Nach dem Hochwasser in Deutschland war die Situation in vielen Gegenden angespannt, viele verloren ihr gesamtes Hab und Gut.

Wir über unsEvaluierung der Nothilfe nach dem Hochwasser in Deutschland 2013

Unabhängige Evaluierung zum Spendenaufruf für die Opfer der Hochwasserkatastrophe in Deutschland im Jahr 2013 durch Aktion Deutschland Hilft

Hintergrundinformation zum Hochwasser in Deutschland

Tagelange heftige Regenfälle im Osten und Süden Deutschlands, aber auch in den angrenzenden Ländern, haben im Juni 2013 zu einer Hochwasserlage mit erschreckendem Ausmaß geführt. Die Bundesländer Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen waren hierbei in Deutschland besonders betroffen. In zahlreichen Städten wurden Evakuierungen durchgeführt und zehntausende Menschen mussten ihr Zuhause verlassen. In vielen Orten wurden historische Hochwasserstände gemessen. Der gesamtwirtschaftliche Schaden an Straßen, öffentlichen Gebäuden, Industrieanlagen oder in der Landwirtschaft wurde Ende 2013 für Südost- und Ostdeutschland und seine angrenzenden Staaten auf mehr als 12 Milliarden Euro geschätzt.

Hilfe durch die Mitgliedsorganisationen von Aktion Deutschland Hilft

Aktion Deutschland Hilft startete am 4. Juni 2013 einen Spendenaufruf für die betroffenen Menschen der Hochwasserkatastrophe, bei dem in Folge mehr als 39,6 Millionen Euro Spenden gesammelt wurden. Mit diesen Spendengeldern ergänzen die Mitgliedsorganisationen mit gezielten Projekten Fördermaßnahmen des Bundes, der Länder, Kommunen und Gemeinden und schließen Lücken, wo staatliche Stellen oder Versicherungen Schäden nicht ausreichend abdecken.

Dabei arbeiteten die Mitgliedsorganisationen in der akuten Phase der Nothilfe in enger Abstimmung mit den staatlichen Katastrophenschutzbehörden und halfen vor allem bei der Evakuierung Betroffener, und der Bereitstellung von Notunterkünften. In der Phase des Wiederaufbaus unterstützen die Mitgliedsorganisationen Betroffene beispielsweise durch die Bereitstellung von Pumpen, Hochdruckreinigern und Bautrocknern. Zudem halfen sie bei der Säuberung und Trockenlegung von Häusern und beim Wiederaufbau sozialer Einrichtungen, wie etwa Kindergärten und der Wiederbeschaffung von Hausrat.

Derzeit unterstützen die Mitgliedsorganisationen im Rahmen von sogenannten Einzelfallhilfen. Hier werden vor allem Menschen berücksichtigt, die besonders von der Flut betroffen waren und keine oder nicht ausreichend Unterstützung von staatlichen Stellen oder Versicherungen erhalten haben.

Die Durchführung dieser Einzelfallhilfen nimmt noch einige Zeit in Anspruch, da die Mitgliedsorganisationen nach dem Prinzip der Nachrangigkeit handeln müssen. Eine notwendige Voraussetzung für die Auszahlung von Einzelfallhilfen ist, dass Betroffene zunächst Anträge auf staatliche Wiederaufbauhilfe stellen. Einzelfallhilfe der Mitgliedsorganisationen erfolgt dann nachrangig zu den Leistungen des Bundes, der Länder, Städte, Gemeinden und den Versicherungen, das heißt insofern Betroffene von diesen Stellen keine ausreichende finanzielle Hilfe erhalten haben.

Evaluierungsschwerpunkte und Fragestellungen

Die Voraussetzungen für den Spendenaufruf für die Opfer der Hochwasserkatastrophe in Deutschland im Jahr 2013 unterschieden sich sehr im Vergleich zu den sonstigen Aufrufen von Aktion Deutschland Hilft, die mehrheitlich auf Katastrophenhilfe im Ausland zielen. Da für eine Katastrophe innerhalb Deutschlands Spendengelder eingeworben wurden, mussten die Mitgliedsorganisationen etwa beim Personal, aber auch in der Planung auf andere Strukturen, als bei der Hilfe im Ausland zugreifen. Hinzu kam, dass bei diesem Spendenaufruf neben der geplanten Hilfe durch die Mitgliedsorganisationen auch Hilfe durch staatliche Stellen und Versicherungen geleistet wurde und wird.

