von Aktion Deutschland Hilft
Würden Sie in einem Boot übers Mittelmeer fliehen? Wahrscheinlich würden Sie diese Frage spontan mit Nein beantworten.
Trotzdem begeben sich jedes Jahr Zehntausende Menschen auf den gefährlichen und oft tödlichen Weg über das Mittelmeer. Allein die Flucht über die zentrale Mittelmeer-Route von Libyen und Tunesien aus nach Italien haben 2025 mindestens 1.130 Menschen nicht überlebt. Sie sind ertrunken, erfroren, verdurstet, verschwunden.
Wenn Krieg, Armut oder Naturkatastrophen das eigene Leben bedrohen, sehen viele Menschen keinen anderen Weg, als zu fliehen. Seit Jahren ist die Zahl der Menschen, die auf der Flucht sind, enorm hoch. Längst sind es weit mehr als 100 Millionen.
Niemand flieht freiwillig
Überall auf der Erde fliehen Menschen. Manchmal geplant über verschiedene Fluchtrouten, manchmal überstürzt, weil Konflikte und Gewalt im eigenen Heimatort angekommen sind und es unmöglich machen, zu bleiben.
Niemand flieht freiwillig. Die Gründe sind unterschiedlich und doch eint alle Menschen die Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit, ohne Hunger, ohne Armut.
Binnenflucht und Flucht in umliegende Länder
Die Mehrheit aller Geflüchteten sucht im eigenen Land Schutz. 2025 waren drei von fünf Menschen auf der Flucht laut Angaben der Vereinten Nationen Binnenvertriebene. Besonders stark betroffen ist der Sudan, wo seit 2023 ein brutaler Krieg zwischen zwei Generälen das Leben von Millionen Menschen bedroht.
Diese Zahlen stehen den Narrativen, dass die meisten Fliehenden Europa als Ziel hätten, diametral entgegen. Denn selbst wenn Menschen die Grenzen ihres Heimatlandes verlassen, sind es häufig die umliegenden Länder, die die Flüchtenden aufnehmen – unter anderem auch, um möglichst schnell in die Heimat zurückkehren zu können, wenn es wieder möglich wird.
Fluchtrouten mit tödlichen Gefahren
Besonders hoch sind diese Zahlen auf dem afrikanischen Kontinent. Die wenigsten Menschen, die dort aus ihrer Heimat fliehen, machen sich auf den Weg nach Europa. In Ländern wie der DR Kongo oder im Sudan leben Hunderttausende als Vertriebene im eigenen Land oder in Nachbarländern.
Wer den Weg über eine bekannte Fluchtroute doch auf sich nimmt, sieht sich häufig mit tödlichen Gefahren konfrontiert. Von Zentral- oder Westafrika Richtung Nordafrika drohen den Menschen physische und geschlechtsspezifische Gewalt, Menschenhandel und Entführungen, Tod durch Krankheit, Hunger oder Durst. Wie viele Geflüchtete genau ums Leben kommen, ist unklar.
Hunderte Tote schon in diesem Jahr
Auch die Routen übers Mittelmeer zählen zu den tödlichsten der Welt. Allein in diesem Jahr sind laut der Hilfsorganisation SOS Humanity auf der zentralen Mittelmeer-Route zwischen Libyen beziehungsweise Tunesien und Italien 830 Menschen ums Leben gekommen.
“Im ersten Quartal 2026 sind mehr Menschen auf der zentralen Mittelmeer-Route gestorben als in jedem anderen Jahr im gleichen Zeitraum seit den Aufzeichnungen 2014”, teilt SOS Humanity dazu mit. Die tatsächliche Zahl liegt sehr wahrscheinlich deutlich darüber, da nur ein Bruchteil der vermissten Flüchtenden überhaupt erfasst wird.
Seit dem Jahr 2016 hat SOS Humanity nach eigenen Angaben 39.500 Menschen auf der Flucht in Seenot gerettet.
