Nach dem schweren Erdbeben suchen Retter in den Trümmern eingestürzter Häuser nach Überlebenden in Nepal.

ErdbebenDie Begegnung mit der Angst

Wie lebt es sich in einem Land, das ständig das nächste Beben fürchten muss? Eine Annäherung

GDACS. Fünf Buchstaben. Fünf Buchstaben, die Helfer aus aller Welt in unregelmäßigen Abständen aufschrecken lassen. Denn GDACS steht für „Global Disaster Alert and Coordination System“. Dahinter verbirgt sich ein von den Vereinten Nationen installiertes Warnsystem, das via E-Mail sowie SMS über Wirbelstürme, Überschwemmungen oder Erdbeben informiert. Informationen mit dem Vermerk „Green alert“ verlaufen in der Folge meist harmlos. „Orange alert“ birgt bereits eine immense Gefahr für die Menschen in der betreffenden Region. Und bei „Red alert“ kann man sich eigentlich sicher sein, dass sich soeben irgendwo auf der Welt eine große Katastrophe ereignet hat oder aber – im Falle eines Wirbelsturms – unmittelbar bevorsteht.

Orange alert/Earthquake Indonesia

Der Warnhinweis „Orange alert / Earthquake Indonesia“ erscheint in erschreckender Regelmäßigkeit auf dem Handy-Display sowie dem Bildschirm des Computers. Die großen indonesischen Inseln Sumatra und Java, auf denen zusammen rund 175 Millionen Menschen leben, werden immer wieder von kleineren und mittleren Beben erschüttert. 

Am 30. September sowie am 1. Oktober traf es die Region um Padang an der Westküste der Insel. Die Bündnispartner von Aktion Deutschland Hilft waren schnell vor Ort – und kümmerten sich erst um die Nothilfe und später um den Wiederaufbau. Dabei entstanden natürlich unzählige Begegnungen mit den Betroffenen, den Menschen, die hier verwurzelt sind und ihre Heimat haben. Den Helfern begegnete dabei jede Menge Mut, Unverzagtheit, manchmal Trotz und immer auch den strikten Willen zum Wiederaufbau. Immer wieder war es aber auch eine Begegnung mit der Angst.

Niemand weiß, wann das nächste Beben kommt

Wer nach den beiden Beben in den Dörfern nördlich von Padang unterwegs war, sah überall dasselbe Bild: Menschen, die vor Ihren Häusern campieren. Ganz egal, ob die Häuser eingestürzt waren oder nicht. „Viele Menschen erfuhren aus den Medien, dass Geologen weitere schwere Erdbeben für die Region um Padang vorausgesagt hatten“, sagt Nicole Derbinski von Malteser International. „Nachdem ich ihnen erklärt hatte, wie wir arbeiten und dass die Vereinten Nationen da sind, um alle Hilfsmaßnahmen zu koordinieren, fragten uns die Dorfbewohner, ob wir bitte bei den Vereinten Nationen nachfragen könnten, wann das nächste Erdbeben stattfinden wird.“

Niemand weiß, wann das nächste Beben kommt, auch die Vereinten Nationen nicht. Doch diese Fragen sind natürlich ein Beleg dafür, wie wenig viele Menschen über Erdbeben und deren Ursachen wissen. Derbinski: „Katastrophenvorsorge ist also in Indonesien auf jeden Fall weiterhin ein sehr wichtiges Thema.“ Vorsorge – um im Falle des Falles besser gewappnet zu sein, aber auch um psychisch stabiler mit der Situation umgehen zu können.

Die Angst um das eigene Überleben und das Überleben der Angehörigen und Freunde ist das eine, das andere ist die Angst um die Existenz. Elena Lutzke von den Johannitern wohnt seit langem in Indonesien, in Medan auf Sumatra. Sie spricht die Sprache und versteht die Gefühlslage der Menschen. „Die Angst davor, in den Häusern zu schlafen, hält nach meinen Erfahrungen nicht so lange an – die langfristigen Folgen sind eher ökonomischer Natur“, sagt sie. „Wenn man infolge des Bebens alles verloren hat, womöglich sogar den Arbeitsplatz, dann lässt das viele schon mal verzweifeln.“ Und auch angesichts des drohenden nächsten Bebens hätten viele Menschen Angst davor, das wenige Hab und Gut zu verlieren, nicht mehr den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können. „Und meist trifft es ja jene, die ökonomisch ohnehin schlecht dastehen“, so Lutzke weiter.

Schon bei leichtem Erdbeben in Panik


Eines stellt die Angst vor dem nächsten Beben jedoch noch in den Schatten: die Angst vor dem nächsten Tsunami. Das weiß auch Sven Seifert zu berichten, der für den Dresdner Bündnispartner arche noVa wenige Tage nach den beiden Herbst-Beben im Katastrophengebiet unterwegs war. Seifert erzählt von einem Ehepaar, das in einem Dorf im Landesinneren wohnt, und welches immer wieder auf seinen in der Küstenstadt Padang lebenden Sohn einredet, doch so oft wie möglich bei den Eltern zu sein. „Sie rechnen einfach unentwegt damit, dass Padang von einem riesigen Tsunami überschwemmt wird. Sie leben mit dieser ständigen Sorge um ihren Sohn.“

Entlang der Küstenregionen sieht man immer wieder Schilder mit der Aufschrift „Evakuasi Tsunami“ und einem Pfeil, der in Richtung der Berge zeigt. Der 26. Dezember 2004 ist auf Sumatra noch allgegenwärtig. „Aus Erzählungen kann man sagen, dass die Menschen hier auch schon bei leichteren Erdbeben in Panik geraten und häufig auch dann in höhere Regionen flüchten, wenn keine Tsunami-Warnung ausgegeben wurde“, sagt Elena Lutzke. Doch trotz aller Befürchtungen, trotz aller Sorgenfalten, trotz der medialen Panikmache: Die Johanniter-Helferin trifft immer wieder auf Menschen, die Erdbeben als „alltäglich“ hinnehmen – und das bisweilen mit einem Lächeln.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
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