Handicap International"Anfangs hatte ich viel Angst"

25-03-2022

von Handicap International/Aktion Deutschland Hilft

Auch Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs bedrohen zehntausende Blindgänger das Leben der kolumbianischen Bevölkerung. Immer mehr Frauen übernehmen die gefährliche Arbeit als Entminerinnen, um ihre Heimatdörfer wieder sicher zu machen.

Jennifer arbeitet für Handicap International als Minenräumerin

So auch Jennifer Diaz, eine junge alleinerziehende Mutter aus Maracaibo. 11.000 Quadratkilometer müssen Jennifer und ihr Team von Handicap International im Herzen Kolumbiens südlich der Hauptstadt Bogotá nach alten Sprengkörpern absuchen. Hier liegt das Jennifers Heimatdorf Maracaibo.

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Meter für Meter scannt die 26-Jährige den Boden mit dem Suchgerät, während ihr die schwere Schutzweste auf die Schultern drückt und dicke Schweißperlen hinter dem Plexiglas des Helms über das Gesicht laufen.

Immer die Gefahr vor Augen

Zuallererst muss Jennifer den Sprengkörper finden und diesen dann sehr sorgfältig freilegen. Häufig piept das Gerät bloß wegen einer Getränkedose oder anderem Metallschrott. Doch ehe sie Entwarnung geben kann, muss sie nach jedem Alarm genau nachsehen.

Sie kniet dann auf dem feuchten Boden, schiebt vorsichtig modrige Blätter zur Seite und legt ein paar Zweige weg. Da ist höchste Konzentration gefragt. Wenn sie etwas Gefährliches gefunden hat, muss sie das Objekt markieren und deutlich sichtbar machen. Danach wird der Sprengkörper von einem Spezialteam entweder entschärft oder gesprengt.

Kolumbien: Ohne Entminung kein sicheres Leben

"Die meisten Blindgänger, die wir finden, sind selbstgebaute Sprengsätze", erzählt Jennifer – Hinterlassenschaften der Guerilla – beispielsweise Granaten mit aktiven Zündern, Sprengladungen, die mit tausenden Nägeln gefüllt sind, Minen oder Munitionsreste. Obwohl sie immer wieder Angst hat, einen Sprengsatz zu übersehen oder unvorsichtig zu sein, weiß sie, dass ihre Arbeit die Grundlage für ein sicheres Leben in ihrem Dorf ist.

Wie gefährlich sind Minen?

Die Bündnisorganisation Handicap International entmint derzeit in fünf kolumbianischen Regionen. Kolumbien belegt Platz zwei der am stärksten verminten Länder der Welt, direkt nach Afghanistan.

In den letzten 25 Jahren gab es über 11.500 Minenopfer. Laut Studien von Handicap International haben 80 Prozent der Überlebenden eine Behinderung. Die Teams versorgen diese nicht nur mit Physiotherapie, Prothesen oder Rollstühlen, sondern geben auch psychische Unterstützung.


Erst wenn sie und ihr Team eine Region für sicher erklären, können die Bauern die Felder nutzen, die Kinder herumspielen oder die Wege gefahrenfrei verlassen. "Wir werden dafür sorgen, dass die Minen verschwinden, damit die Bauern in Sicherheit Kaffee anbauen und Vieh halten können", sagt die junge Frau entschieden und fügt stolz hinzu: "Die Menschen vor Ort haben großen Respekt vor unserem Einsatz."

Ihr Vater wurde ermordet, ihre Brüder zwangsrekrutiert


"Das gesamte Gebiet stand unter der Kontrolle einer Guerillaorganisation", erzählt Jennifer. Ihr Vater wurde von Kämpfern ermordet, als sie ein Jahr alt war. Ihre beiden älteren Brüder wurden als Teenager zwangsrekrutiert. "Seitdem sind sie verschwunden. Und es gibt keine Hoffnung, sie lebend wiederzusehen", sagt Jennifer leise.

Damals floh ihre Mutter mit ihren anderen Kindern, versuchte sich ein neues Leben aufzubauen. Jennifer kam erst mit sieben Jahren in die Vorschule, da war sie die Älteste und Größte. Doch seitdem hat sie sich durchgebissen, hat die Schule beendet, danach einen technischen Abschluss gemacht – und sah dann das Jobangebot von Handicap International als Entminerin. "Anfangs hatte ich viel Angst und keine Ahnung, wie das geht", erzählt sie. "Aber nach mehreren Schulungen habe ich mich schnell eingearbeitet."

Jennifer blickt hoffnungsvoll in die Zukunft

Im Moment kann sich Jennifer ihr Leben ohne diese herausfordernde Arbeit nicht vorstellen. Denn sie weiß, dass die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Region auch von ihr und ihrem Team abhängt.

Mittelfristig hat sie auch noch mehr Pläne: "Ich möchte Umweltmanagement studieren, um den ökologischen Tourismus in meiner Heimat zu fördern." Doch das wird wohl erst klappen, wenn alle explosiven Sprengsätze geräumt sind.