Flüchtlinge weltweit: Infografik zu Fluchtrouten
Auch wenn mit fast 69 Millionen Menschen weit mehr als die Hälfte aller Geflüchteten Binnenvertriebene sind, nehmen Menschen zum Teil auch längere und noch gefährlichere Fluchtwege auf sich. In der Infografik sind sieben Fluchtrouten auf Grundlage von Angaben, Zahlen und Daten der Vereinten Nationen dargestellt.

Über das Mittelmeer führen hauptsächlich drei Routen: Östlich von der Türkei oder Libyen nach Griechenland oder Zypern. Auf dieser Strecke haben 2025 71.624 Menschen versucht, zu fliehen. 20.411 von ihnen wurden abgefangen, 51.213 sind an ihrem Ziel angekommen, der Großteil in Griechenland, wenige in Zypern. 126 Menschen gelten als vermisst.
Westlich führt der Seeweg von Algerien oder Marokko nach Spanien, entweder aufs Festland oder auf die Balearen beziehungsweise die Städte Ceuta und Melilla, spanische Exklaven an der nordafrikanischen Mittelmeerküste. Im vergangenen Jahr hat sich der Großteil der 26.524 Menschen von Algerien und Marokko aus auf die Flucht begeben. 8.631 Menschen wurden abgefangen, 17.993 sind in Spanien angekommen. 272 sind vermisst und sehr wahrscheinlich tot.
Die zentrale Mittelmeer-Route führt von Libyen, Tunesien oder Algerien nach Italien oder Malta. 87.054 wollten 2025 laut UN über diese Route fliehen, der Großteil von Libyen aus, weniger von Tunesien. 20.492 Menschen wurden abgefangen, 66.562 sind angekommen, fast alle in Italien. 1.130 Menschen sind auf der Fluchtroute gestorben.
Was passiert mit den Menschen?
Die Menschen, die zumeist von der libyschen Küstenwache auf der Route abgefangen werden, werden nach Libyen zurückgebracht. Dort werden sie laut Angaben von SOS Humanity in Inhaftierungszentren gebracht, in denen prekäre Zustände herrschen. “Gewalt ist dort an der Tagesordnung, die Menschen werden gefoltert, ausgebeutet und erpresst. Um der Inhaftierung zu entkommen, müssen sie sich freikaufen und abermals Schlepper bezahlen für den erneuten Versuch, von Libyen zu entkommen”, teilt SOS Humanity mit.
Und weiter heißt es: “Menschen, die es entweder eigenständig nach Italien schaffen, von der italienischen Küstenwache vor Italien gerettet oder von zivilen Rettungsschiffen nach Italien gebracht werden, werden dort in Aufnahmezentren gebracht und unterliegen dann den Verfahren der italienischen Behörden.”
Aus Afghanistan, einem Land, das seit 2021 erneut von den Taliban regiert wird, fliehen Menschen nach Pakistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan über die Türkei und den Westbalkan nach Europa.
Die Route ist laut Vereinten Nationen stark frequentiert. Sie führt über Land und bietet wenig Schutz und Unterkünfte für die Fliehenden, ebenso kaum Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu bestreiten und sich selbst zu versorgen. Hinzu kommt, dass die genannten Länder zeitgleich Ziele für Asyl sind, Transitländer und Herkunftsländer von Flüchtenden. Koordinierte Hilfe entlang dieser Route beschreiben die Vereinten Nationen als schwierig.
Als Teil der Südwest-Asien-Route ist der Westbalkan stark frequentiert und in sich eine eigene Fluchtroute. Sie führt durch Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nord-Mazedonien, Serbien und Kosovo und wird gleichermaßen von Geflüchteten, Asylsuchenden und Durchreisenden genutzt.
Vor allem von Mauretanien, Gambia, Senegal und Marokko haben sich im vergangenen Jahr 21.686 Menschen auf diese gefährliche Fluchtroute über den Atlantik begeben. 17.788 von ihnen sind an ihrem Ziel, den kanarischen Inseln, angekommen. 3.680 Menschen wurden abgefangen, 424 sind bei der Überfahrt gestorben.
