von Aktion Deutschland Hilft/ADRA

Dorothea Kulla ist Fachberaterin für Umweltfragen bei unserer Bündnisorganisation ADRA Deutschland. Sie hat mehr als zehn Jahre in der ländlichen Entwicklung in Afrika südlich der Sahara gearbeitet. Heute beschäftigt sie sich unter anderem mit der Frage, wie humanitäre Hilfe umweltfreundlicher gestaltet werden kann.
Das Prinzip “Do No Harm” gehört zu den Grundlagen humanitärer Hilfe: Maßnahmen sollen Menschen in Krisen helfen und dabei keine unbeabsichtigten Schäden verursachen. Im Interview spricht Dorothea Kulla über “Do No Environmental Harm”– einen Ansatz, der dabei gezielt auch schädliche Folgen für die Umwelt in den Blick nimmt.
Aktion Deutschland Hilft: Der Begriff “Do No Harm” ist in der humanitären Hilfe seit Jahrzehnten etabliert. “Do No Environmental Harm” scheint neu zu sein und das bestehende Prinzip zu erweitern. Was genau verbirgt sich dahinter?
Dorothea Kulla: Die Idee, das “Do No Harm”-Prinzip um die ökologische Komponente zu “Do No Environmental Harm” zu ergänzen, ist eigentlich gar nicht so neu. Sogar auf der Homepage des Auswärtigen Amtes zu den Grundlagen der humanitären Hilfe steht ziemlich prominent geschrieben, dass humanitäre Einsätze keine Umweltschäden verursachen dürfen.
Implizit wird der Umweltaspekt bei “Do No Harm” immer mitgemeint – aber eben nicht mehr. Es fehlt an konkreten Umsetzungsstrategien und auch gezielten Fundings.
Ich habe 2024 nach einem von Aktion Deutschland Hilft organisierten Training mit Kolleg:innen aus anderen Hilfsorganisationen eine Arbeitsgruppe zum Thema Nachhaltigkeit gegründet. Wir haben zur besseren Einbindung des Umweltaspektes ins “Do No Harm”- Prinzip Mitte 2025 in einem Positionspapier Stellung bezogen, in dem wir für eine bessere Beachtung und stärkere Gewichtung von Umweltaspekten in der humanitären Hilfe plädieren.
Warum ist das wichtig?
Die Abwendung von menschlichem Leid muss nicht nur in den akuten Notsituationen, auf die wir mit unseren Hilfseinsätzen reagieren, unser oberstes Gebot sein. Wenn wir dieses Leid lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, indem wir die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen durch unsere Einsätze beschädigen, verfehlen wir unseren humanitären Auftrag ebenso.
Umweltschutz und Nothilfe wirken auf den ersten Blick wie zwei unterschiedliche Prioritäten. In Krisen und nach Katastrophen geht es schließlich vor allem um die Menschen und die Linderung humanitärer Not. Wie sieht “Do No Environmental Harm” in der Praxis aus? Wie lassen sich Nothilfe und Umweltschutz konkret verbinden?
Zuerst einmal ist es wichtig, nicht in den Kategorien “entweder, oder” zu denken, sondern Umweltschutz und humanitäre Hilfe als sich ergänzende Aufgaben zu verstehen. Die Einbindung von Nachhaltigkeitsaspekten in humanitäre Projekte ist keine leichte Aufgabe. Aber es gibt bewährte Instrumente, um den ökologischen Fußabdruck eines Hilfseinsatzes von vorneherein kleinzuhalten.
Welche wären das?
Es gibt beispielsweise das “Nexus Environmental Assessment Tool”, abgekürzt NEAT+. Damit können wir schnelle Umweltprüfungen durchführen, am besten vor Projektbeginn. Dabei werden mögliche Umweltrisiken des jeweiligen Hilfsprojektes analysiert und Möglichkeiten aufgezeigt, diese Risiken zu minimieren oder ganz auszuschalten.
Ein Beispiel: Angenommen, wir wollen in einem Hilfsprojekt in Burkina Faso Binnenvertriebene und ihre Gastfamilien mit Nahrung versorgen. Das sind meistens haltbare Lebensmittel, wie Reis, Hirse oder Bohnen. Diese müssen gekocht werden, und das passiert über offenem Feuer oder auf einfachen Kochherden mit einem hohen Holz- oder Holzkohleverbrauch.
