KatastrophenvorsorgeNeysa Setiadi: Sichere Orte für den Fall der Katastrophe

"Immer mehr Flächen werden bebaut – und immer mehr Menschen leben in Risikogebieten. Die physischen und wirtschaftlichen Verluste bei großen Katastrophen sind hoch: Infrastrukturen werden zerstört; Entwicklung zunichtegemacht. Katastrophenvorsorge sollte dazu beitragen, die Infrastruktur durch bauliche Maßnahmen und Risikomanagement sicherer und widerstandfähiger zu machen. Und dazu, die Infrastruktur für den Katastrophenfall aus- und aufzubauen."

Dr. Neysa J. Setiadi ist Referentin bei Aktion Deutschland Hilft. Sie arbeitet in der Abteilung Projekte und Qualitätssicherung und befasst sich mit Katastrophenvorsorge. Der Bereich Infrastruktur ist einer ihrer Schwerpunkte. Im Interview erklärt sie, was alles zur Planung gehört und warum die vernetzte Zusammenarbeit dabei so wichtig ist.

Aktion Deutschland Hilft: Stell dir vor, du bist in Nepal und plötzlich bebt die Erde. Niemand hat das Beben vorhergesehen. Wie kann Katastrophenvorsorge in so einem Fall größeres Leid verhindern?

Dr. Neysa J. Setiadi: Erdbeben entstehen plötzlich. Sie vorherzusagen, ist schwierig. Aber man kann erdbebenanfällige Gebiete im Vorfeld identifizieren und dort vorsorgen. Etwa mit Bildungsmaßnahmen und dem Bau von erdbebensicheren Häusern und Straßennetzwerken.

Diese vorbereitenden Maßnahmen können Schäden und Leid lindern. In Risikogebieten gibt es oft auch Warnsysteme. In den Sekunden, in denen das Beben passiert, gilt es jedoch nur noch, sich in Sicherheit zu bringen.

Was genau bedeutet "erdbebensicheres Bauen"?

Für erdbebensicheres Bauen braucht man Material, das nicht schnell bricht. Das kann eine traditionelle Bauweise mit Bambus sein oder moderne, sichere Technologien. Hier wäre es hilfreich, einen 'Building Code' in Risikogebieten zu entwickeln und umzusetzen. Sie beinhalten Standards fürs Bauen, damit die Gebäude katastrophensicher sind. Außerdem sollten Gebiete genau überprüft werden, bevor sie bebaut werden. Es kommt also aufs Material und auf die Bebauungsfläche an.

Katastrophenvorsorge und Infrastruktur – was beinhaltet das noch?

Infrastruktur beinhaltet alles, was wichtig für die Versorgung ist: Wasser-und Entsorgungssysteme, Hygieneanlagen, Stromversorgung und Kommunikationsnetzwerke. Auch Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser, Einkaufszentren gehören dazu, sowie Notrufzentralen, Medikamentenlager, Frühwarnsysteme und Evakuierungsgebäude, die im Notfall zum Schutz der Bevölkerung beitragen.

In der Katastrophenvorsorge wird alles widerstandsfähig gegenüber Katastrophen gemacht. Nicht nur gegen Erdbeben, auch gegen andere Naturgefahren wie Hochwasser, Stürme, extreme Hitze oder Kälte. Oder wie jetzt in der Pandemie – da achtet man darauf, dass Gebäude gut durchlüftet werden können. 

Das klingt nach Vernetzung auf allen Ebenen – ähnlich wie bei den Hilfsorganisationen in unserem Bündnis.

Ja, viele der Hilfsorganisationen arbeiten auch in diesem Bereich zusammen. Einerseits im Vorfeld, bevor ein Hilfsprojekt umgesetzt wird. Andererseits verknüpfen sie vorsorgende Maßnahmen mit der akuten Nothilfe, so wie beim katastrophensicheren Wiederaufbau zerstörter Häuser nach einem Erdbeben.


