Nach dem Erdbeben in Pakistan überprüft ein Bauer die Qualität seines Mais.

Gastkommentar Risiko und SchadensvorsorgeVom wachsenden Bewusstsein gesellschaftlicher Verantwortlichkeit für Katastrophen

14-01-2013
Prof. Dr. Dr. h.c. Ortwin Renn

Gastkommentar von Prof. Dr. Dr. h.c. Ortwin Renn - Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer DIALOGIK gemeinnützige Gesellschaft für Kommunikations-  und Kooperationsforschung mbH

Als das Erdbeben im Jahre 1755 zuerst die Stadt Lissabon und dann den Glauben der Aufklärung an den unaufhaltsamen Fortschritt der Zivilisation zerstörte, entfachte unter den europäischen Intellektuellen eine hitzige Debatte um Leibniz’ Theorie der „prästabilierten Harmonie“. Die verheerenden Folgen des Ereignisses erschütterten die optimistische Sicht, wonach Welt so eingerichtet sei, dass die einzelnen Monaden harmonisch zusammenwirkten und nichts gegen den göttlichen Willen geschehen könne.

Im „Candide“ und im Gedicht „Le disastre de Lisbonne“ gab Voltaire seiner Empörung Ausdruck: einer Empörung im Namen der Vernunft über die zweckwidrig-skandalöse Attacke der Natur. Doch bereits Rousseau wandte ein, dass das Ausmaß der Katastrophe wohl nicht von der Natur an sich, sondern dem modernen Städtebau zu verantworten sei - und damit, so könnte man folgern: der Vernunft selbst. Denn deren Aufgabe sei es gerade, das Bedingungsgefüge der Natur zu erkennen und in der eigenen Planung zu berücksichtigen.

Moderne Gesellschaft als Risikogesellschaft

Diese Erkenntnis beflügelt bis heute das Verständnis von Risiko und Risikomanagement. Risiken wissenschaftlich zu erfassen, zu bewerten und daraus Einsichten zu gewinnen, wie man sich gegen natürliche oder zivilisatorische Katastrophen schützen kann, ist zu einer zentralen Aufgabe moderner Daseinsvorsorge geworden. Nicht ohne Grund hat der bekannte Soziologe Ulrich Beck unsere moderne Gesellschaft als „Risikogesellschaft“ bezeichnet, denn das Thema Risiko hat in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung eine erstaunliche Karriere gemacht.

Obwohl Gefährdungen der menschlichen Gesundheit und der Umwelt durch natürliche oder technische Ereignisse zu allen Zeiten bestanden haben, ist Risiko erst in jüngster Zeit zu einem Dauerbrenner der aktuellen Debatte um Technik, Lebensstil und Moderne geworden. Mit der Verbesserung der Prognosefähigkeit und der zunehmenden moralischen Selbstverpflichtung der modernen Gesellschaft, Risiken zu begrenzen, wachsen die Ansprüche der Bürger an gesellschaftliche Gruppen und vor allem an politische Entscheidungsträger, die Zukunft aktiv zu gestalten und antizipativ auf mögliche Gefährdungen durch die natürliche und technische Umwelt zu reagieren.

Schadensverstärkung durch technische Eingriffe

Gegen Naturereignisse wie Erdbeben, Starkregenfälle oder Überschwemmungen kann auch die moderne Hochtechnologie nicht vorbeugen. Ob daraus eine Katastrophe wird, hängt jedoch weitgehend von den Schadensbedingungen aufgrund der getroffenen Eingriffe in Landschaft und Naturhaushalt ab. Begradigung und Eindeichung, Staustufen und Talsperren wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein als Triumph der Technik über die destruktive Naturgewalt verstanden. Nicht bedacht wurde in dieser Euphorie, dass großflächige Trockenlegungen die Selbstregulierungsfähigkeit von Flüssen und Auen langfristig schädigen.

