von Aktion Deutschland Hilft/CARE
Die einjährige Shukri hält ihren kleinen Becher fest in den Händen und trinkt vorsichtig einen Schluck Wasser. Es ist bereits Nachmittag. Für das Mädchen ist es der erste Schluck des Tages. Ihre Mutter Aisha sitzt neben ihr und schaut zu. Sie selbst hat noch nichts getrunken. “Heute haben wir noch nichts gegessen und kein Wasser getrunken, denn wir haben nichts”, sagt die 35-Jährige.
Aisha lebt mit ihren neun Kindern in einem Vertriebenencamp nahe der nordsomalischen Stadt Dhahar. Nachdem ihr Mann durch bewaffnete Gewalt ums Leben gekommen war, musste die Familie vor vier Jahren ihre Heimat im südlichen Zentral-Somalia verlassen. Weitere Kämpfe zwangen sie später zur erneuten Flucht. Heute bedrohen Hunger und Wasserknappheit ihr Überleben.
Hunger bestimmt den Alltag
Die Dürre hat die Region schwer getroffen. Die Hauptwasserquelle, die die Gegend mit Wasser versorgte, ist ausgetrocknet. Wasserlastwagen beherrschen die Straßen und transportieren Wasser. Jedoch können sich viele vertriebene Familien das Wasser nicht leisten. So auch Aisha und ihre Nachbar:innen. Ein Kanister kostet sie 0,2 US-Dollar – und das bedeutet für Aisha immer wieder eine Zeile Schulden in einem Notizbuch, das der Ladenbesitzer führt. Doch dies ist für die Mutter die einzige Möglichkeit, ihre Kinder mit Wasser zu versorgen.
Sie bindet sich den Kanister auf den Rücken, um ihn nach Hause zu tragen, und sofort versammeln sich ihre Kinder um den Kanister. Die sechsjährige Kawsar hilft dem dreijährigen Adam beim Trinken. Die viereinhalbjährige Sahra wartet mit ihrem Becher darauf, dass sie trinken darf.
Aisha selbst trinkt nicht. Die benachbarten Kinder kommen aus allen Ecken des Camps angerannt, und Aisha teilt das Wenige, das da ist. “Wasser ist eine große Herausforderung, aber Essen ist eine andere. Wir hungern, es gibt hier nichts mehr, wovon wir leben könnten. Wir warten einfach nur”, sagt die Mutter. Das Warten ist für sie und ihre Kinder zur einzigen Konstante geworden.
Die Schuhputzjungen
Um etwas Geld zu verdienen, laufen ihre drei ältesten Söhne jeden Morgen in die Stadt. Sie verbringen den Tag damit, auf öffentlichen Plätzen und in der Nähe von Restaurants zu warten, in der Hoffnung, dass jemand dafür bezahlt, dass sie ihm die Schuhe putzen. Manchmal bringen sie genug Geld für etwas Reis und Tomaten mit nach Hause.
“Aber es gibt mehr Tage, an denen wir nicht einmal das zusammenbekommen. An schlechten Tagen gehen wir hungrig schlafen und wachen noch hungriger auf”, sagt die Familienmutter leise.
Die Mutter verzichtet
Wenn die Familie etwas zu essen hat, stellt Aisha sicher, dass zuerst ihre Kinder versorgt werden: “Ich gebe meinen Kindern zuerst etwas und warte, bis sie satt sind”, sagt sie. “Manchmal bleibt nichts mehr übrig. Aber sie sind wichtiger als ich.”
Die Folgen sind sichtbar. Nicht nur Aisha leidet unter Hunger. Auch ihre jüngste Tochter Shukri ist von Unterernährung betroffen.
Hilfe gegen schwere Unterernährung
Als eine Gesundheitshelferin der Bündnisorganisation CARE das Camp besucht, untersucht sie die Kinder auf Anzeichen von Unterernährung. Sie informiert Aisha, dass ihre Kinder und sie in einem Gesundheitszentrum in Dhahar kostenlos behandelt werden können, woraufhin sich die Mutter mit ihrer Tochter Shukri direkt auf den Weg macht.
Im Gesundheitszentrum wird sie behandelt und erhält die therapeutische Nahrung Plumpy’Nut. Aisha nimmt eine Flasche Wasser entgegen, die sie schließlich trinkt. Ihr erstes Wasser des Tages am späten Nachmittag. Für Aisha und ihre Tochter ist diese Unterstützung überlebenswichtig.
Die Zukunft ist ungewiss
In ganz Somalia leiden schätzungsweise 6,5 Millionen Menschen unter akutem Hunger, da Dürre, Konflikte und wirtschaftliche Not den humanitären Bedarf weiter in die Höhe treiben. Besonders Familien, die vor Konflikten und Krisen fliehen mussten, kämpfen jeden Tag darum, ausreichend Nahrung und sauberes Wasser zu finden.
Doch die humanitäre Hilfe steht unter Druck. Aufgrund fehlender Finanzierung drohen wichtige Gesundheits- und Ernährungsprogramme eingestellt zu werden. Ohne diese Unterstützung bleibt Aisha nur das gleiche Warten, das jeden Tag im Camp bestimmt: Warten auf Regen, Warten auf Arbeit, Warten auf Wasser, Warten auf Essen.
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