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GastkommentarRisikomanagement von wetterbedingten Naturkatastrophen

13-10-2011

Prof. Dr. Peter Höppe, Geo Risks Research/Corporate Climate Centre, Munich Re

Als großer Rückversicherer ist Munich Re bei der Versicherung von Schäden, die durch wetterbedingte Naturkatastrophen entstehen, direkt durch den Klimawandel betroffen. Dies ist der Grund, warum sich Munich Re schon seit Jahrzehnten mit Analysen zu potenziellen Auswirkungen des Klimawandels auf wetterbedingte Extremereignisse befasst.

Munich Re war das erste Unternehmen, das sich dem Thema Klimawandel öffentlich sichtbar angenommen hat. Bereits 1973 ist in einer Veröffentlichung von Munich Re zum Thema Überschwemmungen zu lesen, dass die ansteigenden CO2-Konzentrationen zu einer Erwärmung der Atmosphäre führen, und, dass sich dadurch bedingt auch die Gefährdungssituation hinsichtlich wetterbedingter Extremereignisse verändern könnte.

Inzwischen ist die Georisikoforschung von Munich Re kontinuierlich gewachsen, heute arbeiten ca. 35 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich der Erforschung und Analyse von Naturgefahren.

Veränderungen bei den wetterbedingten Naturkatastrophen

In den letzten Jahren ist eine Häufung und Intensivierung von wetterbedingten Naturkatastrophen zu erkennen. Die Schadenpotentiale erreichten immer größere Höhen. Einige Beispiele dafür sind im Folgenden aufgeführt:

  • 2002 ereignete sich die bisher für Deutschland teuerste Naturkatastrophe. Dies waren die Überschwemmungen im Sachsen, die zu einem gesamtwirtschaftlichen Schaden von 11,6 Mrd. € geführt haben, wovon 1,8 Mrd. € versichert waren. 
  • Nur ein Jahr später ereignete sich im August 2003 in Europa eine große Hitzewelle, die mit über 70.000 Hitzetoten in die Geschichte als die größte humanitäre Naturkatastrophe in Europa des letzten Jahrhunderts eingeht. Klimatologen haben auf der Basis von historischen Klimadaten berechnet, dass dieses ein Ereignis war, das nur etwa alle 500 Jahre zu erwarten wäre. Bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts werden solche heißen Sommer jedoch durch den Klimawandel alle 2-3 Jahre zu erwarten sein.
  • 2005 war mit 28 benannten Tropenstürmen im Nordatlantik das bisher Hurrikan reichste Jahr - ein herausragender Rekord, der den alten Rekord um ganze sieben Tropenstürme übertraf. Einer der Hurrikane des Jahres 2005 war Katrina, jener Tropensturm, der bisher global gesehen zu den absolut höchsten Schäden (101 Mrd. €) durch ein wetterbedingtes Einzelereignis geführt hat. 
  • Im Jahr 2006 gab es wieder eine Hitzewelle in Europa. In diesem Fall waren vor allem die Niederlande betroffen. In den Niederlanden war der Juli 2006 der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen, und es gab mehr als 1.000 Hitzetote.
  • Das Jahr 2007 brachte den für Deutschland bisher teuersten Wintersturm. Der Wintersturm Kyrill verursachte Gesamtschäden in Europa in einer Höhe von 7,8 Mrd. € (allein in Deutschland 4,2 Mrd. €) und kostete 49 Menschen das Leben.
  • Im selben Jahr 2007 ereigneten sich die bisher teuersten Überschwemmungen in Großbritannien. Zwei Einzelereignisse, eines im Juni und das andere im Juli, führten zu Gesamtschäden von 6 Mrd. €. 
  • Im Mai 2008 zog der tropische Zyklon Nargis über Myanmar hinweg und tötete mehr als 140.000 Menschen, eine der größten humanitären wetterbedingten Naturkatastrophen. 
  • Im Jahr 2010 gab es eine bisher beispiellose Hitzewelle in Russland, Moskau verzeichnete einen Temperaturrekord von 38°C. Die langanhaltende Hitze und Dürre führte zu Waldbränden und zu 56.000 Toten, die vor allem durch die erhöhte Luftverschmutzung zu Tode kamen.
  • Pakistan musste 2010 die größte Überschwemmungskatastrophe in seiner Geschichte erleiden.
  • Im Dezember 2010 und Januar 2011 ereigneten sich die bisher größten dokumentierten Überschwemmungen in Queensland (Australien), hervorgerufen durch Niederschlags¬rekorde. Diese wurden mit großer Wahrscheinlichkeit durch die bisher höchsten gemessenen Meerestemperaturen vor der Küste Ostaustraliens verursacht. 
  • 2011 hat alle Rekorde bei Schäden aus sog. konvektiven (=Gewitter bedingten) Ereignissen in den USA in den Schatten gestellt. Die gesamtwirtschaftlichen Schäden lagen mit fast 50 Mrd US$ mehr als doppelt so hoch wie im bisherigen Rekordjahr 2010. 
  • Die Überschwemmungen in Thailand im Herbst 2011 waren global die bisher teuerste Überschwemmungskatastrophe.

