von Aktion Deutschland Hilft
Krisen, Konflikte und die Folgen der Klimakrise haben die Zahl der Geflüchteten in den vergangenen Jahren in die Höhe getrieben. 2025 waren 117,8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Entgegen aller Vorurteile sucht ein Großteil von ihnen Schutz im eigenen Land oder in Nachbarländern. Warum das so ist und welche Herausforderungen dabei für die Aufnahmeländer entstehen, erklärt András Szekér. Er leitet den Bereich Institutionelle Partnerschaften & Internationale Projekte bei unserer Bündnisorganisation Habitat for Humanity, die schwerpunktmäßig Hilfe rund um das Thema Zuhause umsetzt.

Viele Menschen verbinden Flucht vor allem mit langen, gefährlichen Wegen nach Europa. Tatsächlich bleibt ein Großteil der Geflüchteten in der Nähe ihrer Heimat. Wie lässt sich das erklären?
Die Vorstellung, dass die meisten Geflüchteten nach Europa kommen, entspricht nicht den globalen Realitäten. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) leben rund 65 Prozent aller Geflüchteten in Nachbarländern ihrer Herkunftsstaaten. Zudem werden 68 Prozent von Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen aufgenommen.
Dafür gibt es mehrere Gründe: Flucht ist in erster Linie eine Suche nach Sicherheit – nicht nach einem bestimmten Zielland. Viele Menschen verlassen ihr Zuhause unter großem Zeitdruck und suchen den nächstgelegenen sicheren Ort. Die Nähe zur Heimat erleichtert – sobald die Lage es zulässt – sowohl den Kontakt zu Familienangehörigen als auch die Rückkehr. Außerdem helfen ähnliche Sprache, Kultur oder soziale Netzwerke den Menschen, sich schneller am Ankunftsort zurechtzufinden.
Für viele Geflüchtete ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr nach Hause ein entscheidender Faktor. Deshalb bleiben sie häufig so nah wie möglich an ihrer Heimat, auch wenn die Bedingungen im Aufnahmeland schwierig sind.
Flüchtende haben also gute Gründe, Schutz in nah gelegenen Regionen zu suchen. Welche Belastungen kann die Nähe zum Heimatort mit sich bringen?
Neben vielen Vorteilen kann die Nähe zur Heimat auch anhaltende Unsicherheit bedeuten. Konflikte können auf Nachbarländer übergreifen, Grenzregionen sind nicht immer stabil, und viele Menschen leben über Jahre hinweg in provisorischen Unterkünften oder überfüllten Siedlungen.
Hinzu kommen wirtschaftliche Belastungen, eingeschränkter Zugang zu Bildung oder Arbeit sowie psychische Belastungen durch die Trennung von Angehörigen und die Ungewissheit über die Zukunft.
Ein sicheres Zuhause spielt dabei eine zentrale Rolle. Wohnen bedeutet weit mehr als ein Dach über dem Kopf: Es schafft Schutz, Privatsphäre, Stabilität und die Grundlage dafür, dass Kinder zur Schule gehen und Familien wieder Perspektiven entwickeln können.
Welche Rolle spielen Nachbarländer bei der Aufnahme von Geflüchteten und vor welchen Herausforderungen stehen sie?
Nachbarländer sind das Rückgrat des internationalen Flüchtlingsschutzes. Länder wie Pakistan und Iran für afghanische Geflüchtete; Jordanien, Libanon und die Türkei für syrische Geflüchtete oder Tschad für Menschen aus dem Sudan. Sie alle haben über Jahre hinweg Millionen Schutzsuchende aufgenommen.
Diese Aufnahmeleistungen sind oft enorm – insbesondere, weil viele dieser Länder selbst vor wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Herausforderungen stehen. Wenn innerhalb kurzer Zeit Hunderttausende Menschen ankommen, geraten Wohnraum, Schulen, Gesundheitssysteme, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Arbeitsmärkte unter Druck.
Genau hier setzt auch Habitat for Humanity an: Wohnraum ist häufig einer der größten Engpässe in Krisenregionen. Neben der Unterstützung von Geflüchteten ist es wichtig, auch die aufnehmenden Gemeinden zu stärken. Werden beispielsweise Wohnraum, Infrastruktur oder Wasserversorgung verbessert, profitieren sowohl Geflüchtete als auch die lokale Bevölkerung. Das kann Spannungen reduzieren und den sozialen Zusammenhalt fördern.
Zahlen zu Geflüchteten weltweit

Fluchtursachen sind vielfältig: Konflikte, Verfolgung, aber auch Armut oder Klimawandel. Wie greifen diese Faktoren ineinander?
Die verschiedenen Fluchtursachen gehen oft ineinander über. Konflikte, Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung bleiben die wichtigsten Gründe für grenzüberschreitende Flucht. Gleichzeitig wirken Armut, Hunger, politische Instabilität und die Folgen des Klimawandels häufig als Verstärker bestehender Krisen.
