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Flüchtlinge SyrienInterview: Vier Fragen an Dr. Eckhardt Flohr

26-03-2013
Dr. Eckhardt Flohr

Dr. Eckhardt Flohr vom HAMMER Forum über die Situation in Syrien

1) Wie konnte das HAMMER FORUM bisher Hilfe leisten?

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres konnte das HAMMER FORUM einen Hilfsgütertransport in die syrische Grenzstadt Kilis realisieren. Mein Kollege Dr. Joma Alkhudder, selbst gebürtiger Syrer, hatte sich dazu bereiterklärt, seinen Kleinwagen mit medizinischem Verbandsmaterial wie Verbänden und OP-Bedarf zu beladen und über Österreich, Ungarn, Serbien und Bulgarien bis in die Türkei zu fahren. An der Grenzstadt zu Syrien traf er Verwandte, die die Hilfsgüter zu Krankenhäusern im Landesinneren transportierten.
Zudem fand Ende Februar 2013 eine Erkundungsreise statt, um herauszufinden, wie weitere Hilfsmaßnahmen im Krisengebiet, vonstatten gehen können und sollen. Demnach fehlt es vor allem an Medikamenten und medizinischem Verbrauchsmaterial. Mein Kollege Dr. Alkhudder und ich, hatten bei dieser Reise zudem rund 80 Kilogramm medizinisches Hilfsmaterial im Gepäck, das an Krankenhäuser in Aleppo ausgegeben wurde. Angesichts des enormen Bedarfs nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

2) Was brauchen die Menschen am nötigsten?

Die kriegerischen Auseinandersetzungen gehen ins dritte Jahr. Je länger sich der Konflikt hinzieht, desto schlimmer wird die Situation. Wichtig wäre für die Menschen endlich mal zur Ruhe zu kommen – nach mehr als zwei Jahren Krieg ein äußerst nachvollziehbarer Wunsch.
Vor allem der Bedarf an medizinischem Hilfsmaterial ist immens. Zieht sich der Konflikt weiter in die Länge, sind die Menschen zudem auf die Zulieferung von Impfstoffen angewiesen. Die Versorgung durch die syrischen Ärzte vor Ort ist exzellent und das, obwohl die Arbeitsbedingungen mehr als schwierig sind. Medizinische Einrichtungen müssen im Verborgenen bleiben und die Ärzte im Untergrund arbeiten, um der Gefahr einer gezielten Bombardierung möglichst zu entgehen. Die Menschen sind dringend auf Hilfe von außen angewiesen.
Zudem sind die Lebensbedingungen katastrophal und das Leben in Syrien ist extrem teuer geworden. Die Preise für Lebensmittel, wie Mehl oder Brot sind derart in die Höhe geschnellt, dass die Menschen kaum noch in der Lage sind diese zu bezahlen. Strom und fließendes Wasser gibt es schon lange nicht mehr.

3) Was sind die größten Herausforderungen?

Für jene, die Hilfe leisten wollen, ist die logistische Bewältigung des Transports von Hilfslieferungen ins Land, insbesondere durch die schlechte Sicherheitslage, eine der größten Herausforderungen.
Für die Syrer selbst hingegen ist die größte Herausforderung, sich ein Stück Normalität in diesem vom Krieg zerrütteten Land zu bewahren und ihr Leben an diese Extremsituation anzupassen. Immer wieder gerät die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten und wird in Mitleidenschaft gezogen. Raketen machen auch vor Kindern nicht halt. Je länger der Konflikt dauert, desto schwieriger wird es sein, irgendwann wieder in Frieden zu leben. Radikalismus und Hassgefühle führen dazu, dass die Gräben zwischen den verschiedenen verfeindeten Gruppierungen immer tiefer werden.

4) Was hat Sie am meisten bewegt?

Begegnungen, Gespräche und Erfahrungen unserer Reise, vermittelten uns einen guten Eindruck über die Lage in Syrien. Das erste erschreckende Erlebnis wartete bereits in Azaz auf uns, wo in der Nacht vor unserer Ankunft die sogenannte befriedete Zone von fünf Bomben getroffen wurde, und die Ärzte ihr Möglichstes taten, um den Verletzten zu helfen. Kinder mit Granatsplitterverletzungen sind keine Seltenheit. Zudem lernte ich einen hochbegabten 14-jährigen Jungen kennen, der durch die kriegerischen Auseinandersetzungen bereits einen Bruder verloren hatte. Unterforderung in der Schule und Empfänglichkeit für die Gesinnungen Nahestehender führen schnell dazu, dass sich Kinder den Kampfhandlungen anschließen. So auch im Falle des 14-Jährigen, der nun an der Seite seines anderen Bruders für die Ideen der Rebellen kämpft. So werden die Kinder fast automatisch in den Krieg hineingezogen und ihnen wird die Chance genommen ein normales, ihrem Alter angemessenes, Leben zu führen.

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