AfghanistanAfghanistan: Aktuelle Lage & humanitäre Hilfe

23-08-2021

von Aktion Deutschland Hilft

Die Machtübernahme der Taliban verschärft die humanitäre Situation in Afghanistan. Millionen Menschen haben Angst um ihr Leben. Vor allem den Frauen im Land droht ein riesiger Rückschritt, warnen Menschenrechtler:innen und die Vereinten Nationen.

Derzeit sprechen die Taliban von Kriegsende und Amnestie. Doch an den versöhnlichen Worten zweifeln viele. Auch für Helfer:innen kann es gefährlich werden. Was bedeutet das für die humanitäre Hilfe in Afghanistan?

Wie geht es weiter für die humanitäre Hilfe in Afghanistan?

Afghanistan war und ist kein sicherer Ort. Tausende Menschen sind auf der Flucht; hinzu kommen Armut, eine anhaltende Dürre und die Corona-Pandemie.

Nun wächst außerdem die Angst vor Gewalt und Vergeltung. Viele Afghan:innen, die sich für ein friedliches und demokratisches Afghanistan eingesetzt haben, befinden sich in akuter Lebensgefahr.

Es gibt viele offene Fragen und viele Herausforderungen. Doch schon jetzt sind einige Hilfsorganisationen unseres Bündnisses entschlossen, zu bleiben: um den Menschen weiter zur Seite zu stehen.

"Wir bleiben": Das sagen Hilfsorganisationen von Aktion Deutschland Hilft

World Vision beispielsweise arbeitetet seit zwei Jahrzehnten in Afghanistan. "Wir bleiben!", schreibt unsere Bündnisorganisation im Kurznachrichtendienst Twitter.


Unsere Bündnisorganisation action medeor bereitet die Hilfe für Afghanistan vor und steht in engem Austausch mit lokalen Hilfsorganisationen:


CARE erklärte in einem Newsletter: "Wir stehen im engen Kontakt mit unseren Hilfsteams vor Ort. Die Sicherheit all unserer Mitarbeiter:innen hat für CARE derzeit höchste Priorität. CARE ist zugleich fest entschlossen, unsere wichtigen Hilfsprojekte für afghanische Gemeinden weiterzuführen."

Als Hilfsorganisation werde die Unterstützung nun noch mehr denn je benötigt. Man bereite sich darauf vor, die Arbeit wieder aufzunehmen.

Und auch die Johanniter wollen ihre medizinische Hilfe für die afghanische Bevölkerung, intern Vertriebenen und Flüchtlinge fortsetzen.

Afghanistan war und ist kein sicherer Ort

Bisher geben sich die Taliban gemäßigt. Doch viele Beobachter:innen warnen, dass sich das rasch ändern könnte – und die radikalen Ideen einer muslimischen Gesellschaft doch mit aller Macht durchgesetzt werden.

Mühsam errungene Freiheiten könnten binnen kürzester Zeit zunichtegemacht werden. Und: Afghanistans Bevölkerung ist jung. Ein strenges Regime könnte eine selbstbestimmte und freie Zukunft von Millionen Kindern und Jugendlichen gefährden.

Taliban-Offensive in Afghanistan: Was ist geschehen?

Rückblick und aktuelle Lage: Afghanistan 2001 bis 2021

Ende September 2001 waren die ersten US-Truppen im Norden Afghanistans gelandet. Seitdem kämpfte eine US-geführte Militärallianz gegen die Taliban und terroristische Gruppen. Auch die Bundeswehr war im Einsatz. Auf dem Höhepunkt des Krieges waren bis zu 100.000 US-Soldaten und fast 40.000 Nato-Soldaten im Einsatz. Tausende sind gefallen.

Die USA hatten das Terrornetzwerk Al-Kaida für die Anschläge vom 11.9.2001 verantwortlich gemacht, dessen Anführer sich danach in Afghanistan versteckt hielt. Die Taliban hatten ihm und seiner Organisation Schutz gewährt.

Nach ihrem 20-jährigen Einsatz sind die internationaler Truppen aus Afghanistan abgezogen – und die Taliban haben binnen weniger Tage das Land zurückerobert.

Die Hauptstadt Kabul und der Präsidentenpalast sind besetzt. Millionen Menschen fürchten um ihre Zukunft; Frauenrechte drohen, zunichte gemacht zu werden.

Tausende Menschen versuchen, das Land zu verlassen. Die Lage am Flughafen Kabuls ist chaotisch. Einige Länder, darunter Deutschland, versuchen, Botschaftsmitarbeiter:innen, Medienschaffende und Helfer:innen von Nichtregierungsorganisationen auszufliegen.

Weitere Informationen zu Afghanistan finden Sie hier.

Hintergrund: Wer sind die Taliban?

Die Taliban sind eine radikalislamistische militärische Bewegung. In Afghanistan wollen sie eigenen Aussagen zufolge eine Herrschaft nach Scharia-Recht aufbauen.

Die Scharia ist ein islamisches Rechtssystem. Sie stellt kein eigenes Gesetzeswerk dar, sondern setzt sich zusammen aus dem Koran, islamischen Überlieferungen und Auslegungen von Theologen und Juristen vor allem der frühislamischen Zeit. Zur Sharia gehören auch sogenannte Körperstrafen wie Handamputationen und Steinigungen.

