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NahostkonfliktBeirutBlog: Thomas Schwarz, Pressesprecher von CARE

24-08-2006

Thomas Schwarz, Pressesprecher von CARE International Deutschland ist als Mitglied eines CARE-Erkundungsteams in Beirut. Er berichtet regelmäßig von seinen Eindrücken aus der Hauptstadt Libanons und der humanitären Krise im Nahen Osten.

18.08.06 Arbeiten ohne Bomben und Hassans Blässe

„Wenn es keine Bomben gibt, kann man besser arbeiten.“ Eliane Masry hat das in einem Interview vor ein paar Tagen gesagt. Dieser Satz faßt alles zusammen, was uns hier intensiv bewegt hat – seit mehr als zwei Wochen. Jetzt ist er ja da, der Waffenstillstand, und irgendwie findet Beirut Stunde für Stunde zu dem zurück, was man „Normalität“ nennt. Die Bomben sind weg. Kein Zählen von Explosionen mehr. Keine Zusammenzucken, wenn die Einschläge immer näher zu kommen schienen.

16.08.06 Ronaldinho, Waffenstillstand und Margaret

„Warum bist Du hier?“, fragt mich der zehnjährige Ali auf einem Schulhof, auf dem wir in der Nähe von Beirut gestern weitere Hilfsgüter verteilt haben. Er hat seine Hände vor der Brust verschränkt und weicht zunächst jedem meiner Blicke aus. „Naja“, antworte ich. „Ich will hier ein wenig helfen. Deswegen bin ich hier.“ Dann schaut er mich plötzlich mit seinen nervösen, großen Augen an, fixiert mich und sagt: „Aber es ist doch Krieg!“

Als wir uns begegneten, war der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hizbullah gerade zehn Stunden in Kraft. Ali war mir aufgefallen, weil er einer der wenigen Kinder war, die sich anfangs deutlich im Hintergrund hielten, als wir mit unserem pick-up dort ankamen. Er beobachtete. Stand abseits. Er schlich um die herumstehenden Autos herum. Mit dem T-Shirt, das er trug, fand ich einen Anknüpfungspunkt. Es war das Trikot der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft. Fußball! Überall begegne ich diesem Sport, überall bietet er Gesprächsstoff. Der anfangs so scheu wirkende Junge aus Dahir, dem südlichen Beiruter Vorort, zeigte mit den Daumen nach unten und erklärte lachend: „Germany down!“ und rief gleich darauf: „Ronaldinho!“

Die Ronaldinhos dieser Welt sind es, die den Kindern dieser Welt als Vorbild dienen. Sie sind ihnen personifizierte Ziele Sie münden in einem einfachen, wenngleich anspruchsvollen Satz: Man kann es schaffen. Das ist es, was diese Namen bedeuten, in allen Sprachen dieser Welt.

Der Waffenstillstand hält nun schon den dritten Tag. Hier und da ist er noch brüchig: Raketen gegen Israel, Gefechte am Boden und Truppenbewegungen. Aber der Krieg scheint vorüber zu sein. Alle hoffen, daß es so bleibt. Das hofft auch Margaret McCarthy, die zu uns gestoßen ist. Sie ist Australierin und von ihrer Firma für die CARE-Arbeit in Beirut und dem Libanon freigestellt worden. Bei den Hilfslieferungen in Beit Mery war sie schon dabei. Sie ist Logistikerin und leistet wichtige Dienste. So eine humanitäre Katastrophenhilfe ist eine ungeheuer komplexe Architektur.

Es ist merkwürdig: Wenn eine Tür heftig zugeschlagen wird oder – wie gestern geschehen – jemand einen Teppich ausklopft, erschrecke ich ein wenig. Ich denke dann immer im ersten Moment, es seien wieder Bomben gefallen und explodiert. Aber der Krieg hat jetzt erst einmal aufgehört.

