Hunger im JemenJemen: Währung kollabiert – Hunger wächst

10-07-2020

von Islamic Relief

Die humanitäre Hilfsorganisation Islamic Relief plant zusätzliche 10 Millionen US-Dollar für Lebensmittel-, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Ernährungs- und Gesundheitsprogramme bereitzustellen. Ziel ist es, einen kleinen Teil der massiven Finanzierungslücke zu schließen, die durch das Versagen internationaler Geber im letzten Monat entstanden ist.

Denn das Ziel der Vereinten Nationen von 2,4 Milliarden US-Dollar wurde nicht erreicht: Nur die Hälfte des Betrages wurde zugesagt und drei Viertel der von den Vereinten Nationen unterstützten Programme werden als Folge in den kommenden Wochen gekürzt oder geschlossen.

Mehr als 80 Prozent der Jemeniter auf Lebensmittelhilfen angewiesen

Vor den Kürzungen arbeitete Islamic Relief im Jemen mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zusammen, um jeden Monat Lebensmittelpakete an 2,3 Millionen Menschen zu liefern. Durch die Kürzungen wurde die Hilfe mit denselben Lebensmittelpaketen um 50 Prozent reduziert:

Jetzt müssen Familien zwei Monate mit der Nahrung auskommen, die zuvor für einen Monat angelegt war. Da mehr als 80 Prozent der Bevölkerung bereits vor den Kürzungen auf Hilfe zum Überleben angewiesen waren, fürchten Helfende vor Ort für die kommenden Monate viele Tote durch Hunger.

Das Defizit an Geldern entsteht zu einem Zeitpunkt, in dem die COVID-19-Pandemie laut UN dazu geführt hat, dass das Gesundheitssystem im Jemen "tatsächlich zusammenbricht" (Quelle: UNOCHA).

COVID-19: Hohe Sterblichkeitsrate im Jemen

Unter den mehr als 1.150 offiziell bestätigten COVID-19 Fällen sind mehr als 300 Todesfälle aufgetreten, was bedeutet, dass unter den Infizierten weniger als einer von vier Menschen Überlebenschancen hat.

Die Sterblichkeitsrate der Menschen im Jemen, die positiv auf COVID-19 getestet werden, ist mit 27 Prozent eine der höchsten der Welt.

"Die schlimmste humanitäre Krise der Welt spielt sich vor unseren Augen ab und verschlimmert sich. Was wir sehen, ist ein Teufelskreis aus Gewalt, extremer Armut und Hunger.

Steigende Lebensmittelpreise und Pandemie erschweren Nothilfe

Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat die Situation nur noch verschlimmert. Unsere Teams wurden in Bezug auf Hilfsgüter und Treibstoff an ihre Grenzen gebracht", sagt Naser Haghamed, CEO von Islamic Relief Worldwide, der im vergangenen Jahr den Jemen besuchte.


Bildergalerie: Jemen – ein Land am Abgrund


Die humanitäre Hilfe wird durch den Treibstoffmangel und die steigenden Lebensmittelpreise zusätzlich erschwert. Die Kraftstoff- und Lebensmittelpreise stiegen in den letzten drei Wochen um schätzungsweise 20 Prozent an und sind seit der Verschärfung der Coronakrise um insgesamt 35 Prozent gestiegen.

Zu den fehlenden Hilfsgeldern kommen fehlende private Hilfszahlungen hinzu. Nach Schätzungen sind die Überweisungen von Jemeniten aus dem Ausland durch die COVID-Krise um bis zu 10 Milliarden US-Dollar zurückgegangen.

Treibstoffkrise verschärft das Leid der Menschen

"Die Bürger im Jemen, der kleine Teil derjenigen, die es sich leisten können, müssen einen ganzen Tag anstehen, um maximal 30 Liter Kraftstoff zu überhöhten Preisen zu kaufen", berichtet ein Helfer vor Ort.