Die Evaluierung sollte deshalb Empfehlungen für zukünftige Einsätze der Mitgliedsorganisationen in Deutschland geben und diente dem gemeinsamen Lernen innerhalb des Bündnisses.

Von Interesse waren dabei vor allem folgende Fragenkomplexe:

  • Welche Konsequenz hat das bestehende Nachrangigkeitsprinzips bezüglich einer schnellen Hilfe der Organisationen? Welche konkreten Handlungsempfehlungen resultieren daraus für zukünftige Einsätze in Deutschland?
  • Wie gestaltete sich die Kommunikation zwischen den Hilfsorganisationen und dem Aktionsbüro und gegenüber der Öffentlichkeit? Welche spezifischen Vorschläge können für zukünftige Einsätze in Deutschland gemacht werden?

Evaluiert wurden fünf Mitgliedsorganisationen, die am stärksten am Spendenaufruf zur Hochwasserkatastrophe im Jahr 2013 beteiligt waren.

Die Experten der Evaluierung

Nach einer öffentlichen Ausschreibung wurde ein sowohl in der Erforschung von Hochwasserrisiken und der Katastrophenvorsorge, als auch in Interorganisationsbeziehungen erfahrenes und unabhängiges Gutachterteam bestehend aus zwei Projektleiterinnen und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beauftragt, die Evaluierung zwischen Oktober 2015 und Februar 2016 durchzuführen.

Durch Sichtung und Auswertung relevanter Schriftstücke (wie Ablaufstrukturen, Planungsdokumente, Pressemitteilungen, und Einsatzprotokolle) sowohl bei den Mitgliedsorganisationen, als auch in der Geschäftsstelle und durch die Analyse relevanter Berichte (wie etwa der Medien, der Bundesregierung, der Regierungen der vom Hochwasser betroffenen Länder, und der Versicherungsgesellschaften) war es dem Gutachterteam möglich, Antworten auf die in der Evaluation aufgeworfenen Fragen zu formulieren. Weiter organisierte das Gutachterteam persönliche Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Leitungsebene, der Öffentlichkeitsarbeit und der Projektkoordination in den Mitgliedsorganisationen und im Aktionsbüro sowie eine Online-Befragung mit allen an dieser Evaluation Beteiligten.

Schlussfolgerungen des Gutachterteams

Die Analyse des Gutachterteams zeigte, dass einem Großteil der vom Hochwasser Betroffenen durch staatliche Aufbauhilfen und Versicherungsleistungen geholfen werden konnte. Allerdings stellte das Gutachterteam auch die Wichtigkeit der Arbeit der Mitgliedsorganisationen fest. Zum Beispiel trifft die Bedingung für staatliche Hilfen, sich mit 20 % an den Kosten des Wiederaufbaus zu beteiligen, viele Betroffene hart. Ähnliches gilt, wenn Betroffene sich nicht versichert haben oder nicht versichern konnten. Hierbei konnten die Mitgliedsorganisationen Lücken schließen, die durch die Regelungen der öffentlichen Hand und der Versicherungen entstanden sind.

Die unterschiedlichen und teilweise komplizierten Rechtslagen für die Vergabe von staatlichen Hilfen und Versicherungen stellen dabei hohe Anforderungen an die Mitgliedsorganisationen sowohl bei der Bearbeitung von Hilfeleistungen als auch bei der Beratung und Betreuung der Betroffenen.

