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Flüchtlinge Sri LankaSri Lanka-Experte Christoph Ernesti über die Flüchtlingskatastrophe im Norden Sri Lankas

29-04-2009

Christoph ErnestiSri Lanka-Experte Christoph Ernesti über die Flüchtlingskatastrophe im Norden Sri Lanka

Die humanitäre Krise im Norden Sri Lankas spitzt sich zu. Aktion Deutschland Hilft sprach deshalb mit Christoph Ernesti, Sri Lanka-Experte und Geschäftsführer des Berliner Büros von CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

Herr Ernesti, wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Sri Lanka ein?

Rund 150.000 Menschen sind im Norden der Insel zurzeit auf der Flucht und aus ihrer Heimat vertrieben. Diese Zunahme der Flüchtlingsströme war zu befürchten: Die Regierungsarmee geht seit Wochen mit massiven Angriffen gegen die tamilischen Rebellen der LTTE vor. Dass sie dabei unter anderem schwere Geschütze und Luftangriffe eingesetzt hat, wie sie kürzlich indirekt zugab, hat wesentlich dazu beigetragen, dass nach UN-Schätzungen seit Januar 4.500 Zivilisten ihr Leben verloren und über 13.000 Verletzungen davon getragen haben.

War die Kriegsführung der Rebellen weniger brutal?

Die Praxis der LTTE, Zivilisten zwangsweise zu rekrutieren oder als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, brachte und bringt noch immer zigtausende Kinder, Frauen und Männer in höchste Lebensgefahr. Sie haben auch mehrfach Bombenattentate und Selbstmordattentäter eingesetzt. Die Zivilisten sind von beiden Seiten Opfer einer menschenverachtenden Kriegsführung. Wer sich in eines der rund 40 Lager bei Vavuniya, Jaffna oder Mannar retten konnte, ist zwar in Sicherheit, bekommt jedoch häufig nur unzureichende Versorgung. Wegen der ungeheuren Zahl der Flüchtlinge arbeiten die Hilfsorganisationen jedoch am Rande ihrer Möglichkeiten.

Was brauchen die Flüchtlinge jetzt?

Zunächst Frieden, Sicherheit und eine Versorgung mit dem Wichtigsten durch den srilankischen Staat und internationale Hilfsorganisationen wie zum Beispiel die Bündnispartner von Aktion Deutschland Hilft. Dazu gehört ein Obdach, sauberes Trinkwasser, Ernährung und Hygieneartikel. Zurzeit reicht das vorhandene Material bei weitem nicht aus, um alle Menschen zu versorgen. Besonders bei den Fünf- bis Zwölfjährigen haben unsere Mitarbeiter vor Ort größere Lücken in der Versorgung ausgemacht. Außerdem sind viele Lager bereits um das zwei- bis dreifache überfüllt. Bei Vavuniya leben im Schnitt 18 Menschen in Zelten, die für fünf ausgelegt sind. Bei Tagestemperaturen von 35°C und mehr kann man sich darin nicht aufhalten – und draußen gibt es fast keinen Schatten.

Was sollte nach der akuten Nothilfe geschehen?

Danach ist ein ehrliches Angebot des Staates zur Re-Integration vonnöten. Das meint zum einen die Rückführung der Flüchtlinge in ihre ehemaligen Dörfer, zum anderen die demokratische Teilhabe der tamilischen Minderheit gegenüber der singhalesischen Mehrheit. Letztere stellt mit Mahinda Rajapaksa einen Regierungschef, der seit einigen Jahren für eine repressive Politik steht.

Was geschieht mit den Flüchtlingslagern und dem ehemaligen Kampfgebiet?

Die Flüchtlingslager werden wohl noch geraume Zeit bestehen bleiben müssen. Trotzdem dürfen sie kein Dauerzustand werden. Sehr viele Dörfer sind zerstört, die Felder verwüstet, einige vermint. Hier muss auch internationale Aufbauhilfe geleistet werden, um den Frieden im Norden des Landes zu wahren – mit Wiederaufbauprogrammen, Investitionen in die Infrastruktur und ins Bildungssystem. Um nur ein Beispiel für die desolate Infrastruktur zu nennen: In der Region existiert nicht einmal eine flächendeckende Stromversorgung. Nach dem nun absehbaren Ende des 25jährigen Bürgerkriegs wird hier ungeheuer viel zu tun sein.

 

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