13.08.06 Eine Behausung ohne Fenster und die Würde der alten Frau

Innerhalb von vielleicht drei Minuten zwanzig Explosionen: Gegen drei Uhr am Sonntagnachmittag war das, irgendwo im Süden Beiruts. Wir könnten es in unserem Hotel deutlich hören, lauter als sonst. Und die Hizbullah hat heute wieder viele Raketen gegen Israel abgeschossen. Das ist der Tag vor dem erwarteten Schweigen der Waffen. Wenn die Waffenruhe wirklich hält, können wir mehr helfen als bisher, auch im Süden.

Gestern waren wir in den Bergen oberhalb Beiruts, in kleinen Dörfern, die am Hang liegen und von wo aus man die Hauptstadt des Libanon sehr gut sehen kann. Wir haben „erste Hilfe“ geleistet. Bei Menschen, die nur ihre Kleider am Leib trugen, als sie hier ankamen. In einer alten Schokoladenfabrik zum Beispiel sind sie mit hundert Leuten untergebracht. Sie haben nur eine Toilette, und die Fenster haben kein Glas. Sie haben keine Waschmittel und keine Seife. Es fehlt an Hygiene, an Windeln für die Babies. Olivier und Megan vom CARE-Team waren am Donnerstag und Freitag in den Bergen und haben diese Informationen mitgebracht. Sie erzählten von ebensovielen Flüchtlingen, die unterhalb einer großen Garage in einem alten Werbestudio leben: Alle in diesem einen Raum, etwa 300 qm groß. Dort gibt es kein Fenster und nur einen Ventilator. Und dann erzählten sie von den anderen, die auf einem kirchlichen Gelände leben, das früher von der syrischen Armee benutzt worden war.

Freitagabend haben wir uns zusammengesetzt und eine Liste erstellt: Zahnbürsten, Eimer, Wasserkanister, Besen und Kochtöpfe, in den man auch braten kann. Außerdem Waschpulver und Besteck, Handtücher und Binden. Am Samstagvormittag haben wir dann eingekauft, bei lokalen Händlern. So wird wenigstens die hiesige Wirtschaft ein wenig unterstützt, wo doch der Tourismus wegen des Krieges zusammengebrochen ist. Nachmittags sind wir mit drei Autos in die Berge vor Beirut gefahren und haben verteilt. Am Tag vorher war noch ein pick-up irgendwo beschossen worden, hatten wir in der Zeitung gelesen. Er war mit angeblich Melonen beladen gewesen.

Und wieder diese Begegnungen. Wieder diese Gesichter, vom Krieg und von der Flucht gezeichnet, mit ängstlichen, traurigen Augen. Und wieder vor allem die Kinder, traumatisiert von Krieg und Flucht. Aber dann, oben auf dem Gelände, wo früher die syrische Armee war, diese alte Frau. Ihr weißes Kopftuch wurde durch eine Sicherheitsnadel unterhalb des Kinns zusammengehalten. Sie saß draußen vor dem Haus, auf einer Matratze. Gemeinsam mit ihrer Enkelin und deren Kindern verbrachte sie den Tag. Sie saß da, aufrecht und lächelnd. Sie wartete auf Neuigkeit von ihrem Urenkel, der – übersät mit Verwundungen – in ein Krankenhaus gebracht worden war. Sie lächelte, als sie hörte, daß es ihm besser gehe. Sie stand sogar auf, als unsere Autos angekommen waren. Gebeugt, gebückt und auf einen Stock gestützt. Dabei strahlte sie eine unglaubliche Würde aus. Sie für mich nicht nur der Mittelpunkt ihrer Familie, die sich um sie scharte. Sie war ebenso für mich der Mittelpunkt eines ganzen Tages.

11.08.06 Sonne und Regen, Hoffnung und Kinder

Gestern Mittag, es war so gegen zwanzig nach zwei: Wir waren gerade unterwegs, als sich eine Menschentraube an einer Straßenecke bildete. Die Finger der Leute zeigten auf irgendetwas da oben, am Himmel. Zunächst war durch die starke Sonne kaum etwas zu erkennen. Dann erkannte man zahllose Flugblätter wie Konfetti vom Himmel regnen. Wenig später konnten wir lesen, was darauf stand: Bitte verlassen Sie die Stadtteile. Drei waren genannt worden. Das machen die Israelis, bevor sie bestimmte Ziele bombardieren, um die Menschen zu warnen. Wenig später, im Sanayeh Garden füllte sich der Park nach und nach. Offenbar haben die Menschen diese drei Stadtteile sofort verlassen und sind in den westlichen und östlichen Teil der Stadt gekommen.

