von Aktion Deutschland Hilft
Fünf Jahre nach dem Machtwechsel in Afghanistan spitzt sich die Lage für die Menschen weiter zu. Millionen Menschen haben nicht genug zu essen – hinzu kommen multiple Krisen, die sich gegenseitig verstärken und den Menschen alles abverlangen. Besonders stark betroffen: Frauen und Mädchen.
Ein Team-Mitglied von CARE Afghanistan spricht im Interview über die Situation im Land, über das, was die Öffentlichkeit unbedingt wissen sollte – und darüber, ob trotz allem Hoffnung besteht.
Die Sicherheitslage im Land ist schwierig. Zum Schutz unserer Kolleg:innen verzichten wir im Interview auf die Nennung von Namen.
Wie würden Sie die humanitäre Situation fünf Jahre nach dem Machtwechsel in Afghanistan beschreiben?
Afghanistan befindet sich immer noch in einer der komplexesten humanitären Krisen der Welt. Der humanitäre Bedarf gehört weiterhin zu den höchsten weltweit. 21,9 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen – das sind fast 45 Prozent der Bevölkerung. Mehr als 17 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Seit 2023 sind mehr als 6 Millionen Afghaninnen und Afghanen aus Nachbarländern zurückgekehrt. Das verschärft die Lage zusätzlich in vielen Bereichen, die schon vorher belastet waren. Im Vergleich zu den Vorjahren gibt es zwar weniger aktive Konflikte. Trotzdem überlagern sich die Probleme und Herausforderungen für die Familien, angefangen bei Armut, Arbeitslosigkeit und Vertreibung bis zu klimabedingten Katastrophen wie Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben.
Wie hat sich das tägliche Leben für die durchschnittliche Familie seitdem verändert?
Für viele afghanische Familien ist das tägliche Leben schwieriger und unsicherer geworden: geringere Einkommen, Arbeitslosigkeit, steigende Verschuldung, wiederholte Klimaschocks und weniger Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu sichern. Viele Haushalte können kaum ihre Grundbedürfnisse wie Nahrung, Gesundheitsversorgung, Bildung und Unterkunft decken.
Wir haben vor Kurzem eine Befragung gemacht, und eine Frau hat ihre Lebensrealität so beschrieben: ,Es gibt Tage, an denen wir nicht genug Essen zu Hause haben. Meine Kinder gehen hungrig ins Bett, und manchmal sparen wir einen Teil des Abendessens auf, damit sie am nächsten Morgen etwas zum Frühstück haben. Wir haben kein richtiges Zuhause und leben bei extremer Hitze in einem Zelt. Meine jugendlichen Töchter machen sich ständig Sorgen, weil es keinen privaten Ort gibt, an dem sie sich umziehen oder ihre täglichen Bedürfnisse in Würde erfüllen können. Gleichzeitig machen wir uns bereits Sorgen darüber, wie wir überleben werden, wenn der Winter kommt.´
Das zeigt, wie viele Familien das Gefühl haben, gleichzeitig mehreren Krisen gegenüberzustehen, die sich überschneiden und gegenseitig verstärken.
Was ist jetzt anders als vor ein paar Jahren?
Viele Familien haben die Bewältigungsmechanismen ausgeschöpft, auf die sie sich in der Vergangenheit verlassen konnten. Ersparnisse sind aufgebraucht, Schulden haben zugenommen, und die Menschen sind zunehmend gezwungen, schwierige Entscheidungen zwischen Nahrung, Gesundheitsversorgung, Bildung und anderen lebenswichtigen Bedürfnissen zu treffen. In vielen Fällen erholen sich Familien noch von einer Krise, wenn schon die nächste kommt. Sei es eine Dürre, eine Überschwemmung, Rückkehrbewegungen, Konflikte im Land oder wirtschaftliche Not.
Auch das Leben junger Männer ist von Unsicherheiten geprägt. Viele haben das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft zu verlassen. Viele sind mit wachsender Frustration und Unsicherheit konfrontiert. Sie kämpfen mit Arbeitslosigkeit, begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten und machen sich Sorgen um ihre Familien und um ihre Zukunft.
Und wie ist es bei den Frauen und Mädchen?
Für Frauen und Mädchen hat sich das tägliche Leben noch deutlich stärker verändert. Begrenzte Möglichkeiten in Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit haben ihre Chancen verringert. Das führt dazu, dass sie abhängiger von ihren Familienmitgliedern sind. Gleichzeitig tragen Frauen weiterhin einen großen Teil der Verantwortung für die Betreuung von Kindern und das Wohlergehen der Familie, obwohl sie weniger Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen oder an gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Viele Frauen sorgen sich um die Zukunft ihrer Töchter. Es fehlt an regulären und dauerhaften Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten.
