Hurrican USADRA: Ist New Orleans noch zu retten?

21-09-2005

Das Leben scheint der einst pulsierenden Stadt entwichen. Leere Straßenzüge, unbewohnte Häuser, Siedlungen und Stadtteile. Dafür überall Spuren der Verwüstung durch Sturm und Wasser. Die Absperrmaßnahmen sind effektiv, denn viele Einwohner würden gerne schon längst wieder ihr Eigentum in Besitz genommen haben. Doch mit Einbruch der Dunkelheit heißt es für alle, die Stadt bitte wieder zu verlassen.

Aufräumarbeiten in New OrleansDie Straßenzüge rund um die Elysian Fields Avenue südlich der Universität sind von hübschen Bürgerhäusern in lockerer Bauweise umsäumt. Kein Gebäude hat die Naturgewalten unbeschadet überstanden. Deutlich ist der sinkende Wasserstand der vergangenen Tage an den Wänden und Fassaden abzulesen. Die Kontrollzeichen, welche die ersten Hilfskräfte hinterlassen haben, finden sich an den Obergeschossen und tragen das Datum 9/11. Als die Ziffern an die Wände gesprüht wurden, saßen die Retter in einem Boot. Die neuen Kennzeichnungen des zweiten Sicherungsganges zeigen die Kennzeichnung 9/16. „Da stand das Wasser noch fast einen Meter hoch“, sagt der Einsatzleiter, der seit gestern mit einer frischen Mannschaft vor Ort ist. Seit gestern ist auch der Zugang zur Siedlung geöffnet. Zum Glück sei das Wasser erstaunlich schnell verlaufen, sonst könnte man hier gar nichts machen, fügt er hinzu. Die Mannschaft die jetzt gekommen ist, hat den Auftrag den Ortsteil nochmals zu sichern. Sie öffnen jedes Haus, zertrümmern verschlammte Autoscheiben, durchsuchen Schulen, Kirchen, öffentliche Gebäude. Sie suchen nach Überlebenden und nach „Bodies“, so nennen sie die Leichen, die dann geborgen werden müssen. Ein Notarztwagen steht bereit, Überlebende zu versorgen und in die nächste Klinik zu fahren. Ein Polizist begleitet schwer bewaffnet die Suchaktion. Man wisse nie, wen man gerade antreffe: Plünderer, Bewaffnete, die völlig verwirrt sind und sofort schießen und aggressive Tiere.

Wieviele Menschen verletzt, vermisst oder getötet seien, kann – oder will - niemand beantworten. Bei den ausgedehnten Stadteilen und dem Durcheinander, das durch die Evakuierung entstanden ist, weiß tatsächlich niemand, wer sich wo aufhält. Stündlich laufen Suchmeldungen über die Radiosender. Eltern suchen nach ihrem Kind, Familien müssen wieder zusammengeführt werden, man hat sich selbst auf der kleinsten gesellschaftlichen Basis aus den Augen verloren. Ein Polizist erzählt von Dutzenden von Leichen, die man letzte Woche in einem anderen Stadtteil zusammengetragen habe. Die Bilder scheinen ihn noch heute zu bewegen.

Beim gewaltsamen Öffnen einer Schule mit angegliedertem Kindergarten ist den kräftigen Männern die Spannung anzumerken. „Weil dieses Gebäude etwas höher liegt, haben sich viele Menschen hierher geflüchtet. Manche haben ihre Autos hierher geparkt, weil sie dachten, es sei sicher“ erklärt der Einsatzleiter, der nicht hineingeht. Die Stimmen der Männer sind drinnen verstummt. Mit bedrückten Mienen kommen sie wieder heraus. Nein, sie haben niemanden gefunden, doch allein die Anspannung in übel riechenden, verschlammten Räumen die Kontrollen durchzuführen, zeichnet ihre Gesichter. Auf vieles müssen sie achten: Einsturzgefahr der Bausubstanz, Stromkabel, Gasgeruch und der kontaminierte Schlamm, der alles mit einem grauen Belag überzogen hat. Nach der Rückkehr an die Leitstelle werden die Stiefel gründlich gereinigt und jeder muss in eine Wanne mit Desinfektionsmittel treten.

Bei unserer Fahrt durch die von Ästen, Laub und Unrat gefüllten Straßen fällt auf, wie wenig Helfer im Einsatz sind. Viel zu wenige für die vielen Straßen, Stadtteile, Ortschaften. Kann diese Stadt wieder leben? „Die Häuser können sie alle komplett vergessen, sie sind durch den Schlamm unbrauchbar geworden. Das Holz verfault, der Schimmel macht auch die steinernen Bauten unbewohnbar, das muss alles abgerissen werden!“  Kann man eine ganze Stadt abreißen und wieder völlig neu aufbauen? Ist es dann noch die gleiche Stadt? Bei der Fahrt in die südlichen Stadtteile haben die modernen Bauten alles besser überstanden. Am Nachmittag kann man sogar von einem gewissen Betrieb auf den Straßen reden. Personenwagen, Pick Up’s und Trucks sind zielstrebig unterwegs und signalisieren: New Orleans muss leben und wird leben – auch wenn wir heute Abend wieder raus müssen – wegen der Vorschriften und aus Furcht vor „Rita“ – dem nächsten Hurrikan, der sich soeben zusammenbraut – über dem Golf von Mexiko.

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