Wir warten. Stündlich warten wir, lesen Nachrichten, telefonieren, spekulieren und hoffen. In New York tagt der Sicherheitsrat der sogenannten Vereinten Nationen. Die entscheidenden Leute tun was sicher auch: Warten, telefonieren, spekulieren. Was sie sicher zusätzlich tun, ist kalkulieren: Was, wenn wir diese Formulierung wählen oder jene. Was könnte das bedeuten? Hier, in Beirut und im ganzen Land, will niemand formulieren. Hier wollen die Menschen Frieden, das Ende des Krieges. Sie sind, wie immer, machtlos. In diesen Tagen erinnere ich mich immer wieder an einen der schönsten Sätze, die ich kenne: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Ramadan ist angekommen, endlich. Er ist Palästinenser und arbeitet für schon länger für CARE. Er unterstützt uns jetzt bei der Umsetzung der Programme, die wir hier planen. Das ist gut, denn wir brauchen hier jeden Mann und jede Frau. Was mindestens so ebensogut ist: Daß Ramadan gerne lacht. Das ist wichtig in einer Umgebung, in der Bomben fallen, der Strom immer wieder ausfällt und Krieg herrscht. Für den Fall nächtlicher Stromausfälle habe ich immer eine Taschenlampe auf meinen Nachttisch liegen. Und die Treppe vom fünften Stock bis ganz nach unten kenne ich auch schon. Ich lache auch gern. Das hilft ungemein. Und es ist ansteckend, habe ich irgendwo gelesen.

Gestern Morgen war ich am Place de l’Étoile, im wunderschönen, restaurierten Zentrum Beiruts. Dort steht ein wunderschöner Obelisk an einem Kreisverkehr. Die Mitte des Platzes dient jetzt als „Open Air Museum“. Die Ausstellung heißt: „Planes vs. Children“, und sie zeigt fürchterliche Bilder von Kindern, die Opfer dieses Krieges wurden. Um den Platz herum gibt es viele Kirchen und Moscheen. Katholische, evangelische, griechisch-orthodoxe und anglikanische. Ali sagte mir: „Ich habe einen Visumantrag für Italien hier. Vielleicht gehe ich auch nach Kanada, da lebt mein Bruder.“ Er fragt immer und immer wieder: „Warum?“ Wir haben einen türkischen Kaffee getrunken, mit wenig Zucker. Als wir uns verabschieden, sagt er: „Vielleicht zerreiße ich auch den Antrag und bleibe in meinem Land.“

09.08.06 Gewitter, Lachen und ein bisschen Hoffnung

Unser CARE-Team arbeitet nun schon am sechsten Tag in Beirut. Irgendwie sind die Bomben, die in der Nähe fallen, zum Bestandteil des Alltags geworden. Sie sind eben da. Nur vorgestern, abends gegen halb acht, gab es eine Ausnahme. Wir wollten gerade zum Essen in ein indonesisches Lokal gehen. Ich wartete draußen vor dem Hotel auf die anderen. Plötzlich hörte ich eine Explosion. So wie immer, also irgendwie „normal“. Man hört das Explodieren der Bomben, die im Süden der Stadt fallen, jeden Abend, manchmal auch am späten Nachmittag. Heute war es anders. Die dritte hintereinander folgende Explosion schüttelte die Luft. Wie bei einem heftigen Gewitter, wenn die Donner dem Blitz folgen. Es klang so nah wie noch nie. Die sonst so ruhigen Hotelmitarbeiter reagierten anders: Sie zogen nicht nur die Augenbrauchen hoch und zuckten mit den Schultern. Sie schauten nach oben. Es war das erste Mal, daß ich das beobachtete. Sie waren zum ersten Mal nervös und unruhig, aber nur für ein paar Sekunden. Sekunden des Schreckens. Dann lächelten wir uns gegenseitig mutmachend und erleichtert an.

