suchen. Zwischen überfüllten Räumen, knappen Wasserreserven und der Verantwortung für zwei kleine Kinder versucht sie, anderen Orientierung zu geben und für ihre eigene Familie ein Stück Stabilität zu bewahren.
Magdalena ist 20 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren in der Geflüchtetensiedlung, gemeinsam mit ihren Brüdern und ihren zwei kleinen Kindern. Als in ihrer Heimat im Südsudan erneut Gewalt ausbrach, wurde die Familie auseinandergerissen: Die Mutter und Schwestern flohen nach Uganda, während Magdalena und ihre Brüder Schutz im benachbarten Kenia suchten. Ihr Mann musste in den Südsudan zurückkehren.
Herausforderungen im überfüllten Lager
Der Alltag in der Siedlung ist geprägt von Enge und Belastung. Mehr als 5.000 Menschen leben dort – obwohl die Kapazität offiziell bei nur 3.885 Personen liegt. Fast drei Viertel der Bewohner:innen stammen aus dem Nachbarland Südsudan, die meisten sind Kinder und Jugendliche.
Magdalena teilt sich einen kleinen Raum mit mehreren Angehörigen, Ruhe ist selten, Privatsphäre gibt es kaum. Besonders schwierig ist zudem der Wassermangel: Leitungen sind beschädigt, Brunnen überlastet. Für eine junge Mutter bedeutet das, jeden Tag neu zu organisieren, wie sie ihr Baby versorgen kann.
Unterstützung für andere – trotz eigener Sorgen
Trotz ihrer eigenen Herausforderungen hilft Magdalena Neuankömmlingen dabei, sich im Lager zurechtzufinden – Menschen, die wie sie selbst Schutz nahe ihrer Heimat suchen. Unterstützung erhält sie durch die Bündnisorganisation Malteser International. Diese verteilt beispielsweise eine mit Mikronährstoffen angereicherte Mais‑Soja‑Mischung zur Behandlung von Unterernährung. Medizinische Versorgung ist im nahegelegenen Dorf möglich. Doch Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sind nicht selbstverständlich.
Über das Telefon kann Magdalena Kontakt zu ihrer Familie in Uganda halten. Eines Tages möchte sie zurückkehren, sagt sie. Doch die Lage im Südsudan bleibt ungewiss. Bis dahin versucht sie, ihren Alltag zu bewältigen, anderen zu helfen und für ihre Kinder Hoffnung zu bewahren.
Während Magdalena Verantwortung für andere übernimmt, sucht Jane in Bangladesch nach einem Ort, an dem er einfach Jugendlicher sein darf. Sein Weg führte ihn 2017 ins Rohingya‑Camp von Cox’s Bazar – und auf ein staubiges Fußballfeld, das ihm Hoffnung schenkt.
Jane: Ein Junge, ein Fußball – und ein zerbrochenes Heimatland

Jane war erst neun Jahre alt, als er 2017 aus seinem Dorf in Myanmar fliehen musste. Die Erinnerungen an sein Zuhause sind heute nur noch Bruchstücke – an die Stimme seiner Mutter, den Duft von Reis, die Panik jener Nacht, in der alles zerbrach, erinnert er sich jedoch klar. Gemeinsam mit seiner Familie floh er nach Bangladesch. Zurück blieb ein Leben, das nie wiederkehrte. Was ihm während des schwierigen Alltags Hoffnung gibt, ist sein Fußball-Training.
Seit neun Jahren lebt Jane nun bereits im Rohingya-Camp in Cox’s Bazar. Die überfüllte Siedlung mit engen Wegen und Wänden aus Bambus sind zu seiner Welt geworden. Etwas hat ihn durch all die Jahre getragen: ein Ball. Erst ein kleiner Plastikball, später ein Fußball. Er war nicht neu. Nicht perfekt. Oft mit Klebeband geflickt. Aber er wurde zu einer Art Zufluchtsort, als Jane nach seiner Ankunft im Camp begann, mit ihm zu spielen.
Ein Nachbar meldete ihn 2024 zu einem Turnier an – heute spielt Jane regelmäßig in einem Fußball-Team, am liebsten im Mittelfeld. Wenn er über den staubigen Platz läuft, sagt er, fühlt er sich “nicht wie ein Geflüchteter, sondern einfach wie ein Junge”. Durch Jugendangebote von Hilfsorganisationen fand Jane mehr als nur ein Spiel. Er fand Zugehörigkeit – und mit dem Spielfeld einen Ort, an dem Hoffnung wieder Raum bekommt.
Ein gebrochenes Herz und ein Traum
Doch am Abend drängt sich stets die Realität in den Vordergrund: Seine Mutter starb vor drei Jahren, sein Vater lebt nach einer erneuten Heirat in einem anderen Camp. Jane wohnt bei seiner Tante, mit einem gebrochenen Herzen und einem einzigen Traum, der ihn trägt: Er möchte eines Tages nach Myanmar zurückkehren. Nicht als jemand, der fliehen musste, sondern als jemand, der seinen Weg gegangen ist – und vielleicht irgendwann eine eigene Familie gründet.
Manchmal sitzt Jane nach dem Training allein auf dem Feld, während der Himmel orange wird. Dann denkt er an sein Zuhause. Und in diesem stillen Moment zwischen Verlust und Hoffnung lebt sein Traum weiter.
Als Olga im April 2022 aus der Ukraine nach Georgien geflüchtet ist, begann für sie der lange Weg zu einem neuen Alltag – und vielleicht zu einem neuen Rosengarten.
Olgas Traum eines neuen Rosengartens