Die Situation lässt Millionen von Menschen, die bereits am Rande einer Hungersnot leben, mit noch weniger Zuwendungsmöglichkeiten zurück. Die Vereinten Nationen stehen jetzt vor der Herausforderung, Partner-Hilfsorganisationen wie Islamic Relief weiterhin mit Treibstoff für ihre Hilfseinsätze zu versorgen.

Kinder sterben vor Hunger – Helfende arbeiten am Limit


Helfende von Islamic Relief vor Ort berichten von der Verzweiflung der Menschen: "Erwachsene Männer und Frauen weinen, weil sie kein Essen haben, um ihre Familien zu ernähren. Einige sagen uns, dass sie über Selbstmord nachdenken, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, und der Schmerz, ihre Kinder langsam verhungern zu sehen, zu groß ist. Und niemand hat mehr Geld zu geben, um zu helfen."

"Viele Mütter sind so unterernährt, dass sie nicht genug Milch haben, um ihre Babys zu stillen. Sie sind verkümmert und können Krankheiten nicht abwehren.

Ohne dringende Maßnahmen wird der Jemen von Massenhunger heimgesucht. Wir befürchten, dass noch viel mehr unschuldige Menschen sterben werden", erzählt eine weitere Helferin vor Ort. Die Unterernährungsraten bei Frauen und Kindern im Jemen gehören nach wie vor zu den höchsten der Welt.

Wahl zwischen Schutzkleidung oder Nahrung

Die Teams im Jemen berichten, dass COVID-19 bereits überfüllte Lager mit Binnenvertriebenen und ländliche Gemeinden erreicht hat. "Da der Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung äußerst begrenzt ist und nur sehr wenige Isolationseinrichtungen in Betrieb sind, wissen wir nicht, wie viele Menschen wirklich durch das Virus betroffen sind", bedauert Zulqarnain Abbas, Landesdirektor von Islamic Relief im Jemen. Er berichtet:

"Unsere Helfer haben keine persönliche Schutzausrüstung und sagen, dass sie vor einer unmöglichen Wahl stehen – zu Hause zu bleiben und ihre Familie zu schützen oder zur Arbeit zu gehen, zu helfen und sich zu infizieren, weil es keine Schutzausrüstung und nur sehr wenige Tests gibt."

Zulqarnain Abbas erzählt auch, wie einige Helfende ihre bereits begrenzten Gehälter – die fast ausschließlich von NGOs wie Islamic Relief gezahlt werden – verwenden, um ihre eigene Schutzausrüstung zu kaufen. Dieses Gehalt reicht jedoch nicht aus, um ihre Familien zu ernähren.

"Die Hungerkrise betrifft jeden Haushalt und jede Familie"

"Die Hungerkrise betrifft wirklich jeden Haushalt und jede Familie und die Folgen werden für die kommenden Jahre spürbar sein", warnt Landesdirektor Abbas und ergänzt: "Wir tun alles, um trotz der Einschränkungen vor Ort weiterhin Hilfe zu leisten.

Wie ist die aktuelle Situation im Jemen?

Seit 2015 wüten schwere Kämpfe im Jemen. Leidtragend ist vor allem die Zivilbevölkerung. Hunderttausende Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Mehr als 24 Millionen Menschen benötigen dringend humanitäre Hilfe. Darunter sind mehr als 12 Millionen Kinder.

Schon vor Beginn des Bürgerkriegs war der Jemen ein armes Land. Ausbleibende Gehälter und steigende Preise für lebenswichtige Güter zwingen immer mehr Menschen in die absolute Armut. Es herrscht eine Hungersnot. Tankstellen, Geschäfte, Schulen und Banken sind geschlossen, Krankenhäuser zerstört oder überfüllt. Kriminalität und Unruhen nehmen zu.

In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Ausbrüchen von Cholera. Die hochansteckende Krankheit breitet sich rasend schnell aus. Vor allem für Kinder, ältere und geschwächte Menschen kann die Krankheit tödlich enden.