„Hey, you’re in the team“, sagte Megan Chisholm, unsere Team-Leiterin. Sie lächelte dabei Eliane Masry an, die uns vom ersten Tag an schon unterstützt hat. Aber jetzt ist sie so richtig offiziell dabei, im Team eben. Sie ist Österreicherin und lebt seit Jahren in Wien. Eines Tages hatte sie den Flug Beirut-Budapest genommen und ist dann von dort aus nach Wien geflogen. Sie hat in Graz studiert, spricht fließend deutsch, englisch, französisch und ein wenig spanisch. Arabisch selbstverständlich sowieso. Sie ist eine riesige Hilfe. Nicht nur, weil sie hervorragend dolmetschen kann. Sie kennt – wie man so sagt – Land und Leute. Und was eigentlich das Wichtigste ist: Sie kann lachen, und das tut sie viel, und sie steckt uns damit an. Das ist in Tagen wie diesen hier in Beirut wichtig.

Gestern war der Außenminister da, Walter Steinmeier. Er hat Gespräche mit der libanesischen Regierung geführt. Dann ist er weiter nach Israel geflogen. Er will helfen, endlich wieder Frieden zu schaffen. Er kam mit zwei französischen Militärhubschraubern unten am Beiruter Hafen an. Zwischen seinen vielen Gesprächen – die haben Außenminister immer, oft sehr kurze – hatte ich die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Auch sehr kurz. Aber ich konnte ihm sagen, daß die humanitären Organisationen, auch CARE, große Schwierigkeiten haben. Es gibt keine humanitären Korridore, Wege und Straßen also, die man gefahrlos benutzen kann, um Menschen in Not helfen zu können. Er hat aufmerksam zugehört. Und ich hatte den Eindruck, daß er das verstanden hat. Hoffentlich tun das die beiden Seiten, die Krieg gegeneinander führen, auch.

09.08.06 Ich bin in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Ich bin ein Glückspilz.

Gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft traf ich einige der besten Fußballspieler weltweit: Ronaldinho, Roberto Carlos, Zinedine Zidane, Ballak, Buffon, Lehmann. Ich traf Spieler von Barcelona und Bayern München, von Chelsea und von Madrid. Ich traf alle sie in einer Schule in Beirut, dort leben sie als Flüchtlinge im eigenen Land. Und sie alle waren nicht älter als 17. Der jüngste, Mohamed Baker Nasser, er ist 12 und schlau und hat Humor. Er ist der „beste Torwart der Welt“, sagt er augenzwinkernd, und er wird später einmal in Brasilien spielen. Aber nur, wenn er in die Nationalmannschaft kommt. Drunter tut er es nicht.

Alleine hier, im „Paris des Ostens“, wie Beirut auch genannt wird, leben derzeit mehr als hunderttausend Menschen, die ihre Dörfer, Plantagen, ihre Arbeit und ihre Schulen verlassen mußten. Es herrscht Krieg im „Zedernland“. Muhamed und seine Freunde kommen aus den südlichen Vorroten oder aus dem Süden des Landes. Sie sind geflohen, als die Bomben kamen. „Ronaldinho“ erzählt mir, daß sein Haus gerade beschossen wurde und er mit seiner Familie fliehen mußte. Jetzt lebt er in einer Schulklasse mit anderen Familien unter einem Dach zusammen. Sie haben eine Küche, ein Wohnzimmer und das Schlafzimmer, genauer gesagt: einen kleinen Gasherd mit einer Flamme, einige Schulstühle und eine Schulbank als Tisch. Bis zu 25 Menschen leben in einem 25 qm großen Raum. Es gibt Toilette auf jeder Etage. Dort gehen sie nicht nur zur Toilette. Sie waschen sich dort und auch ihre Wäsche, in dem einen Waschbecken, das es gibt: Männer und Frauen, Jungs und Mädchen.

