GastkommentarHumanitäre Logistik: Wenn Hilfe mit dem Flugzeug kommt

26-01-2018

von Aktion Deutschland Hilft

In Haiti hinterließ Hurrikan Matthew im Oktober 2016 große Zerstörung: Menschen verloren ihr Zuhause, es drohte eine Hungersnot, Cholera breitete sich aus. Bündnisorganisationen von Aktion Deutschland Hilft schickten im November 2016 rund 73 Tonnen Hilfsgüter.

Oliver Pitsch und sein Team von der Johanniter-Unfall-Hilfe begleiteten den Hilfsflug vom Frankfurter Flughafen ins Katastrophengebiet. Im Interview spricht er über die Herausforderungen der Humanitären Logistik und verrät, was sein Job mit einem Tetris-Spiel zu tun hat.

Aktion Deutschland Hilft: Ein Erdbeben oder ein Wirbelsturm haben ein Land in eine Krisenregion verwandelt, zahllose Menschen sind dringend auf Hilfsgüter wie Nahrungsmittel und Medikamente angewiesen. Herr Pitsch, Sie sind in der Humanitären Logistik tätig. Was bedeutet so ein Hilfseinsatz für Sie?

Oliver Pitsch: Wenn in einem Krisengebiet humanitärer Bedarf besteht - sich die Menschen also nicht mehr am regionalen Markt bedienen können und ein gemeinsamer Transport der Bündnismitglieder von Aktion Deutschland Hilft stattfinden soll - dann beginnt die Arbeit meines Teams. Wir sind kleine Zahnrädchen im Hintergrund und organisieren Flüge mit Hilfsgütern, so dass die Hilfe bei den Menschen vor Ort ankommt.

Zunächst benötigen wir ein geeignetes Flugzeug mit einem möglichst optimalen Volumen- und Gewichtsverhältnis. Dann stehen wir vor einer sehr kleinteiligen Aufgabe: Wie gelangt möglichst viel Ware zum richtigen Zeitpunkt an den Flughafen und wie wird das Flugzeug optimal gefüllt? Das ist wie ein Tetris-Spiel: Möglichst kein Zentimeter soll ungenutzt bleiben. Das dauert zwei bis drei Tage.

Wie geht es am Flughafen weiter?

Die Ware wird auf Paletten geladen, gekennzeichnet und koordiniert in den Flieger verfrachtet, so dass sie am Zielort wieder koordiniert entladen werden kann. Dabei müssen wir auf die Bestimmungen des Abflug- und des Ziel-Flughafens und insbesondere die Vorgaben der International Air Transport Association (IATA) achten und zum Beispiel richtig mit Gefahrgut und Spezialfracht umgehen. Das sind etwa Waren, die gekühlt werden müssen. Und: Das Ganze geschieht unter großem Zeitdruck. Alles muss sehr schnell und sehr genau funktionieren.


Damit die Hilfsgüter möglichst schnell in der Krisenregion ankommen…

Deshalb beginnt mit dem Abflug ein Wettlauf mit der Zeit. Ist auf dem Hilfsflug kein Platz für unser Team, reisen wir parallel mit einem anderen Flugzeug. Vor Ort empfangen wir die Ware und entladen sie möglichst schnell. Unsere Aufgabe ist getan, wenn die Ware in der Humanitarian Staging Area der Vereinten Nationen [Anm. d. Red.: Sammelpunkt für humanitäre Hilfsgüter, die per Flugzeug oder über Land in eine Krisenregion gelangt sind] angekommen ist oder der Zoll durchgeführt wurde.

Wir sind in der Krisenregion am Flughafen tätig. Manchmal muss dort aufgrund fehlender oder überforderter Infrastruktur improvisiert werden – jedoch immer nach den Regeln der IATA. Wir arbeiten am Flughafen mit Mitarbeitern von Zollbehörden, Gesundheitsämtern oder der Vereinten Nationen zusammen. An diesem Punkt übergeben mein Team und ich an die Verantwortlichen der Hilfsprojekte vor Ort und fliegen zurück nach Deutschland.

Welche Hilfsflüge haben Sie in der Vergangenheit begleitet?

Nach Hurrikan Katrina 2005 habe ich für die Johanniter am Hilfsflug nach New Orleans mitgewirkt und auch den Hilfsflug nach dem schweren Erdbeben in Haiti 2010 habe ich begleitet. Der erste große Einsatz mit Aktion Deutschland Hilft war Taifun Haiyan auf den Philippinen.

Meine Aufgabe ist dabei, Katalysator zu sein zwischen den Hilfsorganisationen, die schnell Gutes tun wollen, und der Welt der internationalen zivilen Luftfahrt: Ich filtere und organisiere die Informationen, die beide Seiten für die Zusammenarbeit benötigen und bereite mit meinem Team jeden Teilprozess vor.


Was sind die Herausforderungen der Humanitären Logistik?

Die größte Herausforderung ist die Zeit: Wir können nicht einfach fliegen, wie und wann wir wollen. Gleichzeitig wird vor Ort auf die Hilfe gewartet, wovon wir uns aber nicht unter Druck setzen lassen dürfen. Wichtig ist, die Regeln und die Souveränität des jeweiligen Staates zu akzeptieren, obwohl die Hilfe schnell auf die Reise geschickt werden muss. Regelmäßig herausfordernd sind zum Beispiel die Zollabfertigungen. Aber wenn wir nicht ordentlich arbeiten, kommt in der Krisenregion gar keine Hilfe an.

Wenn der Flieger dann schließlich wieder auf dem Rollfeld gelandet ist, die Ware ausgeladen und verzollt wird, der Plan funktioniert hat – das ist einfach ein toller Moment.


Oliver Pitsch (44 Jahre) ist Regionalvorstand beim Johanniter-Regionalverband Rhein-Main und verantwortet den Logistik-Standort der Hilfsorganisation. Bei Hilfsflügen in Krisenregionen leitet er die Abfertigung des Fliegers und den Transport der Ware. Er ist seit den 90er Jahren ehrenamtlich und seit 2004 hauptberuflich bei den Johannitern tätig.

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