Hochwasser Deutschland 2021"Ich muss erstmal zur Ruhe kommen"

23-09-2021

von Nadine Koberstein, Arbeiter-Samariter-Bund

Noch immer türmen sich in Erftstadt Schuttberge am Straßenrand. Betontrümmer und Autowracks prägen das Landschaftsbild. Mehr als zwei Monate ist es her, seit die Flutkatastrophe weite Regionen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verwüstete, Erft und Ahr zu reißenden Flüssen anschwollen und alles mit sich rissen.

Die Flut hat tiefe Narben hinterlassen

Mittlerweile fließen Erft und Ahr wieder in ihrem schmalen Flussbett dahin, wirken friedlich. Doch die Flut hat tiefe Narben in den Seelen der Menschen hinterlassen und das Erscheinungsbild zahlreicher Ortschaften für immer verändert.

Nach den Aufräumarbeiten hat vielerorts der Wiederaufbau begonnen. Die Helferinnen und Helfer vom Arbeiter-Samariter-Bund sind mittendrin.

Unbeschreibliche Hilfsbereitschaft nach dem Hochwasser

"Ich muss erstmal zur Ruhe kommen, alle Optionen abwägen", erzählt Beate Spoo. Mit ihrer Familie betreibt sie den Veltenhof in Erftstadt-Blessem. Der Reit- und Pensionsbetrieb für Pferde ist seit 68 Jahren in Familienbesitz.

"Wir konnten alle 60 Pferde evakuieren. Doch eine Reithalle steht nicht mehr", sagt sie und zeigt auf die Abbruchkante gleich gegenüber. Sie sei unendlich dankbar für die Unterstützung in den letzten Wochen. Die Hilfsbereitschaft sei unbeschreiblich.

Helfende berichten: "In die Lage reingeworfen"

Dann stehen zwei Samariterinnen vor der Tür, verteilen Lunchpakete für Betroffene – jeden Tag 300 Stück. "Unsere Hilfe wird wahrgenommen, die Leute sind unfassbar glücklich, bedanken sich, oft mehrmals", erzählt Philipp Uhle vom ASB-Regionalverband Rhein-Erft/Düren.

"Anfänglich haben wir Müll weggefahren und klein gemacht. Kärcher, Müllbeutel und Lebensmittel verteilt. Wir haben geschaut, was gebraucht wird. Wir wurden ja auch in die Lage reingeworfen", so der Einsatzleiter weiter. Er habe alle Ausbildungen im Katastrophenschutz mitgemacht, aber das hier sei auch für die Helferinnen und Helfer eine Herausforderung gewesen.

Landwirt Joachim Richartz hat viele Tiere verloren

Joachim Richartz lebt in Erftstadt-Frauenthal, einem Stadtteil, der besonders stark von der Flut betroffen war. Der untere Bereich seines Wohnhauses, die Ställe – alles stand unter Wasser.


Der 58-Jährige läuft über seinen Hof und erzählt: "Hier war mein Büro. Davor hatten wir einen schönen Garten angelegt, abends oft dort gesessen." Jedes fünfte Tier habe er verloren. Die Hühner konnte er noch aufs Dach bringen. Aber die Enten und Gänse gingen in den Fluten unter. Auch seine Pfauen haben es nicht geschafft. Dann zeigt er auf die Scheune mit seinen Oldtimern – alle Totalschaden.

Von einem normalen Leben noch weit entfernt

Dankbar ist er über die vielen Freiwilligen, die beim Aufräumen geholfen haben. 50 bis 60 Leute kamen am Tag, nach acht Tagen war das Gehöft besenrein. Im Haus ist der Estrich vom Boden entfernt die Holzvertäfelung zum Schreiner gebracht. In den Zimmern surren die Bautrockner vom Arbeiter-Samariter-Bund, um das Gemäuer zu trocknen. Doch die Feuchtigkeit schwindet nur langsam.

Der kalte Sommer und ständiger Regen erschweren das Trocknen. Er möchte das Haus so schnell wie möglich wieder bewohnbar machen – schon für seine 91-jährige Mutter, die übergangsweise in einer Senioreneinrichtung untergebracht ist. Plötzlich schallt ein lautes Kikeriki über den Hof. Selbstbewusst stolziert der Hahn über das Gelände. Zumindest bei den Tieren scheint die Normalität zurückgekehrt zu sein.

Kühlschränke und Waschmaschinen für einen Neustart


Seit Mitte August haben Helferinnen und Helfer vom ASB in Erftstadt über 150 Kühl- und Gefrierschränke sowie 100 Waschmaschinen und 350 Bautrockner an betroffene Haushalte verteilt.

Finanziert wurde die weiße Ware durch Spendengelder des Bündnisses Aktion Deutschland Hilft. Ende des Monats wurden in Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung und den Maltesern Soforthilfen für Anwohnerinnen und Anwohner betroffener Stadtteile ausgezahlt. Auch hier kamen Spenden des Bündnisses zum Tragen.

Medizinische Versorgung für die Flutgebiete

Darüber hinaus wird weiterhin Werkzeug für den Wiederaufbau verteilt. In der Bundesgeschäftsstelle des ASB in Köln halfen viele Einsatzkräfte kürzlich bei einer ersten großen Packaktion:

Für die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe wurden 500 Hygienesets für Männer, Frauen und Kinder sowie 500 Eigenschutzbeutel mit Desinfektionsmittel, FFP2-Maske, Corona-Schnelltest, Kondomen, Erste-Hilfe-Set, Insektenschutzmittel und Blasenpflaster zusammengestellt. Die stark nachgefragten Hygieneartikel werden an die Betroffenen im Raum Bonn, im Rhein-Sieg Kreis und in der Eifel verteilt.

ASB errichten Nothilfebüro in Bad Neuenahr-Ahrweiler


Auch in Rheinland-Pfalz geht die Hilfe unermüdlich weiter. Diese reicht von der Bereitstellung von Räumlichkeiten für soziale Einrichtungen bis zu medizinischer Hilfe. So war im Ahrtal ein Team des ASB Berlin im Einsatz.

Die Mitarbeitenden halfen vor Ort mit sogenannten Unfallhilfsstellen, in denen Hilfe Suchende eine medizinische Erstversorgung erhielten. Ende August hat der ASB Rheinland-Pfalz in Bad Neuenahr-Ahrweiler im Ortsteil Heimersheim ein Nothilfebüro eröffnet.

Finanzielle Soforthilfen, Seelsorge und Kinderbetreuung

In dieser Anlaufstelle werden die geplanten Hilfsmaßnahmen des ASB in der Region koordiniert. So sollen Kapazitäten vor Ort konzentriert gebündelt werden, um schnell und unkompliziert Unterstützung zu leisten.

Zu den geplanten Hilfen zählen neben der weiteren Verteilung von Hilfsgütern und Soforthilfen auch mittelfristige Vorhaben wie die Unterstützung von sozialen Einrichtungen, psychologischen Hilfen für Betroffene und den Aufbau von besonderen Diensten, zum Beispiel einem Mahlzeitendienst oder offene Kinderbetreuungs- und Unterstützungsleistungen.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet um Spenden, um die Nothilfe für die vom Hochwasser betroffenen Menschen in Deutschland zu unterstützen:

Spenden-Stichwort: Hochwasser Deutschland
Spendenkonto: IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30
Spenden-Hotline: 0900 55 10 20 30 (Festnetz kostenfrei, mobil höher)
oder online spenden