„Ballak“ ist 15 und stellt mir seinen großen Bruder vor: „Er paßt auf mich auf“, sagt er und schaut stolz und auch ein wenig ängstlich zu ihm hoch. Sie spielen mit den Jungs von den anderen Stockwerken Fußball, immer nachmittags um fünf, nach dem Gebet. Dann dürfen sie eine Stunde auf den Schulhof. Er fand Deutschland ganz toll bei der WM, und er kann gar nicht verstehen, daß Klinsmann aufgehört hat und wieder in die USA geflogen ist. Solche Gespräche über Fußball und die ganz Großen der Welt lenken die Kinder von den schrecklichen Erlebnissen ihrer Flucht ein wenig ab. In der Sprache mancher Psychologen würde man das wohl „psycho-soziale Gesprächstherapie“ nennen. Für mich waren es beeindruckende Begegnungen mit Jugendlichen in einem von Krieg und Zerstörung zerrissenen Land.

Buffon heißt ja eigentlich Muhamed und hält wie ein Großer. Mit seinen Freunden lädt er mich zum Elfmeterschießen ein. Ich versuche es fünf Mal, aber ich schaffe es nicht. Er ist einfach gut. Er wird das seinen vier Geschwistern und seinen Eltern erzählen, wenn er wieder vom Schulhof in sein Zimmer geht. Mir hat er erzählt, daß die „Häuser zum Boden gebracht wurden“, wie er es ausdrückt, und daß er dann mit seinem Onkel und den anderen im Auto nach Beirut geflüchtet ist. Welche Vorstellung er von seinem Leben hat, weiß er – abgesehen vom Fußball – nicht so genau. Aber er will, daß sich seine Heimat Libanon entwickelt. „Wie?“, frage ich ihn. Er antwortet, auf englisch:“To the max.“

Seine Freunde wollen auch Fußballer werden, oder Basketballer – bei Barcelona zum Beispiel. Und die beiden Mädchen, die dabeistehen und zuhören, wollen eine gute Mutter und Hausfrau, Apothekerin oder Ärztin werden. Und sie wollen Frieden in ihrem Land, so, wie bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, sagen sie. Daß alle gegeneinander spielen und sich direkt danach die Hände reichen und Trikots tauschen.

Ich bin In Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Und ich bin wirklich ein Glückspilz, diese jungen Flüchtlinge getroffen zu haben. Ihre Gesichter zeigten friedliche Entschlossenheit, die Fragen der Zukunft sportlich und friedlich anzugehen.

07.08.06 Feigen, Fußball und Benzin

Hawid lebt mit seiner Mutter in den Bergen, nicht weit von Beirut entfernt. Sein Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Die Fahrt mit dem Auto nach Beirut am Morgen dauert höchstens zehn Minuten. Hawid ist Anfang 30 und einer unserer beiden Fahrer. Sie kennen die Stadt sehr gut, und auch die Berge. „Zur Zeit werden gerade die Trauben geerntet“, sagt Hawid: „Morgen bringe ich Dir welche mit, und Feigen.“ Während ich im Hotel sitze und meinen zweiten BeirutBlog schreibe, ist er unterwegs und organisiert Benzin. Vor den Tankstellen haben sich lange Schlangen gebildet. Die Versorgung mit Treibstoff hängt an einem seidenen Faden. Die israelische Armee hat zwar Tankern eine Sicherheitsgarantie gegeben, ihre Ladung im Hafen von Beirut zu löschen. Aber die Versicherungen wollen das Risiko nicht abdecken. Andere haben noch existentiellere Probleme mit Benzin: „Noch zwei Tage, “ so sagt ein Sprecher des libanesischen Krankenhausverbandes  gerade im Fernsehen, „und wir müssen die Krankenhäuser schließen. Dann können wir nicht mehr operieren.“

