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Katastrophenvorsorge"Es ist der Ganges, der nicht nur Segen gibt, sondern auch nimmt"

12-08-2010

Birte Steigert über Katastrophenvorsorge in Nordindien

Incredible India, unglaubliches Indien – so lautet der Werbeslogan des indischen Fremdenverkehrsamtes. Unglaublich sind auch die Eindrücke, die ich als Mitarbeiterin von Aktion Deutschland Hilft während einer Reise nach Nordindien erleben durfte. Fernab vom Indien der Touristen – also den weißen Stränden im Süden oder dem Taj Mahal im Norden – machte ich mich mit drei deutschen Journalisten auf in die Bundesstaaten Uttar Pradesch und Bihar zu Katastrophenvorsorge-Projekten unserer Bündnispartner ADRA und Malteser International, die durch das Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) unterstützt werden. Hier an der Grenze zu Nepal werden jährlich in der Monsunzeit bis zu 60 Millionen Menschen Opfer von Überschwemmungen.

Zwei lange Tage fahren wir in Begleitung von Kathrin Rothhaas, der Programmkoordinatorin von ADRA, entlang des Ganges – dem heiligen Fluss des Hindus – und besuchen insgesamt sieben Dörfer und ihre Bewohner, die alljährlich von den Überflutungen eben dieses Flusses heimgesucht werden. „Es ist der heilige Ganges, der nicht nur Segen gibt, sondern auch nimmt, indem er ganze Dörfer überschwemmt und vernichtet“, sagt Kathrin Rothhaas.

Die Betroffenen sind vor allem die Musahar – übersetzt: die „Rattenesser“ –, sie sind Dalits, Kastenlose, die traditionell vom Rattenfang leben und damit am untersten Ende der Gesellschaft stehen. Allein in Bihar leben rund drei Millionen Musahar. Diese Männer, Frauen und Kinder leben mit den jährlichen Überschwemmungen, sie stellen sich darauf ein: Nahrungsmittel werden hochgelegen verstaut. Der einfache Hausbau aus Bambusmatten und Lehm ermöglicht den schnellen Umzug, wenn die Flut kommt. In diesen dunklen und schmutzigen Hütten leben die Musahar. Sie haben weder Toiletten, noch Wasser, und die hygienischen Zustände sind für unser westliches Auge erschreckend. Und wenn das Wasser kommt, ihnen alles nimmt und die Region monatelang überschwemmt ist, wirken sich diese Lebensumstände verheerend auf die Gesundheitssituation der Menschen aus: Durchfallerkrankungen, Tuberkulose, Malaria sind die Folgen.

Es ist der Ganges

Gefahrenkartierungen und Frühwarnsysteme

Begrüßt werden wir in allen sieben Dörfern wie ein hoher Staatsbesuch: Gesänge, Blumenketten und das Aufmalen eines Segenspunktes (der Tilaka) mit roter Pulverfarbe auf die Stirn sollen uns zeigen, wie sehr man den Besuch aus dem fernen Deutschland schätzt. Gefolgt von ganzen Dorfgemeinschaften führen uns die ADRA-Mitarbeiter durch die Projekte. Nicht ohne Stolz zeigen uns die Bewohner, was sie tun, um sich auf die kommende Flut vorzubereiten. Dazu gehören Gefahrenkartierungen, Notfall- und Evakuierungspläne genauso wie die Verbesserung von Frühwarnsystemen und speziellen Trainings, bei denen zum Schutz der Bevölkerung ausgewählte Mitglieder darin ausgebildet werden, schnell und koordiniert zu helfen. Alle Dorfbewohner sind in die Arbeit der Hilfsorganisation und in die Umsetzung der Vorsorgemaßnahmen eingebunden.

