Hilfe für FlüchtlingeNordsyrien: Wie Menschen die Flucht erlebten

12-11-2019

von World Vision/Aktion Deutschland Hilft

Die Kämpfe an der syrisch-türkischen Grenze haben viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Teile der Infrastruktur sowie Schulen sind zerstört worden, die Lebensmittelpreise sind um 20 Prozent gestiegen. Mehr als 14.000 Menschen sind seit Mitte Oktober aus Nordsyrien in den Irak geflohen, ein Großteil sind Frauen und Kinder.

Viele Familien fanden im Flüchtlingscamp Gawilan Zuflucht. Es liegt in der Autonomen Region Kurdistan. Helfer unserer Bündnisorganisation World Vision stehen ihnen zur Seite.

Hier erzählen Menschen ihre Geschichten von Flucht und Verzweiflung – und von neuer Hoffnung.

"Wir sind doch Menschen!"


Eine kräftezehrende Flucht liegt hinter Amina und Fatima. Nun harren die Frauen vor einem Zelt im Flüchtlingscamp aus. Der 57-jährigen Fatima kommen diese Tage wie ein Déjà-vu vor: Seit Beginn des Syrienkrieges im Jahr 2011 musste sie vier Mal ihr Zuhause zurücklassen. Zuletzt lebte sie mit ihrer Familie in Ras al-Ain, einem bislang friedlichen Ort an der syrisch-türkischen Grenze. Dann begannen die Kämpfe.

"Um meine ganze Geschichte zu erzählen, bräuchte ich wahrscheinlich drei Tage", sagt Fatima. Ihre Verzweiflung und das Unverständnis über die andauernde Gewalt sind groß: "Wir sind doch Menschen! Warum tun die uns das an?"

Luftangriffe & Raketen ließen keine Wahl


Zwischen Ras al-Ain in Nordsyrien und dem Flüchtlingscamp Gawilan liegen mehrere Hundert Kilometer Luftlinie. Zu Fuß, auf Motorrädern oder mit Schleppern haben die Menschen die Strecke zurückgelegt. Anstrengende Tage liegen hinter ihnen, vor allem Kinder sowie ältere Frauen und Männer sind erschöpft.

Die 65-jährige Fatuma erzählt: "Das Laufen war sehr anstrengend, meine Knie schmerzten sehr." Nun überwiegt die Erleichterung, in Sicherheit zu sein. Auch sie ist im Flüchtlingscamp untergekommen, zusammen mit ihren Kindern und Enkeln.

Über die Situation in ihrer Heimat Syrien sagt sie: "Es herrscht Krieg, es wird getötet. Es gibt weder Essen noch Arbeit." Die Luftangriffe und Raketen hätten ihrer Familie keine Wahl gelassen, als die Flucht zu ergreifen.

Rebaz' Wunsch: Nach Hause zurückkehren


So erging es auch der Familie des kleinen Rebaz. Im Flüchtlingscamp angekommen, werden sie von unserer Bündnisorganisation World Vision unterstützt. Mit internationalen Organisationen und lokalen Partnern haben sich die Helfer auf die Ankunft der Flüchtlinge vorbereitet. Sie versorgen die Menschen nun mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser, ermöglichen Kindern Unterricht im Flüchtlingscamp, verteilen Decken, warme Kleidung und Heizöfen für den bevorstehenden Winter.

Inmitten einer fremden Umgebung, herausgerissen aus dem Alltäglichen, möchte der zehnjährige Rebaz vor allem eines: "Ich wünschte, die Situation in Syrien würde endlich besser werden, so dass wir nach Hause zurückkehren können", sagt der Junge.

Hintergrund: Die aktuelle Lage im Norden Syriens

Was passiert im Norden von Syrien?

Am 9. Oktober 2019 hat die türkische Regierung eine Militäroffensive im Norden von Syrien gestartet. Seitdem werden an mehreren Orten entlang der syrisch-türkischen Grenze Luft- und Bodenangriffe gemeldet. Auch mehr als einen Monat nach Beginn der Offensive dauern die Gefechte an.

Hunderttausende Zivilisten sind betroffen. Hilfsorganisationen beobachten die Entwicklungen mit Besorgnis. Schätzungen der UN zufolge haben mindestens 160.000 Menschen die Flucht ergriffen. Darunter sind viele Syrer, die als Binnenvertriebene in der Region Zuflucht gefunden hatten. Der Krieg zwingt sie nun ein weiteres Mal dazu, alles hinter sich zu lassen.

