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Erdbeben Haiti„Ich hatte ja gar keine Ahnung, was mich erwartet“

11-01-2013

Ein Nothelfer berichtet über die ersten Tage nach dem Erdbeben in Haiti 2010

Interview mit Gregor Werth von Help

Herr Werth, Sie sind direkt nach dem verheerenden Erdbeben als Nothelfer für Help - Hilfe zur Selbsthilfe nach Haiti gereist. Können Sie die Ereignisse von damals beschreiben?

Der 12. Januar – der Tag des Erdbebens – ist mein Geburtstag. Als mich die Anfrage meiner Kollegen von Help in das Katastrophengebiet zu reisen erreichte, steckte ich gerade mitten in den Vorbereitungen zu einer kleinen Feier, die ich für Freunde und Familie geplant hatte. Ich erinnere mich, dass ich zunächst etwas zögerlich war, denn bis zum Erdbeben wusste ich rein gar nichts über Haiti, das Land, seine Bewohner. Aber als ich die ersten Bilder der Katastrophe sah, war klar, dass ich helfen will. Noch am selben Abend bin ich nach Santo Domingo gereist – der Flughafen von Port-au-Prince war ja vollkommen zerstört.

Wie gestaltete sich Ihre Ankunft?

Gemeinsam mit meiner Kollegin Janina Niemietz und einem Fotografen von Aktion Deutschland Hilft, Tim Freccia, bin ich am 15.01. in Santa Domingo angekommen. Hier stellte sich zunächst die große Frage, wie wir denn jetzt in die Hauptstadt Port-au-Prince (PaP) kommen – die Infrastruktur war weitgehend zerstört, viele Nachbeben erschütterten immer noch das Land und die gesamte Sicherheitslage war mehr als gefährlich. Letztendlich haben wir uns ein Taxi genommen, um die ca. 100 km zurückzulegen. Aber auch das war nicht ganz einfach. Von den vielen Berichten aus Haiti verunsichert, wollte der Taxifahrer aus Santo Domingo uns zunächst an der Grenze rauswerfen, weil er Angst hatte nach Haiti zu fahren. Letztendlich konnten wir ihn aber überreden weiter zu fahren. Gegen Abend waren wir dann endlich am Ziel.

Wie würden Sie Ihre ersten Eindrücke heute beschreiben?

Ich hatte ja gar keine Ahnung, was mich erwartet. Unser gesamtes Material hatten wir zunächst in Santo Domingo gelassen und wollten erstmal die Lage sondieren. So hatten wir nicht einmal ein Zelt, um übernachten zu können. In der Nähe vom Flughafen fanden wir mit sehr viel Glück ein Hotel. Am 16.01., sehr früh, haben wir uns dann ein TabTab – ein haitianisches Sammeltaxi – genommen, um die Stadt und Lage zu erkunden. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich erst gar nicht so starke Zerstörungen oder viel Leid gesehen habe – bis wir nach Down Town kamen: Hier wurden wir von der Wucht der Zerstörung durch das Erdbebens quasi überrollt. So viele tote Menschen und überall der Leichengeruch – es waren Bilder, wie ich sie nur von Fotos zerstörter Städte nach dem zweiten Weltkrieg kannte.

Wie sah Ihre Hilfe in dieser Phase aus?

Wir hatten ein medizinisches Helferteam auf Abruf, das in Deutschland in den Startlöchern stand. Mit zusätzlichen medizinischen Geräten haben wir das schnellstmöglich angefordert. Währendessen bin ich weiterhin durch PaP gefahren und habe mir ein Bild der Lage gemacht: Wo wird Hilfe benötigt? Wo können wir unsere provisorische Klinik errichten? Letztendlich haben wir auf dem Gelände des Krankenhauses St. Francois de Sales unser Lager errichtet. Der Strom der überlebenden Erdbebenopfer, die dringend unserer Hilfe benötigten, riss einfach nicht ab: Zwei Wochen lang haben wir an diesem Ort Menschen operiert. In teilweise stundenlangen Operationen haben wir Leben gerettet und Gliedmaßen erhalten. Und dabei muss man bedenken, dass richtige medizinische Instrumente Mangelware waren. Ein Arzt benötigte zum Beispiel dringend einen Knochenbohrer. Ich konnte ihm aber nirgendwo einen besorgen. So hat er die Operation letztendlich erfolgreich mit einem Akkubohrer durchgeführt. In so einer Situation steht das Leben der Betroffenen soweit im Vordergrund, dass immer ein Weg gefunden wird, irgendwie zu helfen.

Wie entwickelte sich die Lage in Port-au-Prince?

Von Tag zu Tag strömten immer mehr Hilfsorganisationen in die Stadt. Ich meine, mich zu erinnern, dass es um die 10.000 aus aller Welt gewesen sind. Ich hatte nach dem Abebben der ersten Nothilfephase auch schon das Hinterland von PaP erkundet und auch hier, nicht unweit vom Epizentrum des Erdbebens, viel Leid und Möglichkeiten zu helfen gesehen. Wir haben dann gemeinsam mit Help Mitte Juli 2010 entschieden, unseren Standort in PaP aufzugeben und in den Regionen Léogâne und Petit Goâve mit dem Bau von Übergangshäusern zu beginnen. Bis heute konnten wir 1300 Familien ein Dach über dem Kopf ermöglichen. Und bis heute wird hier unsere Unterstützung benötigt.

Vielen Dank!

Das Interview führte Birte Steigert von Aktion Deutschland Hilft.

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