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Flüchtlinge SyrienInterview: Vier Fragen an Sven Seifert

26-03-2013
Sven Seifert von arche noVa

Sven Seifert über den Syrien-Einsatz von arche noVa

1) Wie konnte arche noVa bisher Hilfe leisten?

Im Oktober 2012 hat arche noVa einen ersten Nothilfeeinsatz in der Krisenregion gestartet. Dabei konnten wir 750 syrische Flüchtlingsfamilien in der Türkei unterstützten. Sie erhielten Lebensmittelpakete, Küchenutensilien, Hygienesets und Decken. Zur gleichen Zeit haben wir außerdem eine erste Verteilung von Medikamenten, Lebensmitteln und Hygieneartikeln innerhalb Syriens vorgenommen. Damit gehört arche noVa zu den wenigen Hilfsorganisationen, die direkt im Konfliktgebiet arbeiten. Diese Arbeit setzen wir zurzeit fort. Dazu haben wir ein internationales Team zusammengestellt und lokale Mitarbeiter eingestellt. Zwei Verteilaktionen mit Lebensmittelpaketen wurden vor wenigen Tagen umgesetzt, eine davon innerhalb Syriens für 300 Familien und eine für 210 syrische Familien, die sich in der Türkei in Sicherheit gebracht haben.

2) Was brauchen die Menschen am nötigsten?

Nach zwei Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen ist der Hilfsbedarf in Syrien riesig. Den Menschen fehlt es an allem. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, die Sparrücklagen der Bevölkerung längst verbraucht. Millionen Menschen sind auf der Flucht und ohne Einkommen. In den Bäckereien, die ich auf meiner Assessment-Reise gesehen habe, fehlt es an Mehl und Heizmaterial, um die Öfen zu betreiben. Vielerorts sind die Strom- und Wasserversorgung zusammengebrochen. In Aleppo türmen sich Müllberge auf den Straßen, die zur Brutstätte von Krankheitsherden werden können. Dies ist eine ernste Gefahr für die Gesundheit der Bewohner, zumal weder Medikamente noch ärztliche Versorgung verfügbar sind. Ebenso dringend ist der Handlungsbedarf für die Schulkinder. Vor allem die Kinder der Binnenflüchtlinge besuchen meist keine Schule. Unser Hilfseinsatz konzentriert sich deshalb auf die Bereiche Lebensmittel, Schulen, Hygiene, Infrastruktur und Logistik.

3) Was sind die größten Herausforderungen? Wie sind diese zu lösen?

Die größte Herausforderung besteht darin, die Hilfsgüter überhaupt ins Land zu bringen. Wir kaufen Nahrungsmittel, Hygieneartikel und Schulbedarf zum aller größten Teil direkt vor Ort im Grenzgebiet, nicht zuletzt um die lokale Wirtschaft zu stärken. Doch der Transport an die Verteilstellen ist extrem schwierig vor allem wegen der bedrohlichen Sicherheitslage und dem Fehlen offizieller Zugangswege.
Aber auch die anschließende Verteilung der Hilfsgüter ist alles andere als einfach, da es Millionen von Bedürftigen gibt. Bevor wir Hilfspakete verteilen, müssen wir die Familien identifizieren, die unsere Hilfe am meisten benötigen. Dazu kooperieren wir mit ausgesuchten lokalen Strukturen und Bürgerkomitees vor Ort, die sich im von der Regierung nicht mehr kontrollierten Gebiet gebildet haben. Diese Komitees erstellen Listen von Bedürftigen und organisieren mit uns die Verteilung. Auf diese Weise trägt unser Einsatz auch zur Stärkung der bürgerschaftlichen Selbstorganisation in Syrien bei. Außerdem verringert die Kooperation mit Einheimischen unser eigenes Sicherheitsrisiko, da unser Team dadurch vor Ort akzeptiert wird.
Herausfordernd ist auch die Koordination mit anderen Hilfsorganisationen und privaten Spendern aus dem arabischen Raum und Exilsyrern. Im Gegensatz zu Einsätzen nach Naturkatastrophen fehlt es in und um Syrien an funktionsfähigen supranationalen Hilfsstrukturen. Zahlreiche Akteure mit unterschiedlichen Interessen sind involviert und räumen der humanitären Hilfe nicht den dringend benötigten Vorrang ein.

4) Was hat Sie am meisten bewegt?

Auf meiner Reise habe ich viele einschneidende und erschütternde Erlebnisse gehabt. Zu den eindrücklichsten Begegnungen zählt das Zusammentreffen mit einer Familie, die mir ihr Haus gezeigt haben, das einen Tag zuvor von Scud-Raketen zerstört wurde. In Syrien leben die Menschen in täglicher Unsicherheit. Keiner weiß, wo der nächste Luftangriff stattfindet. Niemand weiß, ob seine Familie am nächsten Tag noch da leben kann, wo sie gerade ist. Das traumatisiert vor allem die Kinder. Deswegen ist es besonders wichtig, dass der Schulbetrieb aufrechterhalten oder wieder aufgenommen wird - sei es in Kellern oder in provisorischen Unterkünfte, so dass der Alltag für die Kinder ein Stück weit Struktur erhält.
Es hat mich außerdem tief betroffen gemacht, Aleppo zerstört zu sehen –– eine der ältesten und schönsten Städte der Welt. Aber nicht nur diejenigen die jetzt von außen auf Syrien blicken sind verstört auch die Syrer selbst - viele von ihnen sind sehr offene und liberale Menschen –– verzweifeln über die Entwicklung im eigenen Land. Sie fragen sich, warum Europa nichts tut und was die Menschen in Deutschland zu dem Konflikt sagen?

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
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