von Aktion Deutschland Hilft
Mehr als 15 Jahre nach Beginn des Konflikts sind die Auswirkungen des Krieges in Syrien noch allgegenwärtig. Zwar sind seit dem politischen Umbruch Ende 2024 zahlreiche Menschen in ihre Herkunftsorte zurückgekehrt, doch Millionen Menschen sind weiterhin auf humanitäre Hilfe angewiesen, viele Familien leben in Armut, und große Teile der Infrastruktur sind beschädigt. Gleichzeitig tragen viele Menschen die seelischen Folgen von Krieg, Vertreibung und dem Verlust von Angehörigen bis heute mit sich.

Dr. Ali Al-Zakami hat die Lebensrealität in Syrien hautnah erfahren. Der Arzt engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für das Hammer Forum, eine Bündnisorganisation von Aktion Deutschland Hilft. Für Hilfseinsätze reist er unter anderem nach Syrien, zuletzt im Mai 2026. Er erzählt von Erlebnissen und Begegnungen, die ihn auf seiner Reise besonders bewegt haben – und verdeutlicht, warum humanitäre Hilfe weiterhin unverzichtbar ist.
Inhaltsverzeichnis
Ankunft in Syrien: Ein Land im Umbruch
Sorgfältige Planung ist das A und O
Die Hilfe reicht nicht für alle
Hinter jedem Hilfspaket steckt ein Schicksal
Orte, in denen fast nur noch Frauen und Kinder leben
Menschlichkeit trotz allem
Humanitäre Hilfe ist mehr als Versorgung
Rückkehr nach Deutschland: Was bleibt
Ankunft in Syrien: Ein Land im Umbruch
Als Dr. Ali Al-Zakami Ende Mai 2026 im Auftrag unserer Bündnisorganisation Hammer Forum nach Syrien reist, liegt sein letzter Einsatz vor Ort erst einige Monate zurück. Trotzdem fallen dem Arzt seit seinem letzten Besuch Veränderungen auf.
Manches wirkt geordneter, ruhiger. Die Einreise verläuft reibungslos, es gibt einen funktionierenden Internetzugang am Flughafen. Außerdem sind viele Kontrollpunkte inzwischen verschwunden - bei der Fahrt von Damaskus nach Latakia, einer Hafenstadt am Mittelmeer, werden Al-Zakami und seine Kolleg:innen nur an zwei Stellen kontrolliert, in der Vergangenheit oft bis zu fünfzehnmal.
Doch diese ersten Eindrücke spiegeln nur einen kleinen Teil der Lebensrealität in Syrien wider. Die kommenden Tage werden deutlich zeigen, welch tiefen Spuren die Jahre des Krieges bei den Menschen hinterlassen haben und wie wichtig humanitäre Hilfe nach wie vor für viele Familien ist.
Sorgfältige Planung ist das A und O
Hilfseinsätze bedürfen sorgfältiger Planung und Vorbereitung und sind zeitlich oft straff durchgetaktet. In den kommenden Wochen will das Team um Ali Al-Zakami Hunderte Pakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln an bedürftige Familien und Waisenkinder im Umkreis von Latakia verteilen.
Daher beginnt der Einsatz der Helfer:innen noch am Abend ihrer Ankunft. Im Lager sortieren und kontrollieren sie die Hilfsgüter, bereiten sie für den Transport vor und planen den nächsten Tag. Doch ein Teil der Arbeit beginnt bereits weit früher: Die Helfer:innen müssen Räumlichkeiten für die Verteilungen und die Erlaubnis von Behörden organisieren.
“Eine der größten Herausforderungen im Vorfeld bestand darin, die erforderlichen Genehmigungen der lokalen Verwaltungen einzuholen. In vielen Orten mussten zunächst Gespräche mit den zuständigen Bürgermeistern geführt werden”, berichtet Ali Al-Zakami.

