
von Aktion Deutschland Hilft/Arbeiter Samariter Bund (ASB)
Was wäre, wenn sich morgen erneut ein Hochwasser in Deutschland ereignen würde? Wären wir besser vorbereitet?
Drei Fragen an Michael Schnatz, Leiter des Fachbereichs Bevölkerungsschutz beim Arbeiter Samariter Bund (ASB), einer Bündnisorgansiation von Aktion Deutschland Hilft. Im Jahr 2021 hat unser Bündnis dank Spendengeldern in Höhe von 284 Millionen Euro von Anfang an Hilfe im Flutgebiet geleistet.
Aktion Deutschland Hilft: Wenn morgen ein neues Hochwasser käme – wäre Deutschland da krisenfest?
Michael Schnatz: Jein! Einige Monate nach der Flut setzte beim Staat eine Katastrophendemenz ein. Mittlerweile hat sich manches getan. Die Warnsysteme wurden ausgebaut mit Warn-Apps und Sirenen, ein neues Lagezentrum für Bevölkerungsschutz entstand in Rheinland-Pfalz, und das Bundesministerium des Innern hat den “Pakt für Bevölkerungsschutz” aufgelegt.
Die zehn Milliarden Euro aus diesem Pakt sind ein erster guter Schritt, berücksichtigen aber nicht die Hilfsorganisationen. Leider wird auch die Resilienzbildung der Bevölkerung beim Pakt nur am Rande mitgedacht. Denn: Wissen die Menschen, was sie tun müssen, wenn morgen eine Katastrophe passiert? Nein.
Die Resilienz der Menschen im Katastrophenfall ist ein Riesenthema: Wo sind Anlaufstellen im Notfall? Wo gibt es Handy-Ladestationen? Welche Bevorratung ist notwendig? Solche Vorab-Informationen der Gemeinden für die Bevölkerung, auch durch Infoveranstaltungen an Schulen, sind elementar wichtig.
Resilienzbildung muss breit aufgestellt sein, interaktiv und partizipativ. Eine Broschüre, wie momentan angedacht, ist dafür nicht ausreichend. Das ist eine große Schwachstelle.
Was fordern Sie?
Wir fordern ein zentrales Krisenmanagement mit Steuerungsfunktion über die Grenzen von Bundesländern hinweg, das in Großschadenslagen oder nationalen Krisen, zum Beispiel Pandemien, greift. Denn eine übergeordnete Struktur fehlt weiterhin – Katastrophenschutz ist Ländersache.
Nur der Zivilschutz gehört dem Bund allein, und genau hier muss der Bund nun ansetzen. Und: 99 Prozent des Katastrophenschutzes wird von Ehrenamtlern gestemmt. Ihre Freistellung ist aber eine Kann-Regelung.
Das muss sich ändern. Wir brauchen ja viel mehr Ehrenamtliche, damit sie im Katastrophenfall nicht vier Wochen am Stück durcharbeiten müssen. Dazu sind Strukturen notwendig, zum Beispiel brauchen wir auch Freistellungen für Ausbildungen und Übungen. Hierfür nehmen die Ehrenamtlichen in der Regel Urlaub – das muss sich dringend ändern.
Hat das Bündnis Aktion Deutschland Hilft Lehren aus der Katastrophe gezogen?
Ja, einige: Die nach der Hochwasserkatastrophe neu gegründete “AG Inland” ist der Arbeitsmuskel des Bündnisses für einen künftigen Katastrophenfall im Inland: Dort werden Standards erarbeitet, unter anderem für einheitliche Antragsformulare und für die Höhe der Soforthilfen.
Dort wird gesteuert, was geht und was nicht. Und es lernen sich die Ansprechpartner:innen für den Krisenfall kennen, denn: “In Krisen Köpfe kennen” – auch das ist wichtig. In der AG wird außerdem über Resilienzbildung gesprochen, und über Bevorratung, zum Beispiel mit Bautrocknern und Stromaggregaten.
So hat der ASB gut 1.000 Trocknungsgeräte und Hunderte Aufräumsets (Besen, Eimer, Handschuhe) gelagert sowie eine Resilienzbox entwickelt – das tun wir, weil der Staat es nicht tut. Hier besteht nach wie vor dringender Handlungsbedarf des Bundes und auch der Länder.
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