Ist die Situation hoffnungslos? Welchen Unterschied macht humanitäre Hilfe für die Menschen?
Nein, die Situation ist nicht hoffnungslos. Aber dass wir weitermachen mit humanitärer Unterstützung, ist und bleibt entscheidend.
Laut dem Afghanistan Humanitarian Needs and Response Plan 2026 planen humanitäre Partner, in diesem Jahr 17,5 Millionen Menschen in ganz Afghanistan mit lebensrettender Hilfe zu erreichen. Dazu gehören: Nahrungsmittelhilfe, Gesundheitsversorgung, Ernährungsbehandlung, sauberes Wasser, Unterstützung bei Unterkünften, Schutzdienste und Bargeldhilfe für gefährdete Haushalte. Ohne diese Unterstützung würden Millionen von Menschen mit deutlich größerer Not konfrontiert sein.
Humanitäre Hilfe macht oft den Unterschied aus zwischen einer Familie, die eine Krise bewältigen kann, und einer Familie, die tiefer in Armut, Hunger und Verwundbarkeit gerät. Das sehen wir insbesondere bei von Frauen geführten Haushalten, vertriebenen Familien, Rückkehrenden und bei Gemeinschaften, die von Klimaschocks betroffenen sind. Humanitäre Hilfe ermöglicht Kindern den Schulbesuch, Müttern den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Familien die Reparatur von Unterkünften und Gemeinschaften die Erholung nach Katastrophen.
Gleichzeitig steht die humanitäre Hilfe vor erheblichen Finanzierungsproblemen.
Ja. Humanitäre Organisationen in ganz Afghanistan berichten aufgrund von Mittelkürzungen über einen Abbau von Personal, Dienstleistungen und geografischer Reichweite. Es ist unerlässlich, dass die internationale Gemeinschaft weiter unterstützt. Ansonsten stehen auch Fortschritte auf dem Spiel, die wir durch humanitäre Hilfe schon erreichen konnten.
Was CARE Zuversicht gibt, ist, dass überall dort, wo Gemeinschaften rechtzeitig Unterstützung erhalten, positive Ergebnisse sichtbar werden. Familien können sich stabilisieren, erholen und beginnen, ihr Leben wieder aufzubauen. Deshalb bleibt nachhaltige humanitäre Unterstützung für die Zukunft Afghanistans so wichtig.

Was sind die größten Probleme, mit denen die Menschen konfrontiert sind?
Millionen von Menschen kämpfen darum, ihre Grundbedürfnisse zu decken, während immer wieder Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben Leben und Lebensgrundlagen zerstören und die Lage weiter verschärfen. Berichte vom Ende des vergangenen Jahres zeigen, dass 82 Prozent der Siedlungen in Afghanistan von Dürre betroffen waren. Das verdeutlicht, wie weit verbreitet klimabedingte Belastungen inzwischen sind.
Mangelernährung bleibt ein großes Problem, insbesondere bei Kindern sowie schwangeren und stillenden Frauen. Viele Gemeinschaften haben zudem Schwierigkeiten beim Zugang zu Gesundheitsversorgung, sicherem Trinkwasser, Sanitärversorgung und Bildung. Der Bedarf an psychosozialer und psychischer Unterstützung nimmt zu, da Familien wiederholte Krisen und anhaltende Unsicherheit erleben.
Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein weiteres großes Problem. Etwa 420 Gesundheitseinrichtungen wurden geschlossen. Das hat Folgen für rund 3 Millionen Menschen, die dort nicht mehr hingehen können. Viele Gemeinschaften leiden weiterhin unter einem Mangel an Medikamenten, medizinischem Material, Ärztinnen und Ärzten sowie Hebammen.
Mit welchen Herausforderungen sind Sie als Mitarbeitende einer Hilfsorganisation konfrontiert?
Das Ausmaß des humanitären Bedarfs bleibt enorm, während die verfügbaren Ressourcen immer begrenzter werden. Humanitäre Organisationen sehen sich mit Finanzierungslücken, operativen Einschränkungen und wachsendem Druck konfrontiert, gleichzeitig auf mehrere Krisen reagieren zu müssen.
