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Hunger OstafrikaEin Jahr Katastrophenhilfe in Ostafrika: „Vieles wird mittlerweile besser gemacht“

13-07-2012

Interview mit Steffen Horstmeier, World Vision Deutschland

Steffen Horstmeier ist Afrikakenner und Experte für Katastrophenhilfe bei World Vision. Zur Zeit arbeitet er in Nairobi und untersucht die aktuelle Lage in den von der Dürre betroffenen Gebieten.

Wieder ist die Regenzeit in einigen Regionen Ostafrikas ausgefallen oder es hat nur sehr wenig geregnet. Müssen wir uns wieder auf eine Hungerkatastrophe wie im vergangenen Jahr einstellen?

So klar wie im vergangenen Jahr stellt sich die aktuelle Lage nicht dar. 2011 war die Katastrophe umfassend, überall in den betroffenen Gebieten Ostafrikas haben die Menschen gehungert. In diesem Jahr ist die Regenzeit sehr unterschiedlich ausgefallen. Aber: Im Osten Kenias, im Süden von Somalia und im Südwesten von Äthiopien gibt es Gegenden, wo es überhaupt nicht geregnet hat. Hier wird es sehr schlimm und Nothilfe wird wohl wieder dringend nötig.

Wo konnte die Nothilfe denn schon abgeschlossen werden?

In den höher gelegenen Gebieten Äthiopiens oder auch in Somaliland, auch im Westen von Kenia sieht es besser aus. Hier hat World Vision Bauern in neuen Anbaumethoden trainiert und hier können die Leute auch wieder auf eigenen Beinen stehen.

Gibt es denn jetzt Anzeichen, dass auf frühe Warnungen vor der sich anbahnenden Krise diesmal entschiedener reagiert wird?

Es gibt sehr gute Frühwarnungen diesmal. Auch die Meterologen haben sehr früh gesagt, dass es wieder schwierig werden wird. World Vision hat bereits im März damit angefangen, auf Frühwarnungen zu reagieren und überwacht, wie sich die Lage weiter entwickelt. Die internationalen Reaktionen waren aber sehr unterschiedlich. Äthiopien hat sich entschieden reagiert, andere Geldgeber glauben, dass sie sich besser nur auf Westafrika konzentrieren und das ist nicht der richtige Weg.

Steffen Horstmeier

Wie reagiert denn World Vision auf die immer häufigeren Dürren in zumindest einigen Regionen?

Wir arbeiten in einem sehr engen Verbund mit den Dorfgemeinschaften. So stellen wir sicher, dass nur gemacht wird, was von den Menschen auch akzeptiert wird. Ein Weg ist zum Beispiel: Feldfrüchte anzubauen, die Dürre toleranter sind. Oder Produkte, die besser zu den jahreszeitlichen Klimaschwankungen passen. Es gibt auch eine gute Zusammenarbeit mit der äthiopischen und kenianischen Regierung in puncto Vorsorge. Zum Beispiel im Bereich Wasserspeicherung oder Speicherung von Getreide. Hier wird jetzt vieles mittlerweile besser gemacht.

Gibt es den Maßnahmen gegen die Dürre, die sich über einen schon längeren Zeitraum bewährt haben?

World Vision hat ja zum Beispiel in Äthiopien nach den Dürren in den 80er Jahren damit angefangen, dauerhaft mit der Bevölkerung in einigen Regionen daran zu arbeiten, die Landwirtschaft komplett umzustellen. Zum Beispiel im Antsokiatal. Dort wurden neue Bewässerungen aufgebaut, es wurde aufgeforstet, Bäche umgeleitet. Das hat so dauerhaften Erfolg gehabt, dass die Leute selbst jetzt bei den aktuellen Dürren nicht betroffen waren. Im Norden von Kenia machen wir jetzt ähnliches in der Turkana-Region. Dort haben wir einen Fluss so umgeleitet, dass der Fluss nicht austrocknet und trotzdem genug Wasser für die Landwirtschaft zur Verfügung steht. Die Bauern dort können jetzt sogar Verwandten in anderen Regionen unter die Arme greifen!

Im vergangenen Jahr hat die Situation der Flüchtlinge aus Somalia viele Menschen besonders bewegt. Wie ist denn deren aktuelle Lage und welche Perspektiven haben die somalischen Flüchtlinge?

Die Situation dieser Flüchtlinge ist immer noch sehr schwierig. Und immer noch machen sich Tausende auf dem Weg von Somalia in die Nachbarländer. Das sind hunderte pro Tag, die in Flüchtlingslager kommen. Die Lager sind gut organisiert – aber die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft hat deutlich nachgelassen und die Hilfe für die Flüchtlinge reicht nicht aus. Im Moment haben die Menschen keine Perspektiven – nur wenn sich die Lage in ihrer Heimat, in Somalia ändern sollte und sie zurückkehren können.

World Vision hat viel in den Ausbau der Infrastruktur zum Beispiel in Sanitätssysteme investiert. Oder auch in Trainings für mehr Hygiene. Hat sich das ausbezahlt, können sich die Menschen jetzt besser selbst helfen?

Ja! Viele Menschen nehmen jetzt erstmals medizinische Hilfe überhaupt in Anspruch, zum Beispiel in mobilen Kliniken von uns. Das Bewusstsein für Hygiene ist deutlich stärker geworden. In einigen Regionen ist deshalb auch die Nothilfe nicht mehr nötig und stattdessen wird aufgebaut.

Wenn uns ein Schlagwort aus dem vergangenen Jahr noch klar in Erinnerung ist, dann ist das Daadab, das große Flüchtlingslager. Wie sieht es dort jetzt aus?

Man muss ja von Lagern sprechen. Dort leben immer noch über 500.000 Menschen, das entspricht der fünftgrößten Stadt in Kenia. Und eine der gefährlichsten! Die Sicherheit der Bewohner und der humanitären Helfer ist nicht gewährleistet. Jüngst ist ein Konvoi von Helfern überfallen worden, Menschen wurden als Geiseln genommen. Die Registrierung der Ankommenden funktioniert nicht richtig. Keiner weiß wer wo genau ist. Es herrscht ein Klima des Aufruhrs und der Unzufriedenheit. Und das wird sich weiter verschärfen, denn die Bedingungen zum Beispiel in Somalia verbessern sich ja nicht. World Vision versucht mit Sanitär, Wasser- und Erziehungsprojekten die Lage der Flüchtlinge und aber auch der einheimischen Bevölkerung zu verbessern. Dennoch: Daadab ist ein Problem und es wird eins bleiben. 

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