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Hunger Ostafrika„Die Menge der Hilfe, die gebraucht wird, ist immens“

22-08-2011

Interview mit Mahmut Güngör von Islamic Relief über seine Eindrücke in Somalia und Äthiopien

Mahmut Güngör, Projektkoordinator von Islamic Relief Deutschland, und Nuri Köseli, Pressesprecher, sind kürzlich von einem Besuch der Dürreregion am Horn von Afrika zurückgekehrt. Nachdem sie gemeinsam Äthiopien besucht hatten, reiste Mahmut Güngör in die somalische Hauptstadt Mogadischu weiter. Im Folgenden berichtet er von seinen Eindrücken.

Islamic Relief: Lieber Mahmut, was war das Ziel eurer Reise und welche Orte habt ihr besucht?

Mahmut Güngör: Islamic Relief ist eine der wenigen deutschen Hilfsorganisationen, die sowohl in Äthiopien als auch in Süd-Zentralsomalia aktiv sind. Da wir als Bündnispartner von Aktion Deutschland Hilft auch anderen Partnern ermöglichen wollen, über Islamic Relief Deutschland zu agieren, war es nötig, diese Reise zu unternehmen, um die Strukturen von Islamic Relief vor Ort zu sehen und die Kapazitäten festzustellen.

Daher haben wir die Reise nach Äthiopien auch gemeinsam mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) unternommen, um auszuloten, wie wir gemeinsam unseren Einsatz vor Ort gestalten können. Außerdem wollten wir prüfen, wie wir als Islamic Relief Deutschland eventuell vorhandene Lücken bei der Versorgung der Flüchtlinge durch unseren eigenen Beitrag schließen können.

Islamic Relief: Was war dein Eindruck von der Lage vor Ort?

Mahmut Güngör: In Äthiopien wollten wir die fünf Flüchtlingslager, die sich an der somalischen Grenze bei Dolo Ado bis Hargele im Landesinneren, insgesamt fünf an der Zahl, besuchen. Leider erhielten wir trotz aller Vorbereitungen und Bemühungen keinen Einlass in die Lager. Allerdings konnten wir die laufenden Entwicklungsprojekte von Islamic Relief in Äthiopien besuchen und uns ein Bild von deren Fortschritt machen.

Dabei erlebten wir auch die Nöte der Bevölkerung. Neben den Flüchtlingen, die aufgrund der Dürre und Hungersnot aus Somalia in das Land drängen, ist auch die einheimische Bevölkerung von der Dürre betroffen. Die Menschen leben wie die in Somalia nomadisch, das heißt sie ziehen mit ihren Viehherden umher. Nun müssen die Menschen wegen der Dürre größere Distanzen zurücklegen, teilweise haben sie ihre Tiere verloren oder müssen die verbliebenen Tiere für einen geringen Preis verkaufen, um selbst in die Lager eingelassen zu werden.

Es ist daher notwendig, auch außerhalb der Lager der Bevölkerung zu helfen, damit auch sie bis zur nächsten Regensaison überleben können. Die Dürre ist insgesamt kein neues Phänomen, sie dauert schon mehrere Jahre an und hat sich nun weiter zugespitzt. Sie wird wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren ein Problem bleiben.

Islamic Relief: Konntet ihr dennoch etwas über die Situation der Flüchtlinge in den Lagern in Erfahrung bringen?

Mahmut Güngör: Wir hatten das Glück, dass wir sowohl in der Hauptstadt Addis Abeba als auch im Verlauf unserer Reise in Dolo Ado im Hauptquartier des UNHCR das Technische Hilfswerk getroffen haben, und in der deutschen Botschaft Herrn Dr. Till Blume vom Auswärtigen Amt. Beide berichteten uns über die Flüchtlingslager, in denen sie zuvor gewesen waren. Sie wirkten sehr betroffen von dem, was sie dort gesehen hatten.

Obwohl die Lager unter dem Mandat des UNHCR und der äthiopischen Behörde ARRA stehen, scheint es dennoch Engpässe in verschiedenen Bereichen zu geben. Wir haben dies wie gesagt aber nicht selbst gesehen, daher beziehen wir uns auf Augenzeugenberichte und offizielle Angaben der ARRA und des UNHCR.

Islamic Relief: Du selbst warst auch in Mogadischu in Somalia. Was waren deine Eindrücke dort?