Von Äthiopien und Somalia fliehen Menschen aus Ostafrika auf die arabische Halbinsel in den Jemen. Genaue Zahlen liegen nicht vor, doch immer wieder gibt es Berichte über gekenterte Boote und Tote. Die Perspektivlosigkeit und der Hunger treiben die Menschen dennoch in die Flucht. Und das in den Jemen, in ein Land, in dem selbst seit mehr als zehn Jahren Krieg und Hunger herrschen.
Vom Jemen aus versuchen viele der Geflüchteten, nach der Flucht übers Meer über Landwege weiter in andere Länder der Golf-Region zu kommen – auf der Suche nach Sicherheit, Schutz und Arbeit.
Auf dem afrikanischen Kontinent ist Binnenflucht stark ausgeprägt. Aus verschiedenen Ländern versuchen Menschen, nach Südafrika zu gelangen, darunter Eritrea, Somalia, Äthiopien, Kenia, Uganda, Tansania, DR Kongo, Burundi, Angola, Mosambik, Sambia, Malawi, Simbabwe, Botswana, Namibia. Häufig sind sie auf der Suche nach Arbeit und Schutz.
Die Gründe: Konflikte, politische Instabilität, Klimakrise, Hunger, Armut. Auf dieser Route gibt es ein großes Schmuggler:innen-Netzwerk – laut Vereinten Nationen berichten neun Prozent der Geflohenen von Schmuggler:innen.
Zwischen Januar und Juni 2025 waren mehr als 100.000 Menschen auf dieser Route auf der Flucht, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen war dabei nahezu ausgeglichen. Allerdings gestaltet sich die Datenlage wegen der vielen involvierten Länder schwierig.
Unter den Menschen auf dieser Fluchtroute sind viele, die aus der DR Kongo vor dem seit Jahren andauernden Konflikt fliehen. Mitte 2025 lebten elf Millionen zwangsweise Vertriebene in Südafrika, davon 87 Prozent aus der DR Kongo.
“Als Sozialarbeiter, die mit Vertriebenen arbeiten, erleben wir täglich, wie Konflikte und Krisen ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen tiefgreifend betreffen, die in Notsituationen oft zu den schutzbedürftigsten und am wenigsten sichtbaren Gruppen gehören. Viele sind aufgrund körperlicher Einschränkungen, chronischer Erkrankungen, finanzieller Not oder der Abhängigkeit von Pflegekräften und Hilfsmitteln nicht in der Lage, sich sicher in Sicherheit zu bringen. Vertreibung bedeutet nicht nur den Verlust des Zuhauses, sondern auch den Verlust von Sicherheit, Routine, Würde und sozialen Bindungen. In solchen Momenten muss humanitäre Hilfe über die unmittelbare Nothilfe hinausgehen und Schutz, Barrierefreiheit, Inklusion sowie psychosoziale Unterstützung für diejenigen gewährleisten, die am stärksten Gefahr laufen, zurückgelassen zu werden.”
Sevan Tcheurekjian, Sozialarbeiterin am Institut für Entwicklung, Forschung, Angewandte Pflege und psychosoziale Unterstützung (IDRAAC)
Hilfe für Flüchtlinge weltweit: Unser Bündnis ist im Einsatz
Egal ob Flucht im eigenen Land oder auf einer der Fluchtrouten: Unser Bündnis ist weltweit im Einsatz. Gemeinsam mit den lokalen Partnern im Land stehen die Helferinnen und Helfer den Menschen zur Seite und unterstützen sie auf allen Stationen der Flucht.
Das kann bedeuten: Sichere Notunterkünfte zur Verfügung zu stellen, sauberes Trinkwasser, Notfallnahrung und Hygienepakete zu verteilen oder auch Schutzräume für Frauen und Mädchen und psychosoziale Unterstützung für die Menschen anzubieten, die vor und während der Flucht Schreckliches erlebt haben.
Vielen Dank an alle, die für Menschen auf der Flucht spenden!
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