von Aktion Deutschland Hilft/Malteser International
Wolfgang Heidinger ist Projektleiter Krisenmanagementsystem im Verbund der Malteser in Deutschland. Davor war er Bundesbeauftragter für die Fluthilfe der Bündnisorganisation, verantwortlich für die Umsetzung der Hilfsmaßnahmen nach dem Hochwasser. Im Interview spricht er über die heutige Lage in den Flutgebieten – fünf Jahre nach dem tragischen Ereignis.
Aktion Deutschland Hilft: Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe blicken viele Menschen noch immer mit großer Betroffenheit auf die Ereignisse zurück. Herr Heidinger, was geht Ihnen persönlich durch den Kopf, wenn Sie heute an die Tage der Flut im Juli 2021 denken?
Wolfgang Heidinger: Vor meinen Augen und in meinen Ohren sind die vielen Begegnungen mit Menschen im Flutgebiet – Betroffene, Trauernde, Helfende und Verantwortliche in der Gesellschaft. Das Ereignis zählt zu den größten Katastrophen in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland. Entsprechend erschütternd sind bis heute die gespeicherten Bilder dieser unermesslichen Schäden.
Viele Helfer:innen waren über Wochen, Monate und sogar Jahre im Einsatz. Was hat Sie an der Solidarität und Hilfsbereitschaft der Menschen besonders beeindruckt?
Die Hilfe kannte keine gesellschaftlichen Spaltungen, Unterschiede in der Herkunft, der Bildung oder im gesellschaftlichen Status. Die Helferinnen und Helfer einte ein gemeinsames Ziel, wie ich es bisher und seitdem nie wieder erlebt habe.
Die Fluthilfe endete lange nicht mit dem Rückgang des Wassers. Wie hat sich die Unterstützung vor Ort in den Monaten und Jahren nach der Katastrophe gewandelt?
Es war recht schnell klar, dass nach der Akutphase – also des unmittelbaren Rettens und Helfens - eine längerfristige Phase folgt, die von materiellem und seelischem Wiederaufbau geprägt ist. Es ging darum, die Bedarfe der Betroffenen aufzunehmen, die Menschen anzusprechen, ihnen zuzuhören und die Hilfe darauf abzustimmen.

Neben materieller Hilfe spielte auch psychosoziale Unterstützung eine wichtige Rolle. Welche Bedürfnisse hatten die Betroffenen langfristig am dringendsten?
Wenngleich die finanzielle Hilfe beim Wiederaufbau im Mittelpunkt stand – allein die Malteser haben rund 2.000 Haushalte mit Spendenmitteln unterstützt -, so stand doch nicht das Geld allein im Vordergrund. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben Betroffene beim Gang durch die Institutionen und bei den Antragsverfahren begleitet. Unzählige Gespräche halfen dabei, das Erlebte verarbeiten zu können. Dabei waren die Flutgeschädigten meist nicht allein – Verwandte, Freunde und Nachbarn waren bei den Gesprächen dabei.
Wir haben die Menschen nicht im engeren Sinne betreut, wir standen helfend zur Seite. Es ging immer darum, die Menschen in ihrer Situation anzunehmen und zu stärken. Wertvoll waren auch die sozialen Projekte mit den örtlichen Vereinen, mit denen wir den Zusammenhalt der Dörfer, der Gemeinden und Stadtteile wieder stärken konnten.
Die Flutkatastrophe hat gezeigt, wie wichtig gut koordinierte Hilfe ist. Welche Rolle spielte dabei die Zusammenarbeit innerhalb Aktion Deutschland Hilft?
Die Bündnisorganisationen haben sehr schnell ihre Aktivitäten vor Ort abgestimmt und miteinander verknüpft. Es gelang rasch, Konzepte und Verfahren bei der Wiederaufbauhilfe zu koordinieren. Jede Organisation brachte ihre jeweilige Stärke ein beziehungsweise konzentrierte sich auf bestimmte Ziele.
Wir Malteser hatten zum Beispiel besonders die Einzelfallhilfe im Fokus. Insgesamt hat sich so ein dauerhaftes Netzwerk gebildet, das auch im Hinblick auf künftige Krisen handlungsfähig ist. Ich bin fest überzeugt, dass nicht nur die Malteser, sondern das ganze Bündnis durch die Zusammenarbeit sehr viel resilienter geworden ist.
Fünf Jahre später ist vieles wieder aufgebaut – aber längst nicht alle Wunden verheilt. Wie erleben Sie heute die Situation in den betroffenen Regionen?
Der private Wiederaufbau ist - bis auf einzelne Ausnahmen - abgeschlossen. Der Wiederaufbau der sozialen Infrastruktur hält weiter an, die Zusammenhänge der Schulen, Vereine und Kita finden sich neu. Das Flutereignis 2021 und dessen Bearbeitung haben die Identität der Regionen neu und nachhaltig geprägt.
Die Trauer um die verlorenen Menschen und um das Leben vor der Flut ist immer noch spürbar. Die Malteser wollen deshalb bis mindestens 2029 vor Ort sein, um diesen Prozess der Verarbeitung zu unterstützen.
Große Hilfseinsätze bringen immer auch neue Erkenntnisse mit sich. Was haben die Malteser aus dem Einsatz gelernt?
Wir haben gelernt, dass gute Netzwerke der Schlüssel für rasche Hilfe sind. Die Bündnispartner haben sich seither enger und dauerhafter vernetzt. Wir Malteser haben vor diesem Hintergrund ein Projekt gestartet, um alle Teile der Malteser-Familie in einem systematischen Krisenmanagement noch besser aufzustellen. Wir wollen in künftigen Situationen und Notlagen stets handlungsfähig bleiben und auf Krisen bedarfsgerecht reagieren.

Extremwetterereignisse nehmen weltweit zu – auch in Deutschland. Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit wir in Zukunft auf Ereignisse wie vor fünf Jahren besser vorbereitet sind?
Es sind ja nicht nur Naturkatastrophen, die uns in Deutschland betreffen. Denken wir zurück an die Corona-Pandemie, oder betrachten die zunehmend labilen weltweiten Lieferketten oder die grundlegend veränderte sicherheitspolitische Lage, die uns vor Herausforderungen stellen.
In Krisenfällen kommt es darauf an, dass alle sozialen Akteur:innen in ihrer jeweiligen Rolle aktiv zusammenarbeiten. Wir müssen ein Stück weit die gewohnte und geliebte Komfortzone verlassen – und zum Beispiel föderale Strukturen, Regelungsdichte oder verwaltungsmäßige Zuständigkeiten in Deutschland überdenken und anpassen.
Hier wünsche ich mir flachere Strukturen. Auch zusätzliche materielle und finanzielle Mittel für die Notfallvorsorge wären angebracht. Wenn wir als Gesellschaft umdenken und uns aktiver auf Ernstfälle vorbereiten, werden wir auf Katastrophen und Krisen in Zukunft auch besser reagieren können.
+++ Spendenaufruf +++
Aktion Deutschland Hilft, Bündnis der Hilfsorganisationen,
bittet um Spenden für die betroffenen Menschen in Mittel- und Osteuropa.
Stichwort: Hochwasser Mittel- und Osteuropa
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX
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