Jede einzelne der oben angeführten Naturkatastrophen wäre auch ohne den Klimawandel möglich gewesen. Langfristige Veränderung der Frequenzen solcher wetterbedingter Naturkatastrophen und die Häufung von besonders intensiven Ereignissen in den letzten Jahren, deuten jedoch darauf hin, dass sich die Gefährdungssituation verändert hat. Der Klimawandel könnte hierzu bereits einen Beitrag geleistet haben.

Analysen der Daten zu mehr als 30.000 Einzelereignissen in der weltweit umfassendsten Munich Re NatCatSERVICE Datenbank zeigen sehr klar, dass die Anzahl der Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten sehr stark zugenommen hat. Diese Anstiege sind in allen Kontinenten zu erkennen. Besonders stark ausgeprägt sind sie in Nordamerika, Asien und Australien. Global hat die Anzahl der jährlichen schadenrelevanten Naturereignisse seit 1980 von ca. 400 pro Jahr auf ca. 1000 zugenommen. Auch in Deutschland ist die Anzahl der schadenrelevanten Naturereignisse angestiegen. Seit 1970 ergibt sich mehr als eine Verdreifachung von etwa 10 Ereignissen auf nun ca. 35 schadenrelevante Ereignisse pro Jahr.

Anstieg von schadensrelevanten Naturereignissen

Die Trends der Anzahlen von schadensrelevanten Naturereignissen, die durch Wetterextreme hervorgerufen werden, z.B. Stürme oder Starkniederschlagsereignisse, unterscheiden sich in relevanter Weise von den Trends der geophysikalischen Ereignisse, wie z.B. Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche. Während man bei den wetterbedingten Ereignissen einen drastischen Anstieg in den letzten 30 Jahren sieht, bei den Überschwemmungen z.B. eine mehr als Verdreifachung der Ereignisse, sieht man bei den geophysikalischen Anstiegen nur einen sehr geringen Anstieg, den man durch soziodemographische und sozioökonomische Faktoren erklären kann.

Dieser Anstieg ist vor allem dadurch bedingt, dass heute mehr Menschen in Risikogebieten leben und damit z.B. ein kleineres Erdbeben zu einem schadenrelevanten Ereignis wird, welches vor einigen Jahrzehnten noch nicht als solches klassifiziert worden wäre. Solche Faktoren spielen sicher auch bei den wetterbedingten Naturkatastrophen eine Rolle. Da aber der Anstieg bei den wetterbedingten Naturkatastrophen weit stärker ist als bei den geophysikalischen Naturkatastrophen, gilt die Annahme, dass dieser Anstieg nicht allein durch Bevölkerungswachstum oder Wertewachstum zu erklären ist, sondern auch die veränderte Gefährdungssituation, d.h. die veränderten Frequenzen und Intensitäten von Wetterextremen hierbei eine Rolle spielen. Und da es sich um wetterbedingte atmosphärische Naturgefahren handelt, liegt die Annahme nahe, dass der Klimawandel hier bereits eine Rolle spielt.

Kausale Beziehung zwischen Klimawandel und Wetterextremen

Diese Annahme wird auch durch den Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) gestützt, der in seinem vierten Sachstandsbericht (IPCC, 2007) eine Tabelle publiziert hat, in der Wahrscheinlichkeiten dafür angegeben sind, dass es bereits heute Trends bei Wetterextremen gibt. Aus dieser Tabelle ist z.B. zu entnehmen, dass es bereits als wahrscheinlich angesehen wird (Wahrscheinlichkeit > 66%), dass bereits in den letzten Jahrzehnten ein Trend zu beobachten war zu mehr Hitzewellen und auch mehr Extremniederschlägen und dass es zukünftig im Verlauf dieses Jahreshunderts sogar als sehr wahrscheinlich (Wahrscheinlichkeit > 90%) angesehen wird, dass dieser Trend sich fortsetzt. 