Warum ist eine gute Infrastruktur vor allem für ärmere Länder wichtig?

Sie ist grundlegend für alle Länder wichtig. Große Katastrophen können auch hier in Deutschland schwere Schäden anrichten. Allerdings sind die Hürden für Entwicklungsländer andere.

Teils wachsen Infrastrukturen dort sehr schnell und ungeplant, etwa dann, wenn viele Menschen in kurzer Zeit in städtische Ballungsräume ziehen. Außerdem gibt es in Entwicklungsländern öfter Slumgebiete. Diese sehr armen Viertel liegen oft in Risikogebieten: an schlecht gerüsteten Flussufern, ungeschützten Küsten oder erdbebengefährdeten Bergregionen. Das Risiko, dass ihre gesamte Lebensgrundlage, zerstört wird, ist dort sehr hoch.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Menschen in den Projektländern?

Das planen die Organisationen so, dass alle Zielgruppen eingebunden werden. Sie fragen nach, welche lokalen Materialien genutzt werden können, welche soziokulturellen Aspekte es zu beachten gilt und was die Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort sind.

An der Umsetzung sind die Menschen aus den Projektländern ebenfalls beteiligt, sei es beim Bauprozess oder bei der Materialbeschaffung. 


Bildergalerie: Katastrophenvorsorge durch sichere Infrastruktur


Welches Hilfsprojekt unserer Bündnisorganisationen hat dir im vergangenen Jahr besonders gut gefallen und warum?

Es gab letztes Jahr zwei Projekte in Kenia, die ich besonders interessant fand. Das eine ist von ADRA und unterstützt Menschen im Norden des Landes bei der Anpassung an den Klimawandel. Dürreresistente Kulturen, Regenwasserernte und Mikrobewässerungsoptionen sorgen dafür, dass auch in Trockenzeiten Getreide wachsen kann. ADRA arbeitete mit lokalen Behörden zusammen und es gab Schulungen für Bauern.

Toll fand ich auch ein Projekt von arche noVa zur Wasserversorgung. Die Organisation hat zusammen mit den betroffenen Menschen Lösungen gesucht und gefunden. Sie haben Sanddämme mit Handpumpen errichtet, um Wassermangel in der Trockenzeit zu vermeiden und ebenfalls Schulungen durchgeführt, also über den Klimawandel und verbesserte Anbaumethoden aufgeklärt.

Brauchen wir noch humanitäre Hilfe, wenn überall bestmöglich vorgesorgt wird?

Humanitäre Hilfe wir immer notwendig sein. Der Bedarf ist so groß und wir können die Risiken nicht auf Null reduzieren. Stichwort Klimawandel: Extreme Wetterereignisse nehmen zu; damit haben wir einfach noch nicht viel Erfahrung. Aber mit Katastrophenvorsorge können wir, wo immer möglich, Risiken reduzieren – und damit vermeiden, dass der Bedarf an Nothilfe weiter steigt.

Was begeistert dich am Thema Katastrophenvorsorge?

Katastrophenvorsorge kann Leid verhindern, noch bevor es geschieht. Es ist ein Bereich, an dem es sich zu arbeiten lohnt und der dazu beträgt, Besserungen für die Menschheit zu schaffen.

Trotzdem war es nicht mein ursprünglicher Studienfokus. Erst nach dem Tsunami 2004 bin ich auf das Feld gestoßen. Das Ereignis hat getriggert, dass in Indonesien ein Tsunamifrühwarnsystem gebaut und Evakuierungspläne für Risikogebiete entwickelt wurden. Für mich hat sich daraus eine Forschungstätigkeit ergeben und ich bin bis heute drangeblieben. Das Thema bleibt aktuell. Und ich lerne immer mehr dazu.

In Indonesien habe ich übrigens auch Katrin von der Dellen von CARE kennengelernt. Die Welt ist klein!


Katastrophenvorsorge verhindert Leid, bevor es geschieht. Helfen Sie uns, zu helfen – jetzt mit Ihrer Spende!

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