von Aktion Deutschland Hilft
Als die Flut kam, war Julia Berens nicht zu Hause. Sie war in Passau zum Studieren, aber ihre Familie, Freunde, Bekannten waren alle im Ahrtal. “Es war sehr schwierig, nicht vor Ort zu sein. Nicht zu wissen, wie die Situation wirklich ist”, sagt sie.
Telefon- und Handynetze funktionierten nicht, das Internet im Flutgebiet war ausgefallen. Es gab nur die Bilder aus den Nachrichten. Fünf Jahre später hat sie nicht vergessen, wie es war.
Hochwasser Deutschland: Im Einsatz für die Menschen
Und fünf Jahre später ist Julia Berens zurück und arbeitet für die Malteser, mitten im damaligen Flutgebiet. Dort ist sie in der Waschbar in Bad Neuenahr-Ahrweiler für die Menschen aus der Umgebung da – zusammen mit ihren beiden Malteser-Kolleginnen Anke Sattler und Felicitas Krämer und zwei weiteren von der Caritas.

Es ist mehr als ein Ort, an dem die Wäsche wieder sauber wird. Menschen treffen sich in der Waschbar, verabreden sich, trinken einen Kaffee, spielen Brettspiele. Es ist auch ein Ort, wo sie Bücher und Tassen in die Tauschbörse bringen und mitnehmen können. Wo sie psychosoziale Unterstützung von Berens und ihren Kolleginnen kriegen können. Und wo sie eben Wäsche waschen können.
Nichts war mehr selbstverständlich
Denn nach der Flut, durch die Hunderte Menschen alles verloren hatten, war sogar eine Waschmaschine nicht mehr selbstverständlich. Fünf Jahre später hat sich verändert, was die Menschen brauchen. Das Miteinander und das Reden sind wichtiger geworden. Viele kommen trotzdem noch, um ihre Wäsche zu waschen.
Auch heute ist nicht alles gut. Der Wiederaufbau geht voran, neue Häuser, aufgerissene Straßen und Baustellen zeugen davon. Aber es dauert, wie so oft nach großen Katastrophen. Und in der Zwischenzeit ist die Waschbar für die Menschen da.
Kleine Container, die die Menschen auffangen
Die Waschbar, das sind mehrere kleine Container auf dem Gelände der Rosenkranzkirche in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ein Gehweg trennt die beiden Gebäudekomplexe. Draußen an den Containern hängen bunte Wimpel, selbst gebastelt und genäht von Besucher:innen der Waschbar.