Wie ist die humanitäre Lage nach der Offensive in Nordsyrien?

Hilfsorganisationen bewerten die humanitäre Lage im Norden Syriens als sehr ernst. Die UN gehen davon aus, dass in Kürze bis zu 400.000 Menschen Humanitäre Hilfe benötigen werden.

Im betroffenen Grenzgebiet leben circa 450.000 Menschen. Ihre Sicherheit ist aufgrund der Kämpfe gefährdet. Auf beiden Seiten der Grenze gab es bereits Tote und Verletzte. Es herrscht ein Klima der Angst. Zahlreiche Menschen haben bereits die Flucht ins Landesinnere und in Richtung Irak ergriffen. Teile der Infrastruktur sowie etwa 20 Schulen sind zerstört worden. Die Preise für Lebensmittel sind um 20 Prozent gestiegen.

Hilfsorganisationen stehen aufgrund der Situation vor großen Herausforderungen. Sie beobachten die Entwicklungen genau. Teils mussten Hilfsprojekte ausgesetzt und Mitarbeiter evakuiert werden. Zudem stehen viele Organisationen – angesichts des immensen Bedarfs an Humanitärer Hilfe im ganzen Land – am Rande ihrer Kapazitäten.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Nordosten und Nordwesten Syriens?

Der Nordwesten und Nordosten Syriens unterscheiden sich in verschiedener Hinsicht.

Die Bevölkerung im Westen ist mehrheitlich arabischer Abstimmung. In der Region lebt ein Großteil der syrischen Binnenvertriebenen. Der Bedarf an Humanitärer Hilfe ist dort bereits sehr hoch.

Der Nordosten Syriens hingegen galt bislang als vergleichsweise stabile Region. Die Bevölkerung ist mehrheitlich kurdisch; auch arabische und christliche Minderheiten leben dort. Hilfsorganisationen befürchten, dass der Region durch die Militäroffensive eine Eskalation bevorsteht, wie sie sie noch nicht erlebt hat.

Ist Humanitäre Hilfe uneingeschränkt möglich?

Die größte Herausforderung für humanitäre Hilfsorganisationen, die in Syrien Hilfe leisten, ist der Zugang zu den betroffenen Menschen. Dieser ist aufgrund der angespannten Sicherheitslage oft nur eingeschränkt möglich.

Wegen der Gefechte im Norden des Landes mussten Hilfsprojekte ausgesetzt und Mitarbeiter evakuiert werden. Es kann zu Engpässen bei Hilfsgütern kommen, weil diese innerhalb des Landes schwer zu beschaffen sind oder Transportwege nicht mehr funktionieren. Durch den immensen Bedarf an Humanitärer Hilfe im ganzen Land stehen Organisationen am Rande ihrer Kapazitäten. Zudem stellen der Grenzübertritt sowie hohe Visa-Auflagen die Helfer in Syrien häufig vor Schwierigkeiten.

Wie helfen die Bündnisorganisationen von Aktion Deutschland Hilft?

Aktion Deutschland Hilft leistet den Menschen in Syrien und den Nachbarländern wie dem Irak seit mehr als acht Jahren Nothilfe. Auch jetzt stehen die Hilfsorganisationen des Bündnisses den Kindern, Frauen und Männern zur Seite. Dabei arbeiten sie Hand in Hand mit lokalen Partnern.

Die Bündnisorganisationen beobachten die Entwicklungen im Nordosten des Landes genau. Im Irak beispielsweise bereiten sich Helfer bereits auf neu ankommende Flüchtlinge vor. Andernorts werden Menschen bereits in Schulen, die zu improvisierten Auffanglagern umfunktioniert wurden, mit Hilfsgütern versorgt.


Danke, dass Sie unsere Nothilfe für die Menschen aus Syrien mit Ihrer Spende ermöglichen!

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet dringend um Spenden für die Flüchtlinge Syrien / Nahost:

Spenden-Stichwort: Flüchtlinge Syrien / Nahost
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX
Spenden-Hotline: 0900 55 10 20 30 (Festnetz kostenfrei, mobil höher)
Sicher online spenden!