Hier würde ich nach einem Umweltscreening empfehlen, zusätzlich Energiesparherde zu verteilen. Diese sparen erhebliche Mengen an Brennstoff ein. Zusätzlich würde ich Aufforstungsmaßnahmen anraten, um den zusätzlichen Verbrauch von Rohstoffen zu kompensieren.
Wenn wir uns Ihr Beispiel aus Burkina Faso anschauen, könnte man sich fragen: Wieso nicht gleich so? Warum nehmen Hilfsorganisationen die Umweltfolgen ihrer Projekte erst jetzt so systematisch in den Blick?
Ich denke, dass Akteur:innen in der Humanitären Hilfe und im Umweltbereich recht verschiedene Personengruppen sind, die nicht per se systematisch miteinander kommunizieren, weshalb das Problem vermutlich lange unterschätzt wurde.
Ein Umdenken findet heute statt, weil wir immer häufiger mit Krisen konfrontiert sind, die direkt mit Umweltthemen wie beispielsweise der Klimakrise zusammenhängen. Während jetzt im Sommer nach ausgedehnten Dürren die Wälder in Kanada und Südwesteuropa brennen, stehen Küstenstädte wie Accra und Abidjan nach sintflutartigen Regenfällen unter Wasser, und in Nordindien werden Menschen unter Schlammlawinen begraben.
Alles, was die Klimakrise befeuert, führt auch zu mehr Wetterextremen, die wiederum humanitäre Krisen auslösen. Im Ergebnis sind heute neue humanitäre Einsätze notwendig, die beides in den Fokus rücken.
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Was ist nötig, damit “Do No Environmental Harm” zum Standard in der gesamten humanitären Hilfe wird? Spielen dabei auch Geber wie zum Beispiel das Auswärtige Amt eine Rolle?
Die öffentliche Finanzierung spielt eine große Rolle. Schließlich entscheiden Geber wie das Auswärtige Amt oft darüber, welche Maßnahmen in Hilfsprojekten finanziert werden und welche nicht. Aber auch Hilfsorganisationen selbst können viel tun: Sie können ihre Mitarbeiter:innen zum Beispiel für Umweltthemen sensibilisieren und zur Einhaltung von Standards verpflichten.
Wichtig sind auch praktische Instrumente – wie das angesprochene Umweltscreeningtool NEAT+. Im Juli dieses Jahres haben wir ein Positionspapier an Politik und Förderinstitutionen gerichtet. Darin haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass durch Mittelkürzungen die Finanzierung von NEAT+ wegbricht.
Dadurch ist die Existenz des Instruments gefährdet. Wir haben ein Fördermittelpaket zu seiner Rettung gefordert. Die Aufmerksamkeit ist groß, und NEAT+ wird wieder stärker diskutiert. Das wollten wir erreichen.
Private Spenden sind auch ein wichtiger Teil der Finanzierung von Hilfsprojekten. Und für viele Spender:innen zählt vor allem, dass ihr Geld direkt Menschen in Not zugutekommt. Wie würden Sie Spender:innen erklären, warum “grüne” Nothilfe wichtig ist – und wieso dafür auch Spenden eingesetzt werden müssen?
Ich würde ihnen sagen, dass ihr Geld kaum direkter bei den Menschen ankommen kann als über grüne Nothilfe. Oft zeigt sich deren Wirkung allerdings erst später. Wenn Schäden gar nicht erst entstehen, wird häufig unterschätzt, wie viel im Vorfeld verhindert wurde. Das nennt man dann Präventionsparadox. Umwelt- und Klimaschutz können deshalb zunächst wie eine zusätzliche Investition wirken.
Mittel- und langfristig helfen sie aber, Schäden zu vermeiden, Leid zu lindern und Kosten zu sparen. Private Spenden können vor allem dort hilfreich sein, wo öffentliche Finanzierung fehlt, Maßnahmen aber notwendig sind. In unserem Projektbeispiel in Burkina Faso könnten wir mit Spenden Bäume pflanzen und so ganz sichergehen, dass wir beim Helfen keinen Schaden anrichten.
+++ Spendenaufruf +++
Aktion Deutschland Hilft, Bündnis der Hilfsorganisationen,
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Stichwort: Katastrophenvorsorge
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