Ein Container dient als kleines Büro, daneben steht ein weiterer Container mit acht Waschmaschinen und Trocknern. Der größte Container ist das Kontaktcafé: großer Esstisch in der Mitte, kleine Küchenzeile in der Ecke. Drinnen ist es hell, Ledersessel, Sofatische und Regale mit Büchern und Brettspielen. In einer anderen Ecke steht ein Tisch mit einer Nähmaschine und kleinem Arbeitsbereich. Es ist gemütlich.
Vieles ist anders und neu
Das Bild der Stadt, das Leben hat sich verändert, vieles sieht anders aus. Menschen sind weggezogen, Freundeskreise haben sich verändert. Trotzdem sind viele Menschen geblieben oder sogar neu dazugekommen. Die Waschbar ist ein Ort, an dem sie alle zusammenkommen. Sie fängt auf, dass manche Strukturen noch fehlen.
“Neue Freundschaften entstehen hier”, sagt Felicitas Krämer. “Es gibt inzwischen durch die neuen Verknüpfungen auch viel Positives." Zum Beispiel ein Straßenfest, das sich rund um den Tag der Flut etabliert hat und bei dem die Nachbarschaft zusammenkommt.
“Viele hätten nie geglaubt, wie schlimm es wird”
“Die Flut wird hier immer ein Thema sein”, sagt Berens. Zu einschneidend ist das, was den Menschen passiert ist, zu unglaublich, wie der kleine Fluss zu einem reißenden Strom gewachsen ist. “Sobald sich Menschengruppen zusammenfinden, kommt das Thema auf”, sagt sie. „Viele von uns hätten vorher einfach nie geglaubt, wie schlimm es wird.“
Und trotzdem möchten viele der Menschen aus dem damaligen Flutgebiet nicht auf das, was passiert ist, reduziert werden. Es mag das eine sein, untereinander über das Erlebte zu sprechen, auch nach fünf Jahren. Nach außen ist es vielen wichtig, für mehr zu stehen: etwa für Gemeinschaft, für die Weinberge, für schöne Wanderstrecken.
An manchen Tagen kommt alles wieder hoch
Draußen fängt es an zu regnen, ein Mann kommt ins Café, dann noch einer. Einer sitzt im Sessel, trinkt einen Kaffee, der andere möchte ein bisschen reden. Über das, was er erlebt hat, damals, in der Nacht auf den 15. Juli 2021. Und in den Wochen danach. Es gibt Tage, an denen alles wieder hochkommt.
Das Wichtigste an der Waschbar: Jede:r ist willkommen. Und jede:r kann sich an Berens, Krämer und die anderen Kolleginnen wenden. “Die Menschen brauchen ein offenes Ohr, immer noch”, sagt Krämer.
Hilfe und Katastrophe sind verknüpft
Und sie finden es in dem Kontaktcafé. Um die 80 Prozent der Menschen, die in die Waschbar kommen, kennen die fünf Mitarbeiterinnen, sagt Krämer. Die restlichen Menschen sind Urlauber:innen oder auf der Durchreise.
Wenn Julia Berens heute an die Flutnacht denkt, denkt sie nicht mehr nur daran, wie sie in Passau war und sich Sorgen gemacht hat. Sie denkt auch an die enorme Hilfsbereitschaft, die für immer eng mit der Katastrophe verknüpft ist.
“Menschen sind über sich hinausgewachsen”
Helferinnen und Helfer kamen sofort, manche aus Nachbarorten, manche von weiter weg. Sie waren zum Teil noch in der Nacht im Einsatz, suchten Menschen, retteten sie, bauten Lager für die auf, die im Tal nicht mehr bleiben konnten. Im Heimatdorf von Felicitas Krämer, in Kalenborn, dienten unzählige Matten als Schlafplätze.

Das Dorf auf einem Berg war das einzige mit einer stabilen Stromversorgung, sagt sie. Jede:r dort tat, was er oder sie konnte. “Man funktionierte”, sagt sie. Und: “Das war das Schöne – Menschen sind für das Miteinander über sich selbst hinausgewachsen.”
Eine Konstante nach der Flut
“Der Wiederaufbau bedeutet viel”, sagt Berens. Menschen und Hilfsorganisationen haben viel geleistet in den vergangenen fünf Jahren. Die Waschbar gehört auch zu den neuen Strukturen, die aufgebaut worden sind. Im Moment wird sie hauptamtlich von den fünf Kolleginnen betreut, seit Herbst 2022 ist das so.
Die Container auf dem Gelände der Rosenkranzkirche stehen dort, wo früher das Haus eines Mannes war, der für die Kirche gearbeitet hat. Die Flut hat es zerstört. Heute kommt auch dieser Mann gern ins Kontaktcafé – der Container steht ungefähr dort, wo früher sein Wohnzimmer war.
Ende 2027 soll die Waschbar aus den Containern in das benachbarte Pfarrheim ziehen. Dauerhaft, denn sie soll bleiben. Als Konstante im Leben der Menschen, die sich so vieles neu aufbauen mussten.
Danke an alle Spenderinnen und Spender!
Fünf Jahre nach dem Hochwasser in Deutschland blicken wir zurück - auf die Hilfe, die geleistet wurde und noch immer geleistet wird. Und wir blicken nach vorn: auf den Wiederaufbau und auf das, was neu entstanden ist und entsteht.
Felicitas Krämer und Julia Berens leisten als Mitarbeiterinnen unserer Bündnisorganisation Malteser psychosoziale Unterstützung in der Waschbar. Anke Sattler arbeitet ebenfalls in der Waschbar, sie ist die Leiterin der Dienststelle der Malteser im Landkreis Ahrweiler.
Seit der Flutnacht haben die Malteser als eine der Bündnisorganisationen von Aktion Deutschland Hilft in unterschiedlichen Projekten Hilfe für die Betroffenen vor Ort geleistet – und sind bis heute für die Menschen da. Insgesamt sind 284 Millionen Euro an Spendengeldern für die Arbeit unserer Helfer:innen zusammengekommen. Danke an alle, die diese Hilfe mit ihrer Spende ermöglicht haben!
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