Die ersten Wochen fern der Heimat stellten Olga vor große Herausforderungen: Die Flucht aus dem ukrainischen Mariupol, der Verlust ihres Zuhauses und die Unsicherheit über ein Leben in einem fremden Land belasteten sie schwer. In Batumi, der größten Stadt an der georgischen Schwarzmeerküste, fand sie zwar Sicherheit – doch auch die Aufgabe, ihren Alltag völlig neu zu ordnen.
Zu Beginn fühlte sich Olga, die im April 2022 aus der Ukraine nach Georgien kam, entwurzelt. “Wir hatten nur einen Koffer, hauptsächlich voller Dokumente”, erinnert sie sich. In Mariupol hatte sie ein Zuhause, feste Routinen und einen Rosengarten, der ihr Freude schenkte. In Batumi musste sie sich an eine neue Sprache, Kultur und Umgebung gewöhnen – während die Ungewissheit über die Zukunft schwer auf ihr lastete.
Wichtig war für sie die Unterstützung, die sie nach ihrer Ankunft erhielt. “Es war schwer am Anfang, aber mit der Hilfe meiner Freundinnen und Freunde sowie von ASB Georgien habe ich mich eingelebt”, sagt sie. Die Hilfsorganisation unterstützt ukrainische Geflüchtete unter anderem durch Bargeld für grundlegende Bedürfnisse und einem Winterhilfsprogramm zur Unterstützung bei den Energiekosten. Außerdem bietet sie Aktivitäten wie Kunst- und Sportkurse und Georgisch- und Englischunterricht an.
Neue Kraft durch Gemeinschaft
Heute schöpft Olga Kraft aus der Gemeinschaft, die sie in Georgien gefunden hat. Sie hat georgische Freund:innen vor Ort gefunden, die ihre Liebe zur ukrainischen Küche teilen und ihr georgische Rezepte näherbringen. Trotz aller Herausforderungen bleibt Olga hoffnungsvoll: “In Mariupol hatte ich einen wunderschönen Rosengarten. Und jetzt, hier in Batumi, möchte ich wieder einen neuen Garten anlegen.”
Anders als Olga verlassen Dorica und ihre Kinder nicht ihr Heimatland – trotzdem ist ihre Flucht beschwerlich und auch nach der Ankunft an einem sicheren Ort steht die Familie vor großen Herausforderungen.
Flucht auf allen Vieren: Wie Dorica für ihre Familie kämpft

Als die Gewalt in Doricas Dorf in der DR Kongo eskaliert, muss es schnell gehen. Gemeinsam mit ihren Kindern wagt sie die Flucht – weg von Angst und Unsicherheit, hinein ins Ungewisse. 50 Kilometer sind es bis in die nächstgelegene Stadt Sake. Für die Mutter ist der Weg eine Qual. Denn Dorica hat eine Behinderung und kann sich nur auf allen Vieren bewegen.
Am Ende hat sich die beschwerliche Flucht gelohnt: In Sake angekommen ist die Familie vorerst in Sicherheit. Doch auch dort ist das Leben von Dorica zunächst nicht einfach. Die 30-Jährige hat kein Einkommen, sodass jeder Tag für die Familie ein Kampf ums Überleben ist. “Meine Situation war sehr schwierig”, sagt sie. “Ich konnte nicht laufen, blieb die ganze Zeit zu Hause und konnte weder arbeiten noch auf den Markt gehen.”
Erst der Hinweis ihrer Nachbar:innen bringt ein wenig Hoffnung zurück in ihr Leben. Auf diesem Weg erfährt sie von der Hilfe unserer Bündnisorganisation Handicap International (HI). “Sie sagten mir, ich könnte eine Art Rollstuhl bekommen”, erinnert sie sich. Dorica fährt mit einem Motorradtaxi zum HI-Zentrum und schildert ihre Situation. Eine Woche später steht das HI-Team vor ihrer Tür, mit ihrem neuen Fahrzeug.
Mit einem Mal beginnt für Dorica ein neues Leben: Sie kann einkaufen, Nachbar:innen besuchen und am Leben teilnehmen. Die Mutter nutzt die neu gewonnene Freiheit, um einen Nähkurs zu beginnen. Inzwischen verdient sie mit dem Nähen von Kleidung sogar Geld. “Das Leben war sehr schwer”, erinnert sie sich. “Aber seit ich das Dreirad habe, habe ich nähen gelernt, ich habe ein Einkommen und kann meine Kinder ernähren”, freut sich Dorica.
Die Helfer:innen unserer Bündnisorganisationen und deren lokale Partner stehen Menschen wie Inna, Magdalena und Jane zur Seite: im Land, auf allen Stationen der Flucht und in den Zufluchtsländern. Und das seit vielen Jahren.
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