Flüchtlinge Syrien“Mädchen sollten Schuluniformen tragen, keine Hochzeitskleider”

12-03-2015

von Johanna Mitscherlich (CARE International)

Als Muzoon, 16, im Flüchtlingscamp Zaatari ankam, dachte sie, dass ihr Leben zu Ende sei. Doch sie fand die Leidenschaft und Herausforderung ihres Lebens: den Einsatz für Bildung und gegen Kinderheirat.

Das Letzte, woran ich mich aus Syrien erinnern kann, ist mein letzter Schultag. Es war der schwerste Tag meines Lebens. Ich war schon immer sehr ehrgeizig und eine der Besten in meiner Klasse. Ich hatte nur noch vier Wochen, bis ich die 9te Klasse abgeschlossen hätte, als mein Vater meiner Schwester, meinen zwei Brüdern und mir sagte, dass wir nach Jordanien fliehen müssen. Ich habe ihn angeschrien. Aber er hat uns erklärt, dass es nicht mehr sicher sei, dass Leute umgebracht und verhaftet wurden. Mir war unsere Sicherheit egal und ich sagte meinen Eltern, dass ich lieber in der Mitte von Bomben bleiben würde, als mein Heimatland zu verlassen. Aber am Ende schwieg ich. Ich wusste, wenn meine Familie wegen mir bleiben und etwas passieren würde, könnte ich mir das niemals verzeihen. Das Einzige, was ich über Jordanien wusste, kannte ich aus dem Fernsehen. Ich hatte Videos vom Flüchtlingscamp Zaatari in den Nachrichten gesehen und war entsetzt.

Manche sind geflohen, manche sind gestorben

Am nächsten Tag, einem Mittwoch, saß ich auf einem hölzernen Stuhl in meinem Klassenzimmer. Ich hörte dem Lehrer nicht zu. Ich war verwirrt. Für mich hörte es sich so an, als ob der Lehrer eine fremde Sprache sprechen würde, die ich nicht verstand. Ich nahm nur ein entferntes Echo wahr. Meine Ohren waren taub und ich konnte nicht sprechen. Es war wie in einem dieser Träume, in denen dich jemand verfolgt, deine Beine aber taub sind und du dich nicht bewegen kannst. Ich wollte einfach nur verarbeiten, was passierte und mich auf mein neues Leben vorbereiten. Es war das erste und einzige Mal, dass ich nichts Neues lernen wollte. Ich konnte weder meinen Lehrern noch meinen Freunden erzählen, dass ich nicht wieder kommen würde, um auf meinem Platz in der zweiten Reihe zu sitzen. Meine Eltern hatten mir gesagt, dass Leute vielleicht versuchen würden uns davon abzuhalten zu gehen, falls sie von unseren Plänen erfahren würden. Als ich gegangen bin, war ich die Zwanzigste von 40 Schülern in meiner Klasse, die nicht wieder zum Unterricht zurückkehrten. Manche sind geflohen, manche sind gestorben.

Mit der Syrienkrise endete die Kindheit

Am nächsten Tag verließen wir Daraa und fuhren zur Grenze. Wir warteten, bis es dunkel wurde und liefen zwei Stunden lang, bis wir die Grenze nach Jordanien überquerten. Von Leuten, die mein Vater bezahlen musste, wurden wir zum Flüchtlingscamp Zaatari gebracht. An meinem ersten Tag in der Schule im Camp saß ich neben einem Mädchen namens Abir. Abir war schön, schlau und es hat Spaß gemacht, Zeit mit ihr zu verbringen. Sie wurde schnell zu einer guten Freundin. 

Ein paar Wochen nach unserem Kennenlernen, sagte sie mir, dass sie plant zu heiraten. Sie erzählte immer wieder davon, dass sie ein wunderschönes Kleid an ihrem Hochzeitstag tragen würde, und dass ihr Ehemann ihr all die Kleider kaufen würde, die sie sich wünscht. Sie träumte davon, Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen, sich ebenbürtig zu den Erwachsenen um sie rum zu fühlen. Sie sagte, dass mit der Krise in Syrien ihre Kindheit sowieso geendet hätte.