Hinzu kommen die wachsende Besiedelung und Bebauung in Überschwemmungsgebieten, vor allem durch Industrieanlagen. Auf diese Weise wird das „natürliche“ Schadenspotential eines Hochwassers mit den Mitteln der Technik noch verstärkt. Was für den Hochwasserschutz gilt, lässt sich auch auf andere Risiken übertragen: Ganze urbane Zentren entstehen in Erdbeben-gefährdeten Gebieten, viele Industrieparks beherbergen gleich mehrere Anlagen mit gefährlichen Stoffen oder Abfällen und die Welt pustet nach wie vor immer größere Mengen an Kohlendioxid aus, das nachweislich unser Klima verändern wird.


Wachsendes Bewusstsein für Vorsorge

Nach vielen Katastrophen und Pannen in den letzten Jahren ist inzwischen aber das Bewusstsein gewachsen, dass vorsorgendes Risikomanagement in integrierten, überregionalen und transdisziplinären Ansätzen erfolgen muss. Diese neue Form des Risikomanagements wird mit dem englischen Wort „Risk Governance“ umschrieben. Risk Governance schließt die drei „traditionellen“ Elemente der Risikoanalyse ein (Risikoabschätzung, Risikomanagement, Risikokommunikation), geht aber darüber hinaus.

Es umfasst außerdem rechtliche, institutionelle, gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen, unter denen ein Risiko bewertet wird. Im Konzept der Governance (statt Government) ist die Beteiligung der Akteure eingeplant, die diese Rahmenbedingungen repräsentieren (wie Regierungen, Behörden, Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaftsorganisationen, Gruppierungen der Zivilgesellschaft wie Umweltschutz- oder Verbraucherschutzorganisationen). Dabei wird eine gezielte Koordination zwischen unterschiedlichen und möglicherweise konfligierenden Perspektiven, Interessen, Zielen und Aktivitäten dieser Akteure angestrebt.

Der Risk Governance Ansatz als kontinuierlicher Prozess

Der Risk Governance Ansatz umfasst eine Reihe zusätzlicher Komponenten wie etwa die der Risikoabschätzung vorgelagerte Phase der Problemerkennung und -identifizierung (Pre-assessment) sowie den Abwägungsprozess der Risikobewertung, welche die ‚klassischen’ Hauptstufen Risikoabschätzung und Risikomanagement ergänzen. Risikokommunikation wird dabei als ein kontinuierlich verlaufender Prozess verstanden, der in jeder Phase parallel erfolgen muss.

Zur Risikoanalyse gehören auch die Erfassung gesellschaftlicher Anliegen und Risikowahrnehmungen („concern assessment“) als Teil der wissenschaftlichen Risikoerfassung sowie die strukturierte Beteiligung von Interessensgruppen und Vertretern der breiten Öffentlichkeit. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die natürlichen technischen, organisatorischen und verhaltensbedingten Risikoauslöser parallel und vernetzt betrachtet werden.

Der Risk Governance Ansatz hat sich bereits bei einer Reihe von Anwendungen und praktischen Umsetzungen bewährt. Zum Beispiel hat die Niederländische Verkehrssicherheitsbehörde den Ansatz auf die Prävention von Verkehrsunfällen und das Risikomanagement von Verkehrsgefahren angewandt. Elemente wurden zudem vom deutschen Arbeitsschutz, vom englischen Treasury Department, von der amerikanischen Umweltbehörde EPA und dem Homeland Security Ministerium der USA übernommen und angepasst. Der Risk Governance Ansatz bietet keine konkreten Rezepte für ein erfolgreiches Risikomanagement, aber er bietet einen umfassenden analytischen Rahmen sowie eine normative Ausrichtung, um einen wichtigen Beitrag zu einem gelungenen Risikomanagement vor allem bei komplexen Risiken zu leisten.

Nicht erst seit dem Erdbeben von 1755 hat die Eingriffstiefe der Technik in die Natur ständig zugenommen. Es ist Aufgabe aller gesellschaftlicher Kräfte, dafür zu sorgen, dass die notwendigen Vorsorgemaßnahmen mit den technischen Möglichkeiten Schritt halten. Wenn nur die technische Machbarkeit regiert, ist die Katastrophe vorprogrammiert. Der Soziologe Wolf Dombrowsky bezeichnet das als „Störfall der Vernunft“ – ein Phänomen, das Rousseau in seiner Weitsicht schon früh diagnostiziert hat. Aber dazu muss es nicht kommen.