FlüchtlingeZwingen Dürren mehr Menschen zur Flucht?

von Stephen Adaawen/Benjamin Schraven (DIE/GDI)

In kurzem Abstand begehen die Vereinten Nationen im Juni den Welttag zur Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürren (17. Juni) und den Weltflüchtlingstag (20. Juni). Die beiden Tage liegen nicht nur zeitlich eng beisammen. Vieles spricht auch für einen Zusammenhang zwischen Wüstenbildung und Migration.

Rufen Dürren die nächste Flüchtlingswelle nach Europa hervor?

Den UN zufolge sind in den kommenden Jahrzehnten etwa 60 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika von Wüstenbildung bedroht – so sehr, dass sie nach Nord-Afrika oder Europa ziehen müssten. Auch in den Medien und der Politik wird immer wieder auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Dürren und bewaffneten Konflikten hingewiesen, die neue Fluchtbewegungen in Gang setzen.

Werden Dürren und eine fortschreitende Wüstenbildung die nächste Flüchtlingswelle nach Europa hervorrufen? Und was sagt die Wissenschaft zum Zusammenhang zwischen Dürren, Wüstenbildung und Flucht?

Dürren und Düngemittel fördern die Wüstenbildung

Rund zwei Milliarden Menschen weltweit leben in Trockengebieten, viele davon in Afrika. Sie sind nicht unmittelbar davon bedroht, bald von einer Wüste "geschluckt" zu werden. Der Begriff "Desertifikation" beschreibt vielmehr den Prozess der (schwerwiegenden) Bodendegradation. Das umfasst beispielsweise Bodenunfruchtbarkeit oder eine Versalzung und Versiegelung von Böden in Trockengebieten und Savannen.

Desertifikation kann durch häufige und langanhaltende Dürren verursacht werden. Sehr oft sind die Ursachen aber menschgemacht, zum Beispiel durch zu viele chemische Düngemittel, Überweidung oder Brandrodung. Diese komplexen Prozesse fördern die Wüstenbildung und sind eng miteinander verwoben.

Auch der Zusammenhang zwischen Bodendegradation beziehungsweise Wüstenbildung und Migration ist vielschichtig. Die Datenlage zu menschlicher Mobilität ist eher dürftig. Trotzdem zeigen viele Studien ein klares Bild.


Bildergalerie: Flüchtlinge weltweit

Migration im eigenen Land statt nach Europa

Fluchtmigration ist oft dort verbreitet, wo neben Dürren oder Wüstenbildung auch politische Unruhen oder Gewaltkonflikte herrschen: beispielsweise am Horn von Afrika. Doch gerade dort fehlen vielen der betroffenen Menschen die Ressourcen zur Migration. Das betrifft oft arme, kleinbäuerliche Haushalte, besonders Viehnomaden.

Die Degradation von Böden oder die Folgen langanhaltender Dürren (Missernten oder Wasserknappheit) zwingen Menschen nicht unmittelbar und massenhaft zur Flucht; vor allem nicht in Richtung Europa. Stattdessen setzen viele betroffene Familien auf zirkuläre Migration im eigenen oder in einem Nachbarland.

"Zirkuläre Migration" heißt: Einzelne Familienmitglieder leben für eine gewisse Zeit in einem anderen Land, um Geld zu verdienen. Gelingt ihnen das trotz schwieriger Arbeits- und Lebensbedingungen, können mit dem Geld die durch Dürre und Degradation entstandenen Schäden ausgeglichen werden.


Infografiken: Flüchtlinge weltweit 2018

Austauschen und gemeinsam Lösungen finden

Leider betrachten nationale Regierungen und Regionalorganisationen in den betroffenen Weltregionen oder auch die Entwicklungszusammenarbeit Migration oft als eine der schlimmsten Folgen von Desertifikation. Klar ist, dass Menschen so unterstützt werden müssen, dass sie gar nicht erst fliehen müssen. Dennoch sollten politische Akteure anerkennen, dass bestimmte Migrationsformen auch gute Effekte nach sich ziehen können. Geldtransfers etwa ermöglichen es den Menschen, sich besser auf die Folgen des ökologischen Wandels vorzubereiten.

Um diese Effekte politisch zu fördern, braucht es eine bessere Datenlage zu menschlicher Mobilität in ökologisch schwierigen Zusammenhängen. Außerdem hilft der Dialog zwischen allen entscheidenden Politik- bzw. Handlungsfeldern der internationalen Zusammenarbeit – von Migration über Humanitäre Hilfe bis zu Landwirtschaft und ländlicher Entwicklung. Das Ziel muss ein gemeinsames Verständnis für die Herausforderung der "Dürremigration" sein. Das ist noch keine Lösung, aber immerhin ein Anfang.

Stephen Adaawen ist selbstständiger Gutachter und Wissenschaftler aus Ghana mit den Arbeitsschwerpunkten Migration, Klimawandel und ländliche Entwicklung.

Benjamin Schraven ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprogramm "Umwelt-Governance und Transformation zur Nachhaltigkeit" am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Der Beitrag erschien zuerst beim DIE am 17. Juni 2019 unter dem Titel "Kommt die Wüste, geht der Mensch? Das sind die Herausforderungen der 'Dürremigration'."

 

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