von Aktion Deutschland Hilft
In vielen Gebieten der Welt sind humanitäre Helfer:innen großen Risiken ausgesetzt. Manchmal müssen sie selbst plötzlich vor Gewalt fliehen oder werden selbst Betroffene einer Katastrophe. Nicht selten riskieren sie in Krisengebieten ihr eigenes Leben, um anderen zu helfen:
- Gaza: Mohammeds täglicher Einsatz für sauberes Wasser
- Sudan: Hoffnung bewahren – Yasirs humanitäre Mission im Sudan
- Venezuela: Als die Erdbeben Ketsy selbst zur Betroffenen machten
- Haiti: Wie Stéphania Menschen ihre Selbstständigkeit zurückgibt
- Libanon: Wenn Mitarbeitende selbst zu Betroffenen werden
Humanitäre Hilfe bedeutet nicht nur, auf plötzliche Katastrophen zu reagieren. In lang anhaltenden Konflikten geht es oft darum, das tägliche Überleben zu sichern. So wie für Mohammed. Im Gazastreifen setzt er sich dafür ein, dass Familien Zugang zu sauberem Wasser erhalten.
Wasser für Gaza: Mohammeds täglicher Einsatz für vertriebene Familien
Wenn Mohammed im Gazastreifen unterwegs ist, sieht er Trümmer, Hunger und Menschen, die nicht genug Wasser haben. Er ist Programmmanager bei Palestinian Environmental Friends (PEF), einem lokalen Partner von arche nova. Zusammen versorgen sie Tausende Menschen mit sauberem Wasser.
Die Kämpfe haben Spuren im Gazastreifen hinterlassen. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren im Juni 2026 82 Prozent der Menschen von Wasserunsicherheit betroffen. 70 Prozent der Menschen haben nicht mal das Minimum von sechs Litern am Tag zur Verfügung.
Ayat Riad Adwan gehört zu den Menschen, die PEF schon erreicht hat. Ihre Geschichte steht stellvertretend für Hunderttausende Vertriebene in Gaza. Vor mehr als zwei Jahren ist die Familie aus ihrem Zuhause im Norden des Palästinensischen Gebiets vertrieben worden. Heute lebt Ayat mit ihren vier Kindern im Camp Canda Al Ahed in Chan Yunis. Sie teilen ein kleines Zelt mit einer weiteren Familie.
Monatelang lief Ayat täglich mehr als einen Kilometer zu einer öffentlichen Wasserstelle und wartete dort drei oder vier Stunden. Manchmal war das Wasser aufgebraucht, bevor sie an die Reihe kam. Dann musste sich die Mutter von vier Kindern entscheiden, ob sie ihre äußerst knappen Mittel für Wasser oder Lebensmittel ausgibt.
Ayat kann aufatmen
“Wenn das Wasser regelmäßig kommt, kann ich aufatmen. Ich kann meinen Kindern ohne Angst etwas zu trinken geben. Ich kann ihre kleinen Hände waschen”, sagt Ayat. Die Wasserlieferungen von PEF sparen ihr lange Wege und Zeit. Das Wasser gebe ihr “das Gefühl zurück, wieder Mensch zu sein”.
Seit Juli 2026 läuft das gemeinsame Nothilfe-Projekt von PEF und arche nova Das Ziel: Sechs Liter Wasser pro Person und Tag für 4.770 Menschen. Das Trinkwasser stammt aus Entsalzungsanlagen und wird per Tankwagen zu den Ausgabestellen gebracht. Weitere 19 Liter Brauchwasser pro Person und Tag kommen aus vier Brunnen. Dieses Wasser steht für Körperhygiene, Wäsche und Haushalt zur Verfügung. Besonders gefährdete Menschen wie Kinder, Frauen, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen werden gezielt berücksichtigt.
“Eine Frage des Überlebens”
Dafür sind die Helfer:innen um Mohammed unermüdlich im Einsatz. Er sagt:
“In Gaza ist humanitäre Hilfe nicht einfach nur wichtig – sie ist eine Frage des Überlebens. Für unzählige vertriebene Familien ist schon der Weg zu einem Glas sauberem Wasser ein täglicher, kräftezehrender Kampf. Bei unserer Arbeit mit arche nova geht es darum, dieses grundlegendste menschliche Bedürfnis wiederherzustellen.”
Sauberes Wasser, medizinische Versorgung und Schutz: Was für viele Menschen selbstverständlich ist, bleibt in Konfliktgebieten oft unerreichbar. Auch Yasir erlebt täglich, wie dringend diese Hilfe im Sudan gebraucht wird.