Ayman hat sein Haus für die Fußball-Weltmeisterschaft in schwarz-rot-gold gestrichen und eine große Deutschlandfahne herausgehängt. Er trägt ein Trikot mit der Nummer 18 auf dem Rücken. Darunter steht groß der Name Ballak. Ayman ist Ende 20 und unser zweiter Fahrer. Als wir uns kennenlernten, erzählte mir der 28jährige mit strahlenden Augen, wie begeistert er und seine Freunde Deutschland bei der WM unterstützt hätten. Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Seiner Familie und seinen Freunden hat er schon erzählt, dass ein Deutscher im CARE-Team ist und dass er mich mitbringen werde, damit ich das „Deutschland-Haus“ in den Bergen vor Beirut sehen kann. Als ich ihn am Samstagmorgen fragte, wie es ihm gehe und wie ob er gut geschlafen habe, sagte er: “Ich hatte Angst.“ Er konnte – wie alle in Beirut und dem Umland – die heftigen Explosionen hören in einer der schlimmsten Kriegsnächte in drei Wochen.

Beirut im Sommer. Sonntag, siebenunddreißig Grad. Das Mittelmeer in Sichtweite, und in den Cafés sitzen entspannte Menschen. Diskutierend, lesend, lauschen und beobachtend. Hektische Verkehrspolizisten haben alle Hände voll damit zu tun, den Verkehr zu regeln. Jugendliche geben mit ihren lauten Mofas an, und Liebespaare schlendern an geöffneten Geschäften der Hamra-Straße vorbei. So ist der Sommer in Beirut – normalerweise. „Jedenfalls dann, wenn kein Krieg ist“, sagt Hawid und sieht sehr traurig aus. Heute Abend fahre ich in den Süden der Stadt, wo es „ziemlich sicher ist“, sagt mir eine Beiruterin. „Da hat auch ein Freund von mir sein Büro. Der würde da ja sonst nicht arbeiten.“

04.08.06 Die erste Nacht war ruhig und unruhig zugleich

Aus der Ferne, aber immer noch in derselben Stadt, in der wir gestern Abend angekommen sind, waren deutlich Explosionen zu hören. Die letzte um viertel vor sieben morgens. Spätestens jetzt wird klar, daß wir uns nicht im Urlaub befinden, sondern in einer Stadt im Krieg. Dabei scheint das Leben in den Stadtteil Gefinor Kantari, in dem unser Hotel liegt, völlig normal zu verlaufen. Bei unserer Ankunft gestern waren zwar die meisten Geschäfte geschlossen. Aber Cafés waren geöffnet, gut aussehende Männer und Frauen tranken Kaffee oder Wasser und wirkten sehr entspannt. Das äußere Erscheinungsbild von Gefinor Kantari ist friedlich. Keine Zerstörung, keine Auffälligkeiten.

Anders im Süden der Stadt, in den Vororten, libanesisch Dahieh genannt. Vergangene Nacht wurden diese Viertel beschossen. Zur Zeit leben viele Libanesen als Flüchtlinge im eigenen Land – geschätzte 900.000. In einer Schule im christlichen Teil der Stadt, den wir heute besucht haben, leben etwa 900 Menschen. Sie kommen fast alle aus dem Süden des Landes. Und aus den südlichen Vororten Beiruts. Männer und Frauen, Mädchen und Jungs müssen sich eine Toilette pro Etage teilen – auch zum Waschen und für die Wäsche.

Sie haben Glück, denn sie haben ein Dach über dem Kopf und sind mit ihren Familien in geschützten Räumen. Andere campieren draußen, mit kleinen Zelten und unter schwierigen hygienischen Bedingungen. Es gibt Gerüchte, daß die Versorgung der Stadt nicht mehr lange aufrecht erhalten werden kann. Viele Transportwege sind zerstört oder nur notdürftig wieder repariert. Die wenigen Zufahrtsmöglichkeiten, die es noch gibt, gelten als äußerst gefährlich – solange es keinen Waffenstillstand gibt.

Meine ersten Eindrücke aus Beirut sind sehr zwiespältig. Es ist eine wunderschöne Stadt. Vom Hotel aus kann ich die Schönheit des Mittelmeers bewundern. Die Menschen sind freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Gleichzeitig ist Krieg. Nur ein paar Kilometer vom Westteil der Stadt, in der ich gestern angekommen bin, entfernt.

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