Das Nachrangigkeitsprinzip wird insgesamt als positiv bewertet, da es absichert, dass Spendenmittel zweckmäßig eingesetzt werden. Einzelfallhilfe erfolgt dadurch erst nachrangig zu den Leistungen des Bundes, der Länder, Städte, Gemeinden und den Versicherungen insofern Betroffene von diesen Stellen keine ausreichende finanzielle Hilfe erhalten haben. Die Kommunikation mit den Betroffenen wurde dabei als gut bis sehr gut eingeschätzt. Vor allem durch die persönliche Vor-Ort-Beratung war es möglich, Projekte erst dann zu initiieren und Anträge erst dann zu stellen, wenn diese zeitlich als sinnvoll erschienen. Andererseits ist es für die Betroffenen und die Mitgliedsorganisationen frustrierend, wenn nicht sofort nach der Katastrophe geholfen werden kann. Durch das Nachrangigkeitsprinzip können eingeworbene Spendengelder erst spät verausgabt werde, was auch zu einer verzögerten Rechenschaft gegenüber den Spendern führt.

Die Kommunikation zwischen Aktionsbüro und Mitgliedsorganisationen und zwischen den Mitgliedsorganisationen wurde vom Gutachterteam als sehr positiv bewertet. Gleiches lässt sich auf für die Öffentlichkeitsarbeit vom Aktionsbüro sagen. Alles in allem wurde dem Aktionsbüro und den Mitgliedsorganisationen in Hinblick auf die Anpassung von Kommunikationsmöglichkeiten und Projektabläufen eine hohe Lernfähigkeit bescheinigt.

Insgesamt wird der Spendenaufruf zur Hochwasserkatastrophe im Jahr 2013 vom Gutachterteam als sehr positiv bewertet. Dies betrifft sowohl die Einwerbung der Spendenmittel durch das Aktionsbündnis als auch die Durchführung der Projekte durch die Mitgliedsorganisationen.

Was lernt Aktion Deutschland Hilft aus dieser Evaluierung?

Folgende Empfehlungen wurden vom Gutachterteam ausgesprochen, die von Aktion Deutschland Hilft derzeit diskutiert und schrittweise umgesetzt werden.

  • Bei Einsatzfällen in Deutschland ist das Nachrangigkeitsprinzip zwar als gegeben hinzunehmen, Aktion Deutschland Hilft könnte aber in Zusammenarbeit mit den staatlichen Akteuren eine Vereinheitlichung der staatlichen Richtlinien auf Länderebene anstoßen.
  • Das Nachrangigkeitsprinzip sollte bei zukünftigen Einsatzfällen in Deutschland von Beginn an kommuniziert werden, da es hohe Anforderungen an und Geduld und ein gewisses Durchhaltevermögen von allen Beteiligten (Betroffene und Mitgliedsorganisationen) erfordert.
  • Die persönliche Vor-Ort-Beratung der Mitgliedsorganisationen bei der Beantragung von Hilfen scheint eines der probatesten Mittel zur Vermeidung von Komplikationen zu sein, die sich aus dem Nachrangigkeitsprinzip ergeben können.
  • Das Festlegen von Kriterien für die Förderung von Projekten im Hinblick auf das Nachrangigkeitsprinzip könnte eine Möglichkeit sein, um die Durchführung zukünftiger Einsatzfälle von Aktion Deutschland Hilft in Deutschland zu erleichtern.
  • Die Verbesserung der Hochwasservorsorge sollte dabei als ein Kriterium mit einbezogen werden.
  • In den Mitgliedsorganisationen wurden Umstrukturierungen und Änderungen in der Projektkoordination als wichtige Lerneffekte identifiziert. Viele der Abläufe sind individuell und spontan entstanden.
  • Um bei zukünftigen Einsatzfällen Mehrarbeit so weit wie möglich zu vermeiden, sollte überprüft werden, ob einmal entwickelte Individuallösungen standardisiert und übernommen werden können.
  • Das Vorgehen einzelner Mitgliedsorganisationen könnte als Best-Practice-Beispiel für die (Weiter-)Entwicklung von Individuallösungen dienen.
  • Das Aktionsbüro und die Mitgliedsorganisationen sollten entstandene Abläufe, Erfolge und Probleme innerhalb der Organisationen dokumentieren.
  • Weiterbildungsformate zur Schulung der Mitgliedsorganisationen zu zukünftigen Einsätzen in Deutschland sollten angedacht werden.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet dringend um Spenden für die weltweite Nothilfe

Spenden-Stichwort: Nothilfe weltweit
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX
Spenden-Hotline: 0900 55 10 20 30 (Festnetz kostenfrei, mobil höher)
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