Zwischen 1966 und 2001 kontrollierten die Taliban das Land weitgehend. Während dieser Zeit durften Frauen nicht ohne Burka und männliche Begleitung auf die Straße und Mädchen nicht zur Schule gehen. Mit der US-geführten Mission "Enduring Freedom" wurden die Taliban gestürzt.

Aktuelle politische Ziele haben die Taliban bisher nicht bekannt gegeben. Experten zufolge könnte die Gruppierung sich heute von jener vor 2001 unterscheiden. Derzeit sprechen die Taliban von Kriegsende und Amnestie. Ob die versöhnlichen Worte eingehalten werden, ist noch offen – und wird von vielen Menschen angezweifelt.


Millionen Menschen in Afghanistan sind gefangen im eigenen Land. Viele Organisationen fordern deshalb die sofortige Einrichtung einer Luftbrücke und sichere Fluchtwege, um gefährdete Menschen und ihre Familien nach Deutschland zu holen. Auch über das Aussetzen von Abschiebungen wird diskutiert.

Als Bündnis humanitärer Hilfsorganisationen ist es für uns selbstverständlich, dass Menschlichkeit und Solidarität die höchsten Werte einer jeden Gesellschaft sein sollten.

Überblick: Hilfe für Menschen in Afghanistan

Was benötigen die Menschen in Afghanistan jetzt am dringendsten?

Die Menschen benötigen weiter einen sicheren Zugang zu Lebensmitteln, Trinkwasser und medizinischen Gütern. Ebenso wichtig ist die Sicherung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen für die lokale Bevölkerung, um mittel- und langfristige Perspektiven für die Menschen zu schaffen.

Afghanistan war und ist kein sicherer Ort. Tausende Menschen sind auf der Flucht; hinzu kommen Armut, eine anhaltende Dürre und die Corona-Pandemie. Die Machtübernahme der Taliban verschärft die humanitäre Situation. Millionen Menschen haben Angst um ihr Leben. Vor allem den Frauen im Land droht ein riesiger Rückschritt, warnen Menschenrechtler:innen und die Vereinten Nationen.

Welche Hilfsorganisationen sind in Afghanistan?

Einige unserer Bündnisorganisationen sind in Afghanistan aktiv. Andere helfen in den Nachbarländern, in die viele Menschen aus Afghanistan fliehen. Zum Schutz der Mitarbeitenden vor Ort möchten wir jedoch derzeit keine Namen nennen.

Die Helfer:innen sichern weiterhin ihre Unterstützung zu und signalisieren, dass sie auch nach der Machtübernahme der Taliban weiter im Land arbeiten und ihre Projekte fortführen werden. Die meisten Projekte pausieren zurzeit jedoch - gezwungenermaßen - aufgrund der politischen Lage sowie aus Sicherheitsgründen.

Wie ist die humanitäre Lage in Afghanistan?

Die Versorgung der Bevölkerung in Afghanistan ist nach Einschätzungen internationaler Hilfsorganisationen dramatisch. Rund 18,4 Millionen Menschen leiden demnach an einem mangelnden Zugang zu Lebensmitteln. Jeder dritte Einwohner Afghanistans ist auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Expert:innen befürchten, dass sich die humanitäre Lage durch die Machtübernahme der Taliban weiter verschlechtert. Die Bundesregierung hat die Entwicklungshilfen für Afghanistan aufgrund der unsicheren politischen Lage vorläufig eingestellt. Geld für humanitäre Hilfe soll weiterhin bereitgestellt werden. (Stand: 23.08.2021)

Sicherheit & Neutralität: Infos zu humanitärer Hilfe in Afghanistan

Angriffe und Überfälle auf Helfer:innen nehmen weltweit zu. Deshalb beinhaltet moderne Nothilfe immer ein umfangreiches Risikomanagement. Auch in Afghanistan gelten erhöhte Sicherheitsstandards für alle internationalen und lokalen Helfer:innen.

Wir möchten all jene Menschen erreichen, die leiden, sich in einer Notlage befinden oder die Gewalt und Kampfhandlungen ausgesetzt sind. Dennoch: Wenn Mitarbeitende angegriffen oder entführt werden, kann das dazu führen, dass unsere Hilfsorganisationen ihre Einsätze unterbrechen oder sogar beenden. Einsätze, die für Tausende Menschen überlebenswichtig sind.

Wir folgen unserem humanitären Mandat, Hilfe unabhängig von ethnischer oder politischer Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht und Nationalität zu leisten. Diese Unparteilichkeit bedeutet auch, mit allen Parteien zu sprechen. Etwa, um einen sicheren Zugang zu Hilfe zu verhandeln. Denn am wichtigsten ist jetzt der humanitäre Zugang zu den betroffenen Menschen. Ansonsten kann der Bedarf kaum ermittelt und gedeckt werden.

Alle Bündnisorganisationen von Aktion Deutschland Hilft sind gemeinnützige und nichtstaatliche Hilfsorganisationen. Das heißt, dass sie die anvertrauten Mittel selbst ausgeben und nicht an Regierungen oder andere politischen Stellen weitergeben. Außerdem verfügen wir über strenge interne Kontrollmechanismen, um Korruption vorzubeugen.

Weitere Informationen:


Danke, dass Sie Mitgefühl zeigen. Wir werden uns heute und in Zukunft dafür einsetzen, dass jeder Mensch ein Leben in Sicherheit und Würde leben kann.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet dringend um Spenden für die weltweite Nothilfe

Spenden-Stichwort: Nothilfe weltweit
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