Journalistenpreis Humanitäre Hilfe"Patchworkfamilien sind hier ganz normal, man ist füreinander da"

08-05-2018

von Aktion Deutschland Hilft

Interview mit Johanna Sagmeister


Jeden Tag fliehen tausende Südsudanesen vor den gewaltsamen Konflikten in ihrer Heimat. Mehr als 90.000 Südsudanesen sind über die Grenze in den Nordwesten Kenias geflohen, rund 1,3 Millionen Menschen nach Uganda.

Johanna Sagmeister wurde 2018 als eine von sechs Journalisten für den "Journalistenpreis Humanitäre Hilfe" nominiert und hat sich die aktuelle Situation angesehen. Im Interview spricht sie von ihren prägendsten Erlebnissen, dem Zusammenhalt der Menschen in den Flüchtlingslagern und den unterschiedlichen Facetten der journalistischen Arbeit in humanitären Hilfsprojekten.

Aktion Deutschland Hilft: Frau Sagmeister, Sie haben sich für den „Journalistenpreis Humanitäre Hilfe“ beworben und gehören jetzt zu den sechs nominierten Journalisten. Aus welcher Motivation heraus haben Sie sich beworben?

Johanna Sagmeister: Als ich die Ausschreibung für den Wettbewerb gesehen habe, kam ich gerade von einer Recherche in Malta zurück, bei der wir die Crew der Sea Watch während ihren Vorbereitungen für die Seenotrettung begleitet haben. Aus verschiedenen Gründen konnten wir bei der Mission auf dem Mittelmeer – also bei der eigentlichen Hilfeleistung - nicht dabei sein, was ich wirklich gerne erlebt hätte. Ich wollte also unbedingt weiter über humanitäre Projekte berichten, da kam der Wettbewerb wie gerufen.

Mit Ihrer Nominierung haben Sie nicht nur erfahren, dass Sie Hilfsprojekte der Organisationen Johanniter-Auslandshilfe und Malteser International besuchen werden, sondern auch, dass es nach Kenia und Uganda gehen wird. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Mein erster Gedanke war: Ach, das ist ja interessant, die Länder stehen eigentlich auf meiner Urlaubsliste, weil zwei meiner Freunde aus Kenia und Uganda kommen. Dass die Länder Flüchtlinge aufnehmen, wusste ich natürlich auch. Aber dass die Flüchtlingslager in die ich Reisen werde zu den weltweit größten gehören, war mir nicht bewusst.

Im Februar nominiert, im April verreist – viele Ereignisse in kürzester Zeit. Wie haben Sie sich auf Ihre Reise vorbereitet?

Gefühlt habe ich die meiste Zeit in der Charité beim Impfen verbracht. Außerdem hat es mir echt Spaß gemacht, mein Equipment mit allerlei Gadgets und Extrakram zu perfektionieren. Canon stellt uns ja eine top Grundausrüstung zur Verfügung, aus der ich dann auch das Bestmögliche rausholen wollte. Am Ende hatte ich mehr Equipment als Kleidung dabei. Für die inhaltliche Vorbereitung habe ich viel gelesen und mit Journalisten vor Ort Kontakt aufgenommen, um von ihren Erfahrungen und Einschätzungen zu hören. 

Kenia und Uganda gehören zu den Fluchtorten tausender Südsudanesen, die hier Schutz suchen. Wie haben Sie die Situation in den Hilfsprojekten erlebt?

Auch wenn die geflüchteten Menschen in Uganda und Kenia an sich die gleichen humanitären Hilfeleistungen bekommen, waren die Erfahrungen komplett unterschiedlich. Das liegt schon allein daran, dass die Hilfsprojekte so verschieden sind. Malteser International ist in Uganda vor allem für die Wasserversorgung zuständig, Johanniter International ist in Kenia im Gesundheitsbereich aktiv.

Für die Geflüchteten machen die politischen Rahmenbedingungen wohl den größten Unterschied. In Uganda können sie sich ein langfristiges Leben aufbauen, dürfen sich frei bewegen und arbeiten. In Kenia haben die Geflüchteten nur sehr eingeschränkte Rechte und werden quasi als "Dauer-Gäste" behandelt.

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Gibt es eine spezielle Situation oder Begegnungen, die Sie ganz besonders in Erinnerung behalten werden?


Ich hoffe, dass mir alle Begegnungen in Erinnerung bleiben, denn sie alle waren besonders. Was mich insgesamt beeindruckend hat, ist der enorme Zusammenhalt untereinander.

Krieg und Flucht haben so viele Familien auseinandergerissen. In den Flüchtlingslagern spielt es dann keine Rolle mehr, ob das Kind deins ist oder das deiner ehemaligen Nachbarn. Wenn es alleine ist, wird es selbstverständlich in die Familie aufgenommen. Patchworkfamilien sind hier ganz normal, man ist füreinander da. 

Sie haben während ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule und bei Stationen in Medienhäusern wie Spiegel, ZDF oder n-tv bereits unterschiedlichste Erfahrungen gemacht. Wie unterscheidet sich die journalistische Arbeit im Ausland zu der in Deutschland?

Schon allein wegen der kulturellen Unterschiede war die Arbeit in Uganda und Kenia besonders. Ich sehe anders aus, spreche eine andere Sprache – all das erschwert es, Nähe und Vertrauen aufzubauen. Deshalb war es mir wichtig, die Menschen mehrmals zu treffen und die Kamera auch mal wegzulassen.

Außerdem ist da immer dieser Druck, auch wirklich alle Infos über die Person zu erfragen. In Deutschland kann ich meine Protagonisten bei Nachfragen noch mal anrufen oder anmailen. Das geht hier nicht, weil die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, kein Telefon oder Internet haben.

Welche Eindrücke und Erfahrungen nehmen Sie ganz besonders mit zurück in Ihren Alltag nach Deutschland?

Manchmal frage ich mich: Was macht die Person XY jetzt wohl? Geht’s ihm/ihr gut? Ich finde es schade, dass ich mit den Menschen nur sehr schwer, bis eigentlich gar nicht, im Kontakt bleiben kann und sie auch nicht an den Fotos oder Artikel über sie teilhaben lassen kann.