Hoffnung bewahren: Yasirs humanitäre Mission im Sudan
Yasir ist Geschäftsführer der sudanesischen Organisation Answering The Call (ATC). Gemeinsam mit der Bündnisorganisation Malteser International leistet er im Sudan medizinische Nothilfe sowie Hilfe in den Bereichen Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene.
Viele Menschen im Sudan leben seit Jahren unter den Folgen von Gewalt und Vertreibung – ohne ausreichende medizinische Versorgung und ohne Zugang zu sauberem Wasser. Bewaffnete Konflikte, Kontrollpunkte, unwegsames Gelände und eine schlechte Infrastruktur erschweren Yasir und seinem Team den Zugang. Zu sehen, wie Gemeinschaften ihre Kraft, ihre Hoffnung und ihre Würde zurückgewinnen, treibt ihn jedoch Tag für Tag an, sich den zahlreichen Herausforderungen seiner Hilfstätigkeit zu stellen.
Yasirs Arbeitstag beginnt um 7 Uhr und endet oft erst zehn Stunden später. Als Geschäftsführer der sudanesischen Organisation Answering The Call (ATC) koordiniert er gemeinsam mit seinem Team humanitäre Hilfe in einer abgelegenen und von Konflikten geprägten Region.
Seit Mai 2026 unterstützt das Team Menschen in zwei der 16 Landkreise der Nuba-Berge, im Süden des Landes, in denen insgesamt schätzungsweise 700.000 Menschen leben. Die meisten von ihnen sind Binnenvertriebene. Yasir und sein Team klären die Menschen über Hygiene auf, ermöglichen den Zugang zu sauberem Wasser, verteilen wichtige Medikamente und bilden ehrenamtliche Gesundheitshelfer:innen in den Gemeinden aus.
“Humanitäre Hilfe bedeutet, Leben zu retten – und neue Hoffnung zu geben, gerade dann, wenn die Hoffnung zu schwinden droht”, sagt Yasir. Besonders berühren ihn die Momente, in denen Menschen nach langer Unsicherheit wieder sauberes Wasser oder medizinische Versorgung erhalten.
Arbeiten unter hohem Risiko
Die Sicherheitslage in der Region bleibt unberechenbar. Manche Gemeinden sind aufgrund bewaffneter Konflikte, blockierter Checkpoints oder unwegsamen Geländes über Wochen oder Monate nicht erreichbar. Die Hilfe kommt dann verspätet – oder erreicht die Kinder, Frauen und Männer im schlimmsten Fall gar nicht.
Für Yasir ist die größte Herausforderung jedoch die Finanzierung. Bislang konnte das Team nur wenige Landkreise versorgen. Viele Menschen warten weiterhin dringend auf Unterstützung.
Trotzdem macht der Helfer weiter. Er ist überzeugt, dass auch begrenzte Hilfe viel bewirken kann, wenn sie die Menschen erreicht und ihre Würde achtet. Für ihn sind sie nicht bloß Empfänger:innen, sondern Partner:innen beim Wiederaufbau ihrer Gemeinschaften.
Hilfe nach humanitären Prinzipien
Yasir begegnet den Menschen mit Menschlichkeit, Empathie und Respekt. Hilfe soll unabhängig von Herkunft oder Lebenssituation dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht wird.
“Humanitäre Hilfe bedeutet für mich, Menschen in Würde zu unterstützen und ihnen einen Grund zu geben, wieder zu hoffen.”, so Yasir.
Wie Yasir engagiert sich auch Ketsy für Menschen in Not. Doch während er in einer lang anhaltenden Konfliktregion arbeitet, wurde die Mitarbeiterin einer venezolanischen Hilfsorganisation innerhalb weniger Sekunden selbst zur Betroffenen einer Katastrophe.
Als die Erdbeben Ketsy selbst zur Betroffenen machten
Auch Ketsy wurde von einer Helferin zur Betroffenen. Und das innerhalb weniger Sekunden. Nur 39 Sekunden lagen zwischen den zwei schweren Erdbeben, die Ende Juni 2026 den Norden Venezuelas erschüttert hatten. Tausende Menschen sind tot, Zehntausende verletzt oder vermisst.
Ketsy ist Mitarbeiterin der Hilfsorganisation LasComaesAndantes, dem venezolanischen Partner von LandsAid. Die lokale Partnerorganisation unterstützt besonders vulnerable Menschen und Familien, die auch schon vor den Erdbeben dringend auf Unterstützung angewiesen waren. Die Katastrophe hat die Situation in einem Land, das ohnehin geprägt von Armut, Flucht und wirtschaftlicher Unsicherheit ist, verschärft.