Ein Beispiel sind Regionen, die bereits unter Konflikten leiden und zusätzlich von Dürren, Überschwemmungen oder Ernteausfällen betroffen sind. Wenn Lebensgrundlagen wegbrechen, Ressourcen knapper werden und staatliche Strukturen schwach sind, steigen soziale Spannungen und das Risiko weiterer Vertreibungen.
Viele Krisen dauern Jahre oder sogar Jahrzehnte an. Was bedeutet das für Geflüchtete, die oft langfristig ihrer Heimat fernbleiben müssen?
Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist die zunehmende Dauer von Vertreibung. Viele Menschen leben nicht wenige Monate, sondern viele Jahre oder sogar Jahrzehnte als Geflüchtete. Nach UNHCR-Angaben leben sieben von zehn Geflüchteten seit mehr als fünf Jahren im Exil. Es gibt Kinder und Jugendliche, die kennen zum Beispiel nur ein Camp als Zuhause, weil sie dort geboren wurden.
Für die Betroffenen bedeutet es, dass aus einer eigentlich vorübergehenden Notsituation eine langfristige Lebenssituation wird. Erwachsene müssen ihr Leben unter oft unsicheren Bedingungen neu aufbauen, was auch die Kinder spüren. Viele von ihnen erleben ihre gesamte Schulzeit “auf der Flucht”.
Deshalb reicht die wichtige humanitäre Soforthilfe allein nicht aus. Langandauernde Krisen erfordern langfristige Lösungen: Zugang zu Wohnraum, Bildung, Gesundheitsversorgung und Erwerbsmöglichkeiten. Menschen brauchen die Chance, selbstständig zu werden und ihre Zukunft aktiv zu gestalten.
Aus Sicht von Habitat for Humanity ist ein sicheres Zuhause dabei ein zentraler Baustein. Es schafft Stabilität, Würde und Perspektiven – sowohl für Geflüchtete als auch für die Gemeinden, die sie aufnehmen. Denn letztlich geht es nicht nur darum, Menschen Schutz zu bieten, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, wieder ein Leben in Sicherheit und Selbstbestimmung aufzubauen.
Was brauchen Geflüchtete in den ersten Wochen und Monaten nach ihrer Ankunft und wie verändert sich der Bedarf im Laufe der Zeit?
In den ersten Wochen nach der Ankunft stehen vor allem Orientierung, Sicherheit und die Deckung grundlegender Bedürfnisse im Vordergrund. Menschen benötigen eine sichere Unterkunft, Zugang zu finanzieller Unterstützung, medizinischer Versorgung sowie verständliche Informationen über ihre Rechte, Pflichten und die vorhandenen Unterstützungsangebote. Gleichzeitig sind persönliche Begleitung, Hilfe bei der Überwindung von Sprachbarrieren und Unterstützung bei behördlichen Verfahren oft entscheidend, um sich im neuen Umfeld zurechtzufinden.
Nach einigen Monaten verändern sich die Bedarfe deutlich. Dann rücken Themen wie der Zugang zu eigenem Wohnraum, Sprachkurse, Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe stärker in den Fokus. Viele Menschen möchten möglichst schnell selbstständig werden und ihr Leben eigenverantwortlich gestalten. Dafür braucht es nicht nur individuelle Unterstützung, sondern auch passende strukturelle Rahmenbedingungen. Besonders der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum stellt vielerorts eine große Herausforderung dar und wird häufig zum entscheidenden Faktor für eine gelungene Integration.
Was wünschen Sie sich anlässlich des Weltflüchtlingstags von Politik und Gesellschaft, um die Situation von Geflüchteten nachhaltig zu verbessern?
Wir wünschen uns vor allem einen stärkeren Fokus auf langfristige Lösungen statt auf kurzfristige Krisenbewältigung. Integration gelingt dort besonders gut, wo Menschen früh Zugang zu Wohnraum, Bildung, Arbeit und sozialen Netzwerken erhalten.
Von der Politik wünschen wir uns daher mehr Investitionen in bezahlbaren Wohnraum, eine verlässliche Finanzierung von Integrations- und Beratungsangeboten sowie den Abbau bürokratischer und sprachlicher Hürden. Kommunen, Wohlfahrtsverbände und zivilgesellschaftliche Initiativen benötigen Planungssicherheit und ausreichende Ressourcen, um ihre wichtige Arbeit nachhaltig fortsetzen zu können.
Deutschland müsste zudem deutlich mehr Mittel für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit bereitstellen, um Aufnahmeländer wirksam zu unterstützen, statt die Mittel zu senken, was bereits negative Folgen für die Betroffenen hat. Gleichzeitig sollten Außen‑ und Klimapolitik konsequent Fluchtursachen angehen und besonders betroffene Regionen stärken.
Von der Gesellschaft wünschen wir uns Offenheit, Solidarität und die Bereitschaft, Menschen nicht auf ihren Fluchtstatus zu reduzieren. Geflüchtete bringen Erfahrungen, Kompetenzen und Potenziale mit, die unsere Gesellschaft bereichern können.
+++ Spendenaufruf +++
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