Seit 2020 verschärft die Corona-Pandemie die Situation im Jemen. Mit einem massiven Ausbruch von COVID-19 wäre das Gesundheitssystem hoffnungslos überfordert.

Zahlen & Fakten: Wie viele Menschen sind betroffen?

Die Not im Jemen ist groß. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Katastrophe der Welt.

  • Mehr als 24 Millionen Menschen benötigen dringend humanitäre Hilfe. Darunter sind mehr als 12 Millionen Kinder
  • Das sind 80 Prozent der Bevölkerung, die die Vereinten Nationen auf 30,5 Millionen schätzt
  • Mehr als 20 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Die Hälfte davon ist akut bedroht. Sie wissen nicht, woher sie die nächste Mahlzeit oder sauberes Trinkwasser bekommen
  • Mehr als 300.000 Kinder im Jemen sind akut unterernährt
  • 17,9 Millionen Menschen sind auf medizinische Hilfe angewiesen
  • Mehr als 11 Millionen Menschen benötigen dringend Zugang zu sauberem Trinkwasser
  • Mehr als 3,7 Millionen Menschen mussten seit Kriegsbeginn ihr Zuhause verlassen
  • Jährlich werden Hunderttausende zur Flucht gezwungen; die meisten suchen innerhalb des Landes Schutz vor dem Krieg


Quelle: UN OCHA, Humanitarian Response Plan, Juni 2020

Wie helfen die Bündnisorganisationen von Aktion Deutschland Hilft?

Hilfsorganisationen unseres Bündnisses stehen den Menschen vor Ort zur Seite.

  • Wir versorgen Familien mit Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser und Hygieneartikeln – in Zeiten von Corona ist das besonders wichtig
  • Wir leisten den Menschen im Jemen medizinische Hilfe, versorgen unterernährte Kleinkinder sowie Patienten, die an Cholera oder Corona erkrankt sind
  • Wir versorgen Gesundheitszentren mit dringend benötigten Medikamenten und medizinischem Material
  • Wir unterstützen die Aus- und Weiterbildung medizinischen Personals
  • Wir helfen Binnenvertriebenen, eine sichere Unterkunft zu finden
  • Wir stehen Menschen zur Seite, die aufgrund ihres Alters oder von Behinderungen auf besondere Unterstützung angewiesen sind
  • Wir ermöglichen Familien psychosoziale Unterstützung
  • Wir unterstützen die Menschen im Jemen mit Bargeld, damit sie sich selbst mit dem Nötigsten versorgen können


Helfen Sie uns, den Menschen im Jemen zu helfen – jetzt mit Ihrer Spende!


Jeden Tag überwinden wir Kontrollpunkte, administrative Verzögerungen und gewalttätige Ausbrüche, um sicherzustellen, dass die Hilfe immer noch die Bedürftigen erreicht."

"Wir sind dankbar für die Unterstützung unserer Geber und Spender, die es uns ermöglicht hat, unsere Unterstützung für das jemenitische Volk im Jahr 2020 fast zu verdoppeln.

Islamic Relief mit über 3.000 Helfern im Jemen aktiv

Jetzt ist es unerlässlich, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt ihren Beitrag leisten und die Finanzierung des Jemen priorisieren und gleichzeitig alle beteiligten Seiten unter Druck setzen, eine dauerhafte und gerechte Lösung für den Krieg zu finden", fordert CEO Haghamed.

Mit 325 angestellten Helfern und über 3.000 Freiwilligen verfügt das Islamic Relief-Team im Jemen über einzigartiges lokales Wissen, das es den Helfenden ermöglicht, in 17 der 22 Regierungsbezirke des Landes zu operieren und sicherzustellen, dass die Mitarbeiter auch in dieser Krise an vorderster Front helfen.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
nimmt Spenden für die Betroffenen im Jemen entgegen unter:

Spenden-Stichwort: Hunger Jemen
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX
Spenden-Hotline: 0900 55 10 20 30 (Festnetz kostenfrei, mobil höher)
oder online spenden