Mahmut Güngör: Ich habe gesehen, dass Menschen aufgrund ihres Lebensstils in eine prekäre Lage geraten können, aus der sie dann nicht mehr herauskommen können. Die Lage in Mogadischu ist mit der in Äthiopien und Nordost-Kenia vergleichbar. Wenn die nomadisch lebenden Menschen von einer Dürre getroffen werden und ihre Wasserquellen versiegen, ist ihre gesamte Existenz bedroht. Sie haben keine Ausweichmöglichkeiten, da sie keinen landwirtschaftlichen Anbau betreiben, auch wenn es dafür in manchen Regionen Flusswasser gibt.

Hinzu kommen die Auswirkungen des nun 20-jährigen inneren Konflikts in Somalia. Die Menschen wissen nicht, was morgen passiert, sie leben in einem permanenten Gefühl der Unsicherheit und Perspektivlosigkeit. Eine sehr große Zahl von Somaliern hat ja in den letzten 20 Jahren bereits das Land verlassen.

Ein weiteres Problem ist die unzureichende Präsenz internationaler Organisationen in Mogadischu, die hilfreich sein könnten. Den lokalen Organisationen fehlt es an einfachen Schritten wie der Registrierung von Flüchtlingen, die in die Lager kommen oder der Einhaltung bestimmter Standards der humanitären Hilfe, da sie mit dem immensen Ansturm überfordert sind. Daher bleiben zum Beispiel viele Flüchtlinge von der Hilfe ausgeschlossen, weil sie gar nicht registriert sind.

Die Zahl der Bewohner der Lager ist nicht genau bekannt. Es sind hunderttausende Menschen. Gerade Kinder unter 15 Jahren und ältere Menschen leiden an den Folgen von Unterernährung, etwa der Anfälligkeit für Infektionen, die dann aufgrund Medikamentenmangels nicht richtig behandelt werden können. Daher ist die Kindersterblichkeit gerade in Mogadischu sehr hoch. Ein großes Problem ist Unterernährung auch bei schwangeren oder stillenden Müttern.

Islamic Relief: Gibt es etwas, das dich persönlich besonders berührt hat?

Mahmut Güngör: Ich habe im Lager Koorsan eine junge Mutter getroffen, schätzungsweise 15 oder 16 Jahre alt, mit ihrem kleinen Kind. Sie berichtete uns, dass sie in den vergangenen drei Nächten in jeder Nacht drei ihrer jüngeren Geschwister, und damit nun alle ihre Geschwister, verloren hat. So etwas geht nicht an einem vorbei.

Islamic Relief: Wie wird Islamic Relief weiter am Horn von Afrika helfen?

Mahmut Güngör: Wir werden seitens Islamic Relief das tun, was wir können, um zu helfen. Die Menge der Hilfe, die gebraucht wird, ist immens. Daher möchte ich den deutschen Nichtregierungsorganisationen, die aufgrund der Sicherheitslage fürchten, selbst in Somalia aktiv zu werden, sagen, dass wir diesbezüglich ein guter Ansprechpartner sind. Wir heißen jede Kooperation willkommen, denn es gibt viel zu tun.

Islamic Relief Deutschland möchte jetzt als konkrete Hilfe für Somalia das Lager Koorsan in Mogadischu unterstützen. Ich habe bei meinem Besuch dort festgestellt, dass von den rund 12.000 Menschen, die dort leben, nur etwa 20 Prozent Zugang zu Hilfslieferungen haben. Wir wollen dort in allen Bereichen, die uns möglich sind, tätig werden, von einer geregelten Lebensmittelverteilung über Zugang zu Latrinen und andere Hygienemaßnahmen über grundlegende medizinische Versorgung bis hin zu angemessenen Behausungen. Hinzu kommen Non-Food-Gegenstände wie Küchenutensilien, Matratzen oder Kleidung. Diese Versorgungsmaßnahmen sind für die nächsten drei Monate angelegt.

Drei Monate deshalb, weil im Oktober Regen erwartet wird. Dann wird erwartet, dass viele in ihre Heimatregionen zurückkehren werden. Falls der Regen nicht fällt, werden wir die Maßnahmen auf sechs Monate verlängern. Zudem wollen wir ein zweites Projekt durchführen, das der Rehabilitation der Betroffenen dienen soll, um dann im dritten Schritt mit längerfristigen Entwicklungsprojekten weiterzumachen.

Uns ist bei der Nothilfe wichtig, dass wir immer den Übergang in die Entwicklungsarbeit schaffen. Das gleiche gilt für Äthiopien: Auch dort werden wir den Menschen zunächst eine direkte Hilfe versuchen zu geben, mit der sie den Alltag bestreiten können, dann Rehabilitation und dann Entwicklungsarbeit. In Äthiopien ist eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) geplant.

Islamic Relief:
Lieber Mahmut, vielen Dank für das Interview.

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