Die Hilfe reicht nicht für alle
Der Kreis der Personen, die Hilfe erhalten, wird vorab unter Berücksichtigung der Bedürftigkeit festgelegt. Ali Al-Zakami erklärt: “Die Zahl der hilfsbedürftigen Menschen ist sehr hoch, während die verfügbaren Hilfsgüter begrenzt sind.”
Um Spannungen zu vermeiden, finden die Verteilungen daher oft in geschlossenen Räumen statt. Trotz dieser Vorkehrungen kommt es manchmal zu herausfordernden Situationen.
Die Verteilung in einer Schule hat sich auch in den umliegenden Orten herumgesprochen. Im Laufe des Tages sind auch über den festgelegten Personenkreis hinaus immer mehr Menschen dorthin gekommen, in der Hoffnung Hilfe zu erhalten. Viele von ihnen befinden sich ebenfalls in schwierigen Lebenssituationen – und trotzdem reichen die Hilfsgüter nicht aus, um sie ebenfalls zu versorgen.
“Wir bemühen uns, allen Menschen mit Respekt und Verständnis zu begegnen. Die Situation macht erneut deutlich, wie groß der Bedarf an humanitärer Unterstützung in vielen Regionen Syriens weiterhin ist.”
Hinter jedem Hilfspaket steckt ein Schicksal
Bei den Verteilungen kommt Ali Al-Zakami mit vielen Menschen ins Gespräch. Oft sind es Begegnungen, die unter die Haut gehen. Besonders in Erinnerung geblieben ist dem Helfer die Geschichte einer vierfachen Mutter. Die Familie stammt ursprünglich aus Deir ez-Zor. Ihr Mann wurde im Krieg getötet. Wichtige Dokumente gingen verloren. Ohne sie können die Kinder keine Schule besuchen.
Während des Gesprächs sagt die Frau einen Satz, den Al-Zakami bis heute nicht vergessen kann: “Bringen Sie uns nach Hause. Wir werden von unserem Land essen. Wir werden keine Hilfe brauchen.”
Für ihn steckt in diesen Worten eine wichtige Erkenntnis: Die Menschen wünschen sich nicht, dauerhaft auf Unterstützung angewiesen zu sein. Sie wollen ein sicheres Zuhause, Arbeit und die Möglichkeit, selbst für ihre Familien zu sorgen.
Orte, in denen fast nur noch Frauen und Kinder leben
In mehreren Gemeinden fällt dem Helfer etwas auf: Männer sind kaum zu sehen. Viele wurden getötet, verschleppt oder mussten fliehen. Zurück geblieben sind häufig Frauen, Kinder und ältere Menschen.
Eine 87-jährige Frau schildert ihm die Schrecken, die ihr Dorf erlebt hat. “Es waren sehr schwierige Tage. Sie kamen hierher und erschossen oder entführten jeden Mann. Sie standen vor der Tür meines Hauses und fragten: ‚Wer ist noch zu Hause?‘ Ich hatte große Angst.”
Geschichten wie diese hört Ali Al-Zakami viele. Menschen, die Angehörige verloren haben oder bis heute nicht wissen, was mit ihnen geschehen ist. Sie zeigen: Der Krieg mag vielerorts vorbei sein, seine Folgen prägen den Alltag vieler Menschen weiterhin.
Menschlichkeit trotz allem
Neben den schweren Schicksalen erlebt Al-Zakami auch Momente, die ihm Hoffnung geben. Eine ältere Frau lädt ihn zum Frühstück ein. Während des Gesprächs erzählt sie, dass ihre drei Kinder getötet wurden. Dennoch bittet sie nicht um Hilfe für sich selbst. “Gehen Sie zu meiner Nachbarin. Sie hat Kinder, auch ihr Mann wurde erschossen. Geben Sie ihr meinen Anteil.”
Am Ende erhält selbstverständlich auch die ältere Frau Unterstützung. Doch ihre Worte stehen für etwas, das der Helfer während seiner Reise immer wieder erlebt: Menschen, die selbst kaum etwas besitzen, teilen mit anderen. Familien nehmen Waisenkinder auf, Nachbar: innen kümmern sich umeinander und viele versuchen, trotz eigener Not füreinander da zu sein.

Humanitäre Hilfe ist mehr als Versorgung
Während seines Einsatzes besucht Al-Zakami viele verschiedene Orte, verteilt gemeinsam mit seinen Kolleg:innen zahlreiche Hilfsgüter und lernt andere engagierte Menschen kennen, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten und helfen.
Nach den berührenden Begegnungen auf seiner Reise reift in ihm jedoch eine wichtige Erkenntnis: Humanitäre Hilfe besteht nicht nur aus Lebensmitteln, Medikamenten oder Hygienepaketen. “Oft sind es die Gespräche, das Zuhören und das Mitgefühl, die den Menschen zeigen, dass sie nicht vergessen sind”, sagt er rückblickend.
Rückkehr nach Deutschland: Was bleibt
Als Dr. Ali Al-Zakami Anfang Juni nach Deutschland zurückkehrt, wird er am Flughafen von seinem Sohn empfangen. Ihn wieder in die Arme schließen zu können, weiß Al-Zakami nach dem intensiven Hilfseinsatz noch mehr zu schätzen.
In diesem Augenblick denkt er an die vielen Menschen in Syrien, für die die Nähe ihrer Angehörigen keine Selbstverständlichkeit mehr ist: Die 87-Jährige, in deren Dorf nur noch Frauen und sehr alte Männer übriggeblieben sind. Die Mutter mit ihren vier Kindern. Die ältere Dame, die ihr Hilfspaket lieber einer Nachbarin schenken wollte.
Ihre Geschichten verdeutlichen, warum humanitäre Hilfe unverzichtbar bleibt: Weil hinter jeder Krise Menschen stehen, die Schutz, Unterstützung und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft brauchen.
+++ Spendenaufruf +++
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