“Wir hatten großes Glück, dass wir uns gerade auf einer freien Fläche befanden. Innerhalb weniger Sekunden hat sich der Boden angefühlt wie Wackelpudding. Das Wasser eines kleinen Sees bewegte sich, als würde es kochen. In der Ferne schwankten Baukräne bedrohlich hin und her. Ich konnte sehen, wie sich der Boden bewegte.”
Ketsy, Mitarbeiterin der Hilfsorganisation LasComaesAndantes, dem venezolanischen Partner von LandsAid
Menschen rannten zwischen Trümmern umher. Haustiere irrten orientierungslos durch die Straßen. An manchen Gebäuden waren ganze Außenwände eingestürzt, sodass Wohnungen völlig offen lagen. Überall waren Schutt und Glasscherben. “Erst da begann ich zu realisieren, was wirklich passiert war”, sagt Ketsy.
Unter Schock
Obwohl sie die Zerstörung mit eigenen Augen sah, schien das Erlebte zunächst kaum greifbar. “Ich glaube, ich stand unter Schock. Es fühlte sich fast wie Verleugnung an.”
Ihr erster Gedanke nach dem zweiten Beben: ihre kleine Tochter, die mit dem Vater zu Hause war. Sofort rief sie an – und erhielt Entwarnung: Das Mädchen hatte während des Bebens geschlafen und war nur kurz von den Erschütterungen aufgewacht.
Die Erdbeben hinterließen auch Schäden in Ketsys eigener Wohnung: umgestürzte Möbel, zersplitterte Fensterscheiben, Scherben und geplatzte Wassertanks, die Teile des Gebäudes überflutet haben. Doch obwohl die Helferin selbst mit den Folgen der Katastrophe zu kämpfen hat, setzt sie seither ihre Kraft dafür ein, anderen Betroffenen zur Seite zu stehen und Hilfe zu organisieren.
Auch Stéphania erlebt täglich, wie Krisen das Leben von Menschen verändern. Als Physiotherapeutin unterstützt sie Vertriebene in Haiti dabei, ihre Beweglichkeit, Selbstständigkeit und ihr Vertrauen in die Zukunft zurückzugewinnen.
Wie Stéphania in Haiti Menschen ihre Selbstständigkeit zurückgibt
Für Stéphania ist Physiotherapie mehr als ein Beruf. Als haitianische Physiotherapeutin der Bündnisorganisation Handicap International unterstützt sie in der Hauptstadt Port-au-Prince Vertriebene, die vor der Gewalt geflohen sind und oft alles verloren haben. Ihre Arbeit zeigt, was lokale Helfer:innen leisten: Sie kennen die Lebensrealität der Menschen, arbeiten unter schwierigsten Bedingungen und geben ihnen mit Fachwissen, Geduld und Mitgefühl ein Stück Selbstständigkeit zurück.
In Haiti ist der Bedarf an Physiotherapie groß. Die eskalierende Bandenkriminalität hat mehr als 1,4 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Viele leben in prekären Situationen in Notunterkünften. Verletzungen, Krankheiten und der fehlende Zugang zu medizinischer Versorgung können langfristige körperliche Einschränkungen zur Folge haben.
“Ich wollte einen nützlichen Beruf ausüben, in dem ich Menschen helfen kann”, sagt Stéphania. Zugleich möchte sie dazu beitragen, die Physiotherapie in Haiti weiterzuentwickeln und die Lebensqualität der Menschen in ihrer Gemeinschaft zu verbessern.
Hilfe unter schwierigen Bedingungen
Stéphania arbeitet in Notunterkünften, in denen wenig Platz ist und manche Menschen direkt auf dem Boden schlafen. Einen festen Behandlungsraum gibt es nicht. Das Team bringt seine Ausrüstung täglich mit und richtet zwischen Betten und provisorischen Raumteilern einen Behandlungsplatz ein.
Auch für die Patient:innen ist die Teilnahme an den Sitzungen nicht selbstverständlich. Einige haben nicht genug zu essen oder benötigen zunächst eine fachärztliche Behandlung, die für sie nicht erreichbar ist. Die prekären Lebensbedingungen verschlimmern ihre gesundheitliche Situation zusätzlich.
Arbeiten unter dem Risiko von Gewalt
Die Unsicherheit prägt auch den Alltag der Helfer:innen. Stéphania und ihr Team arbeiten teilweise in der Nähe von Konfliktgebieten. Es besteht die Gefahr von Querschlägern, Angriffen oder Entführungen. Die ständige Bedrohung löst bei den Menschen vor Ort Angst und erhöhte Wachsamkeit aus. Gelegentlich erleben die Helfenden auch verbale Angriffe von Menschen, die sehr verzweifelt sind.