Ich bin immer noch wütend, wenn ich an Abir denke, aber ich bin auch sehr traurig. Ich habe Tage damit verbracht, zu versuchen, sie zu überzeugen zuerst die Schule zu Ende zu bringen. „Mädchen in unserem Alter sollten Schuluniformen tragen, keine Hochzeitskleider“, habe ich ihr gesagt. „Nichts kann jemals besser sein, als zu lernen. All die Dinge, von denen du träumst, werden vielleicht niemals wahr. Aber wenn du hart arbeitest, kannst du dir selber die Schuhe kaufen, die du magst. Und du kannst immer noch heiraten, wenn du dein Studium abgeschlossen hast.“ Aber Abir, eine dieser Menschen, die mühelos alles werden konnten, was sie wollten, hat nicht gehört. Mit gerade mal 15 Jahren heiratete sie ein paar Wochen später. Danach habe ich meine Freundin nie wieder gesehen.

So enttäuscht wie ich war, hatte ich trotzdem das Gefühl, einen Sinn in meinem Leben gefunden zu haben. Seitdem ich Abir als meine Freundin verloren habe, will ich gegen Kinderehen kämpfen; ich will so viel wie nur möglich lernen, sehr gut in der Schule sein und eines Tages als Journalistin arbeiten. Ich will über und für Kinderbräute schreiben, damit sie wissen, dass Heiraten keine Lösung ist. Ich will ihnen sagen, dass jung zu heiraten bedeutet, dass sie ihre Träume aufgeben und eine Menge Türen für ihre Zukunft schließen. Sie werden keine Zeit haben zur Schule zu gehen, sondern werden das Haus putzen und das Essen für ihre Ehemänner vorbereiten müssen. Und wenn sie schwanger werden, gefährden sie ihre Gesundheit.

Der Anfang von etwas Neuem

Während des letzten Jahres in Jordanien habe ich mit vielen Mädchen in meinem Alter oder Jüngeren gesprochen, die planten zu heiraten. Ich war in der Lage manche von ihnen dazu zu überreden zu warten. Aber ich habe auch eine Menge mehr von ihnen gesehen, die nicht wieder in den Unterricht zurückkehrten. In vielen Fällen wollen ihre Eltern, dass sie heiraten, weil sie nicht genug Geld haben, um alle Kinder zu ernähren. Manche denken, dass es keinen Sinn macht ihre Mädchen noch in die Schule zu schicken, weil ihr komplettes Leben auseinander gefallen ist. Ich verstehe ihre Begründung, aber ich möchte sie nicht akzeptieren.

Ich weiß selbst wie schlimm es ist zu fliehen und sein gesamtes Leben hinter sich zu lassen. Als wir Daraa verließen, konnte ich nur einen kleinen Rucksack mitnehmen. Es ist mir schwer gefallen, zu entscheiden, was ich einpacke. Mein Vater ist in mein Zimmer gekommen, als ich gerade meine ganzen Sachen auf dem Boden ausgebreitet hatte und aufgelöst versuchte, mich zu entscheiden. Er hat seinen Arm um mich gelegt, und mir gesagt, dass es keine Rolle spielen würde, was ich mitnehme. „Alles was du brauchst ist da drin“, hat er gesagt und auf meine Stirn gezeigt. „Egal was im Leben passiert, das Einzige, was dir keiner wegnehmen kann, ist, was du in deinem Kopf hast.“

In jedem der abertausend kleinen, weißen Häuser im Azraq-Flüchtlingscamp, wohin ich vom Zaatari Camp aus vor ein paar Monaten gezogen bin, schlafen Menschen und träumen davon, was ihnen in Syrien passiert ist, und was sie sich für die Zukunft wünschen. Die Gesellschaft hat ihnen gesagt, was richtig und was falsch ist, und Mädchen kriegen gesagt, dass jung zu heiraten ihr Leben verbessern wird. Aber es sollten sie selbst sein, die entscheiden, was richtig und falsch für ihr Leben ist.

Mädchen sind das Fundament unserer Gesellschaft. Mädchen werden Mütter und sie werden ihren Söhnen und Töchtern von Werten und Bildung erzählen. Es gibt keine bessere Investition in die Gesellschaft, in die Zukunft einer ganzen Nation, als die Investition in die Bildung eines Mädchens. Als ich nach Jordanien fliehen musste, dachte ich, dass es das Ende meines Lebens sei. Aber in Wirklichkeit war es der Anfang von etwas Neuem, der Beginn meines lebenslangen Kampfes gegen Kinderheirat und für die Bildung meiner geliebten, syrischen Mädchen.

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