Eine unserer humanitären Helfer: innen in Afghanistan sagte mir dazu: ,Als humanitäre Helferin stehe ich vor Herausforderungen im Zusammenhang mit meiner Bewegungsfreiheit. Ich komme aus einem von einer Frau geführten Haushalt ohne männliche Familienangehörige. Dies schränkt meine Fähigkeit ein, mich frei zu bewegen und viele Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung wahrzunehmen, da die Anwesenheit eines Mahram (männlichen Vormunds) erforderlich ist. Als alleinige Versorgerin meiner Familie mache ich mir Sorgen um die Zukunft meiner Familie.
Trotz dieser Herausforderungen engagiere ich mich weiterhin für die humanitäre Arbeit, weil ich jeden Tag sehe, wie wichtig es ist, dass Frauen und Mädchen über weibliches Personal Zugang zu Unterstützung erhalten können. Humanitäre Organisationen passen sich weiterhin an und finden Wege, um sicherzustellen, dass Frauen, Mädchen, Menschen mit Behinderungen und andere gefährdete Gruppen sicher und in Würde Unterstützung erhalten können.´
Was wäre nötig, um die Situation nachhaltig zu verbessern?
Humanitäre Hilfe bleibt unverzichtbar, aber für nachhaltigen Fortschritt braucht es mehr als Nothilfe. Langfristige Erholung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es geht darum, Lebensgrundlagen zu stärken, den Zugang zu hochwertiger Bildung auszubauen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Und resilienter gegen die Klimakrise zu werden und soziale Sicherungssysteme zu stärken.
Eine nachhaltige Zukunft für Afghanistan hängt auch davon ab, dass Frauen, Mädchen und junge Menschen sinnvoll an der Gesellschaft teilhaben und zur Wirtschaft beitragen können. Afghaninnen und Afghanen haben die Fähigkeiten, Erfahrungen, den Unternehmergeist und das Führungspotenzial, die es braucht, um eine widerstandsfähigere Zukunft mitzugestalten.
Ebenso wichtig ist die Unterstützung lokaler Organisationen, besonders von Organisationen mit Fokus auf Frauen. Diese Organisationen verfügen über ein tiefes Verständnis der Bedürfnisse der Gemeinschaften, genießen großes lokales Vertrauen und können oft am besten gefährdete und unterversorgte Bevölkerungsgruppen erreichen.

Was ist die eine Sache, die die Öffentlichkeit wirklich über die Situation in Afghanistan verstehen muss?
Die Welt hört heute weniger über Afghanistan, aber die humanitäre Krise ist nicht verschwunden.
Was die Menschen verstehen müssen, ist, dass sich hinter jeder Statistik eine Familie verbirgt, die versucht, zu überleben, ihre Kinder zu unterstützen und eine würdevolle Zukunft aufzubauen.
Gleichzeitig ist Afghanistan nicht nur eine Geschichte der Krise. Es ist auch eine Geschichte der Widerstandskraft. Afghanische Frauen, Mädchen, Männer und Jugendliche unterstützen sich weiterhin gegenseitig, passen sich Herausforderungen an und schaffen trotz schwieriger Umstände Chancen. Ihre Stärke wird oft übersehen, bleibt aber eines der größten Potenziale des Landes.
Und das gibt Ihnen Hoffnung?
Ja, diese Widerstandskraft der afghanischen Bevölkerung gibt mir Hoffnung. Jeden Tag sehe ich Beispiele dafür, wie Menschen Wege finden, voranzukommen, ihre Nachbar:innen zu unterstützen und in die Zukunft ihrer Kinder zu investieren. Am meisten bewegt mich der Mut und die Beharrlichkeit von Menschen, die trotz wiederholter Krisen weiter ihren Weg gehen.
Ich habe Frauen getroffen, die ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlage und ihre Unterstützungsnetzwerke verloren haben und dennoch weiterhin alles daran setzen, ihre Kinder zu bilden, ihre Familien zu unterstützen und anderen Menschen in ihren Gemeinschaften zu helfen. Ich habe erlebt, wie Gemeinschaften ihre knappen Ressourcen mit Nachbarinnen und Nachbarn geteilt haben, die noch stärker gefährdet waren als sie selbst. Die Widerstandskraft und Entschlossenheit, die die Menschen jeden Tag zeigen, sind außergewöhnlich. Diese Erfahrungen führen mir immer wieder vor Augen, warum humanitäre Arbeit wichtig ist und warum wir Menschen in schwierigen Zeiten weiterhin unterstützen müssen.
+++ Spendenaufruf +++
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