von Aktion Deutschland Hilft
Nach rund drei Jahren Krieg ist die Lage im Gazastreifen prekär. Praktisch alle Menschen sind auf der Flucht und es fehlt an den grundlegenden Dingen.
Mara Bernasconi ist Mitarbeiterin von Handicap International (HI) für den Nahen Osten mit Sitz in Jordanien. Sie steht täglich im Kontakt mit dem HI-Team im Gazastreifen und spricht im Namen der Helfer:innen darüber, wie das Leben im Gazastreifen derzeit aussieht.
Wie ist die humanitäre Lage im Gazastreifen?
Mara Bernasconi: 90 Prozent der Menschen im Gazastreifen wurden zwangsvertrieben – die meisten von ihnen mehrfach – und leben nun in Zelten oder provisorischen Unterkünften. Die Bevölkerung lebt auf etwa einem Drittel bis 40 Prozent des Gazastreifens. Das übrige Gebiet ist militärisch besetzt.
Die Notunterkünfte sind oft unzureichend und überbelegt, der Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen ist eingeschränkt. Das erhöht das Risiko für Krankheiten – etwa für Atemwegsinfektionen, Durchfall oder das akute Gelbsucht-Syndrom.
Kommt genügend Hilfe an? Ist genug Nahrung vorhanden?
Der Zugang zum Gazastreifen bleibt stark eingeschränkt. Die Lebensmittelpreise sind seit Oktober 2023 drastisch gestiegen. Nach jüngsten UN-Angaben gibt etwa jede fünfte Familie an, nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich zu nehmen. Und 50 Prozent der Menschen berichten, dass ihnen im vergangenen Monat mindestens einmal die Nahrungsmittel vollständig ausgegangen sind.
Vor dem Krieg deckten rund 1.200 Fahrzeuge den Transport- und Hilfsbedarf im Gazastreifen ab. Heute ist nur noch eine geringe Anzahl im Einsatz. Es kommen nicht genug Hilfslieferungen in das Gebiet und die Hilfe, die tatsächlich ankommt, erreicht oft nicht diejenigen, die sie am dringendsten brauchen.
Dem Bericht der Vereinten Nationen aus dem September 2026 zufolge sind nur die Grenzübergänge Kerem Shalom und Rafah geöffnet, wobei der Übergang in Rafah hauptsächlich auf medizinische Evakuierungen und Rückkehrer:innen beschränkt ist.
Sind die Krankenhäuser funktionsfähig und stehen Medikamente zur Verfügung?
95 Prozent der Krankenhäuser wurden zerstört oder beschädigt, was zu einem eklatanten Mangel an Ausrüstung und Versorgungsgütern geführt hat. Den verbleibenden medizinischen Einrichtungen mangelt es durchweg an Grundlegendem, darunter Personal, Medikamente und Ausrüstung – etwa Laborgeräte für Blutuntersuchungen und das Screening auf Infektionskrankheiten.
Hunderte von Patientinnen und Patienten stehen weiterhin auf Wartelisten für Eingriffe oder für die Genehmigung zur Ausreise zwecks spezialisierter medizinischer Behandlung, die im Gazastreifen nicht möglich ist.
Können Kinder zur Schule gehen?
Im dritten Jahr in Folge sind rund eine Million Kinder im Gazastreifen von formaler und inklusiver Bildung ausgeschlossen. Mehr als 90 Prozent der Schulen wurden beschädigt oder zerstört. Der Unterricht findet in Zelten und provisorischen Lernräumen statt, ohne vollständigen Lehrplan.
Der Fokus liegt auf Kernfächern wie Arabisch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Schulmaterialien und Bücher sind kaum verfügbar und viele Schülerinnen und Schüler leiden unter schweren Ängsten und Traumata infolge des Krieges.
Stand September 2026 berichtet UNICEF, dass etwa 60 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter weiterhin keinen Zugang zu Präsenzunterricht haben. Und es wird geschätzt, dass rund 700.000 Kinder im schulpflichtigen Alter in Gaza vom Zusammenbruch des formalen Bildungssystems betroffen sind.
Nur 46 Prozent der Kinder mit Behinderungen nehmen an Lernangeboten teil, was bedeutet, dass mehr als die Hälfte überhaupt keinen Unterricht erhalten. Das heißt: Kinder mit Behinderungen sind zunehmender Ausgrenzung ausgesetzt. Es fehlt an inklusiven Bildungsangeboten, die an ihre Bedürfnisse angepasst sind.