Trotzdem setzt Stéphania ihre Arbeit fort. Sie begegnet den Menschen mit Menschlichkeit und Respekt – unabhängig von ihrer Herkunft oder Lebenssituation.
Jeder Fortschritt zählt
Rehabilitation braucht Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen. Stéphania passt die Übungen an die jeweiligen Bedürfnisse und Lebensumstände ihrer Patient:innen an. Besonders motivieren sie deren Fortschritte: Manche können sich wieder sicherer bewegen oder alltägliche Aufgaben selbst übernehmen. “Jeder Mensch, der Fortschritte macht und dessen Lebensqualität sich verbessert, zeigt mir, dass meine Anwesenheit und mein Engagement etwas bewirken”, sagt sie.
Gemeinsam mit Stéphania erarbeiten sich Menschen mit Behinderungen wieder mehr Würde, Selbstbestimmung und neue Perspektiven. “Humanitäre Hilfe bedeutet für mich, Menschen mit Professionalität und Mitgefühl zur Seite zu stehen – und dazu beizutragen, dass jede und jeder wieder Hoffnung schöpft.”
Humanitäre Helfer:innen wie Stéphania unterstützen Menschen oft dort, wo Unsicherheit und Gewalt zum Alltag gehören. Im Libanon hat diese Realität auch die Mitarbeitenden der Organisation Mousawat eingeholt.
Wenn Mitarbeitende im Libanon selbst zu Betroffenen werden
Trotz immer wieder brüchiger Waffenruhe sind und waren die Helfer:innen von Mousawat, einer libanesischen Partnerorganisation von AWO International, im Libanon im Einsatz. Sie laden Medikamente, Verbandsmaterial und Notfallrucksäcke in Fahrzeuge und sind als mobile Teams in Notunterkünfte in Beirut, der Bekaa-Ebene, nach Saida oder Tyros im Einsatz.
Dort erleben sie oft Bedrückendes: überfüllte Klassenzimmer, Familien, die auf dem Boden schlafen, ältere Menschen ohne Medikamente, traumatisierte Kinder, Menschen mit Behinderungen, die keine geeigneten Hilfsmittel haben. Die Teams zögern nicht: Sie halten medizinische Sprechstunden ab, verteilen Medikamente und Hilfsmittel, identifizieren Notfälle, die sofort in Krankenhäuser verlegt werden müssen, und bieten psychosoziale Unterstützung an.
Der 8. April bleibt dem Team von Mousawat als schwarzer Mittwoch im Gedächtnis. Der Tag begann wie so viele andere: Mobile medizinische Teams fuhren zu Sammelunterkünften in Jnah und Barbir, ein Physiotherapeut machte Hausbesuche in Beirut. Alles Routine in einem Alltag im Ausnahmezustand.
Gegen 14:15 Uhr änderte sich alles. Mehrere Luftangriffe trafen das belebte Wohnviertel Corniche Mazraa, nur wenige Meter vom Büro der Hilfsorganisation entfernt. Aus einem normalen Arbeitstag wurde innerhalb von Sekunden ein Moment purer Angst.
Mitarbeitende warfen sich zu Boden, versteckten sich unter Tischen, einige brachen in Tränen aus, andere erlitten Panikattacken.
Helfende, die selbst vertrieben sind
Viele Mitarbeitende von Mousawat sind selbst betroffen. Einige haben ihre Häuser verloren, leben bei Verwandten oder unter provisorischen Bedingungen. Trotzdem stehen sie jeden Morgen auf, ziehen ihre Weste an und fahren zu Einsätzen.
Diese Geschichten verdeutlichen etwas, das oft übersehen wird: Humanitäre Helfer:innen stehen nicht abseits der Krise. Sie leben in denselben Städten, nutzen dieselben Straßen, fürchten um ihre eigenen Familien – und sind gleichzeitig stark für andere. Wenn Erdbeben ganze Orte zerstören, Krankheiten sich ausbreiten oder Menschen vor humanitären Katastrophen fliehen müssen, sind sie da, um zu helfen.
Dass Helferinnen und Helfer weltweit Millionen Menschen in Not helfen können, machen Sie durch Ihre Spende möglich. Dafür möchten wir Ihnen von Herzen danken.
+++ Spendenaufruf +++
Aktion Deutschland Hilft, Bündnis der Hilfsorganisationen,
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