Beteiligt werden sollen auch besonders die Kinder. Umringt und neugierig bestaunt besuchen wir eine besondere Unterrichtsstunde, in der Kindern Wissen über Katastrophenvorsorge vermittelt wird. Heute veranstaltet die junge Lehrerin, die speziell für diese Form des Unterrichts ausgebildet wurde, einen Malwettbewerb. Etwa 40 Kinder sitzen hier unter dem schattigen Vordach des durch ADRA initiierten, flutsicheren Gemeinschaftsgebäudes auf Decken und malen mit Buntstiften Bilder von einem Elefanten und seinen beiden menschlichen Spielgefährten aus, die sich vor einem Erdbeben unter einem Tisch in Sicherheit bringen. „So lernen sie spielerisch, was im Falle einer Flut oder eines Erdbebens zu tun ist, um sich selbst und ihre Familien retten zu können“, erklärt uns Kathrin Rothhaas. „Dieses Wissen tragen sie dann in der Regel auch an ihre Eltern weiter. Wir erreichen so eine nachhaltige Bewusstseinsänderung bei allen Betroffenen.“

Malteser erreichen 48.700 Menschen

Eine weniger ruhige, aber spannende zwölfstündige Nachtzugfahrt inmitten von indischen Großfamilien bringt meine Weggefährten und mich von Bihar in den Bundesstaat Uttar Pradesch, wo wir im zweiten Teil unserer Reise Vorsorgeprojekte von Malteser International besuchen werden. Mit ihrer Arbeit erreichen die Malteser über 48.700 Menschen. Auf unserer Reiseroute liegt auch das Dorf Uttarpurwa, ein Dorf, in dem die Flucht auf den Deich irgendwann zum Dauerzustand geworden ist: Jahr für Jahr hatten sich die Menschen hier auf den Deich begeben, um sich vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Irgendwann sind sie einfach geblieben. Auf einer Länge von etwa zehn Kilometern sind ihre Lehmhütten an den Hängen des Deiches aneinandergereiht. Auf seiner Krone schieben sich Wagengespanne, Motorräder und Fahrräder vorbei an Ziegen, Hühnern, Kühen, spielenden Kindern und geschäftigen Frauen und Männern. In Uttarpurwa führen die Menschen ihr Leben auf einer vier Meter breiten Deichkrone – und das seit fast zwei Jahrzehnten.

Betroffene sollen Rechte einfordern


Unsere kleine Reisegruppe steht inmitten des Treibens auf einem schmalen Weg und wird von den Dorfbewohnern mit einem traditionellen Volkslied begrüßt. Es handelt von der Flut, denn sie gehört seit jeher zu ihrem Leben. Im Gespräch mit den Menschen wird deutlich, dass es hier nicht nur an Rettungsausrüstungen, Notfalltrainings oder Frühwarnsystemen fehlt. Die Menschen in Uttarpurwa sowie in allen anderen Flutgebieten Nordindiens, müssen auch lernen, dass sie Rechte haben – dass es ihr Recht ist, alle Vorkehrungen zu treffen, um sich auf die Fluten vorzubereiten und ihr Leben zu schützen. „Diese Bildung eines Bewusstseins zur Selbsthilfe ist ein wichtiger Teil unserer Vorsorgeprojekte“, erklärt mir Nagendra Singh, Programmmanager von Sahbhagi Shikshan Kendra, der indischen Partnerorganisation von Malteser International. „Die Menschen sollen lernen, dass sie ihre Rechte bei den Bezirksverwaltungen einfordern können.“

Die Dämmerung setzt ein, als unsere Delegation an unserem letzten Tag in Indien den Deich verlässt. Und es ist still in unserem Auto, denn jeder lässt die letzten Tage Revue passieren: Incredible India, unglaubliches Indien. Unglaubliches wird im Norden Indiens geleistet: von den Betroffenen und von unseren Bündnispartnern. Nach sieben Tagen in den Flutregionen Nordindiens, nach vielen Gesprächen mit Projektkoordinatoren von ADRA, Malteser International sowie den lokalen Partnern und nach einem sehr persönlichen Austausch mit betroffenen Dorfbewohnern ziehen meine Mitreisenden und ich ein Fazit: Diese Menschen sind tatkräftig und bereit, dem Wasser die Stirn zu bieten – denn dass die nächste Flut kommt, ist allen bewusst. Sie wirken nicht wie Opfer, auch wenn sie Jahr für Jahr alles verlieren.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet um Spenden für die Katastrophenvorsorge:

Spenden-Stichwort: Katastrophenvorsorge
Spenden-Hotline: 0900 55 10 20 30 (Festnetz kostenfrei, mobil höher)
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX
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