Gibt es weiterhin Kämpfe und Gewalt?
Im Oktober 2025 wurde ein Waffenstillstand verkündet, der aber nie vollständig umgesetzt wurde. Es gibt weiter Angriffe auf bewohnte Gebiete, bei denen Zivilistinnen und Zivilisten schwer verletzt werden oder sterben. Die Folgen sind weitere Vertreibungen und ein hoher humanitärer Bedarf.
Die Lage für die Bevölkerung bleibt instabil und gefährlich. Zwischen der Ankündigung des Waffenstillstands am 10. Oktober 2025 und dem 2. September 2026 verzeichnete das Gesundheitsministerium in Gaza 1.334 Tote und 4.429 Verletzte. UN-Vertreter:innen bezeichneten die Situation als “unhaltbar” und nannten Gaza “den gefährlichsten Ort der Welt für die humanitäre Hilfeleistung”.
Wie viele Menschen sind auf Hilfe angewiesen?
Laut den Vereinten Nationen benötigt fast die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens – geschätzt 2,1 Millionen Menschen – humanitäre Hilfe. Das spiegelt das Ausmaß der Zerstörung und Vertreibung im gesamten Gebiet wider. Praktisch kein Haushalt ist von der Krise unberührt geblieben.
Die Ernährungsunsicherheit bleibt akut, auch nachdem sich die Situation nach dem Waffenstillstand etwas verbessert hat. Zwischen Mitte April und dem 30. Juni 2026 waren laut der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) mehr als 1,2 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Diese Prognose gilt bis Ende 2026 und deutet darauf hin, dass die Krise voraussichtlich bleiben und sich nicht auflösen wird.
Was funktioniert trotz allem noch?
Trotz des Ausmaßes der Zerstörung sind Teile der humanitären und zivilen Infrastruktur des Gazastreifens weiterhin in Betrieb, wenn auch nie mit voller Kapazität. Stand September 2026 sind etwa die Hälfte der beschädigten Krankenhäuser im Gazastreifen und rund 58 Prozent der Zentren für medizinische Grundversorgung zumindest teilweise funktionsfähig.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist jedoch darauf hin, dass keine Einrichtung mit voller Kapazität arbeitet. Es gibt immer wieder Engpässe bei Treibstoff und Ersatzteilen, sodass die Krankenhäuser vollständig auf Notstromaggregate angewiesen sind.
In den Reha-Zentren von Handicap International beispielsweise kann zumindest eine geringe Anzahl an Menschen mit Amputationen behandelt werden, doch es fehlt an Material und Hilfsmitteln. Somit gibt es viel zu wenig Prothesen oder Rollstühle für die Tausenden Schwerverletzten.
Humanitäre Hilfe gelangt weiterhin über die Grenzübergänge Kerem Shalom und Rafah ins Gebiet – allerdings nur für eine begrenzte Anzahl von Organisationen und unter Einschränkungen.
Hunderttausende Haushalte wurden durch Bargeldhilfen unterstützt. Gemeinschaftsküchen und Bäckereien, die vom Welternährungsprogramm unterstützt werden, produzieren weiterhin Mahlzeiten und Brot, wenn auch mit reduzierter Kapazität.
Außerdem können einige Kinder dank provisorischer Lernorte zumindest in Kernfächern unterrichtet werden. Städtische Grundwasserbrunnen und teilweise vorhandene Entsalzungsanlagen liefern Wasser, auch wenn die Qualität oft unter den WHO-Richtwerten für Trinkwasser liegt.
Aktion Deutschland Hilft, Bündnis von mehr als 20 Hilfsorganisationen, leistet Nothilfe gemäß dem humanitären Imperativ. Dieser besagt unter anderem: Jeder Mensch hat das Recht, humanitäre Hilfe zu erhalten. Ausschlaggebend ist alleine der Bedarf an Hilfe. Weitere Informationen.
+++ Spendenaufruf +++
Aktion Deutschland Hilft, Bündnis der Hilfsorganisationen,
bittet dringend um Spenden für die betroffenen Menschen in Nahost.
Stichwort: Nothilfe Nahost
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