Auch in vielen aktuellen wissenschaftlichen Einzelstudien werden Indizien dafür erbracht, dass es eine kausale Beziehung zwischen dem Klimawandel und ansteigenden Wetterextremen gibt. So fand z.B. eine Studie von Wissenschaftlern aus den USA (Min et al., 2011), dass die Emissionen von Treibhausgasen bereits zur Intensivierung von Niederschlägen in weiten Regionen der Nordhemisphäre beigetragen haben.

Eine große vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Auftrag gegebene Studie (GDV, 2011) zu den zukünftigen Schadenerwartungen aus Stürmen und Überschwemmungen lässt bereits für die nächsten 30 Jahre signifikante, Klimawandel getriebene Anstiege der Schäden erwarten. Es gibt folglich viele Indizien, dass der Klimawandel bereits heute einen Einfluss auf die Häufung und Intensivierung von Wetterextremen hat. In Zukunft ist mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer Verstärkung dieses Einflusses zu rechnen. Deshalb hat der Klimawandel eine große Bedeutung für die Versicherungswirtschaft.

Klimawandel als strategisches Thema von Munich Re

Im Jahr 2007 wurde der Klimawandel als eines von nur zwei strategischen Themen für die Munich Re Gruppe definiert. Dieses strategische Thema wird von einer neu eingerichteten Abteilung, dem sogenannten Corporate Climate Centre von Munich Re gesteuert und koordiniert. Im Rahmen des strategischen Themas Klimawandel sollen zum einen die sich verändernden Risiken durch den Klimawandel quantifiziert und in die Risikomodelle eingebaut werden. Zum anderen sollen aber auch Geschäftspotentiale, die sich aus regulatorischen Veränderungen aber auch aus dem Klimawandel selbst ergeben, genutzt werden.

So wurden von Munich Re bereits neue Deckungskonzepte für innovative Technologien im Bereich der Erneuerbaren Energie, wie z.B. für die verfrühte Alterung von Photovoltaik-Zellen oder für Serienschäden bei Windparks entwickelt. Munich Re bietet auch sogenannte Liefergarantieversicherungen an, die dann einspringen, wenn in einem Jahr weniger Wind bläst oder weniger Sonne scheint, als dies im langjährigen Mittel zu erwarten ist und von den Investoren so in ihre Businesspläne eingerechnet wurde.

Um einen signifikanten Beitrag zu Klimaschutz und nachhaltiger Energieversorgung zu erreichen hat Munich Re gemeinsam mit der Desertec Foundation im Jahr 2009 die Gründung der Dii GmbH initiiert. Dieses Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren den Bau von großen Solar- und Windkraftwerken in Nordafrika anzustoßen, um auch einen Teil der dort produzierten klimafreundlichen Energie nach Europa zu exportieren.
 

Versicherungslösungen für Entwicklungsländer

Die Versicherungswirtschaft bringt aber auch ihre Expertise im Rahmen der Klimaverhandlungen unter dem Dach der UNFCCC ein, um die Menschen in Entwicklungsländern zu unterstützen, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Dazu wurde die Munich Climate Insurance Initiative (MCII) gegründet, aus der bereits konkrete Vorschläge in die Verhandlungsprotokolle eingeflossen sind. Im Prinzip geht es um Versicherungslösungen im Rahmen der Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel. Diese sollen aus Transferleistungen der Industrieländer finanziert werden. Damit kommen die Industrieländer ihrer Verantwortung für deren jahrzehntelangen Emissionen von Treibhausgasen nach, die den Entwicklungsländern immer größere Probleme bereiten.

Die Versicherungswirtschaft ist selbst in starkem Maße vom Klimawandel betroffen. Sie hat in den letzten Jahrzehnten viel Expertise im Bereich der Klimarisiken aber auch der Möglichkeiten zur Unterstützung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen erarbeitet. Im Einzelnen besteht die herausragende Rolle der Versicherungswirtschaft in folgenden Teilaspekten:

  • Sie quantifiziert Risiko durch risikoadäquate Prämien und macht Risiken dadurch transparent – incentiviert dadurch vernünftiges Handeln, Prävention, was die Gesamtschadenlast für die Gesellschaft vermindert.
  • Sie bietet Versicherungsschutz für neue Technologien zur Mitigation und Anpassung an den Klimawandel (z. B. alternative Energieversorgung, Hochwasserschutz) und erleichtert es dadurch Investoren, in innovative Technologien zu investieren.
  • Sie bezahlt einen Teil der zunehmenden Schäden und nimmt damit die steigende Volatilität aus privaten und staatlichen Budgets 
  • Sie trägt selbst durch Investitionen in nachhaltige Technologien und Klimaneutralität ihres Geschäftsbetriebs zum Klimaschutz bei.