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GastkommentarNaturkatastrophen und Klimawandel

14-04-2011
Portrait Dr. Berz
Portrait Dr. Berz

Was uns erwartet und wie wir dafür vorsorgen sollten

Der Meteorologe Herr Prof. Dr. Gerhard Berz ist Honorarpofessor der Ludwig-Maximilians-Universität München und ehemaliger Leiter der GeoRisikoForschung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, für die er 30 Jahre lang tätig war. Weil er sich mit Naturkatastrophen auseinandersetzt wurde Berz mit dem Titel „Master of Disaster“ bekannt. Er ist Mitglied in zahlreichen Gesellschaften und wurde 2007 mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik ausgezeichnet. In seinem Buch „wie aus heiterem Himmel?“ beschreibt Berz die Ursachen von Naturkatastrophen, ihren Zusammenhang mit dem Klimawandel und Katastrophenvorsorge.

Die Schadenbelastungen aus großen Naturkatastrophen haben weltweit dramatische Ausmaße angenommen. Die inflationsbereinigte Zunahme gegenüber den 60er Jahren liegt für die letzten 10 Jahre beim Sechsfachen für die volkswirtschaftlichen und beim mehr als Zwanzigfachen für die versicherten Schäden.

Diese Schadenzunahme wird größtenteils von steigenden Bevölkerungs- und Wertekonzentrationen, z. B. in besonders stark exponierten Regionen wie den Küstenzonen, und von einer erhöhten wirtschaftlichen Verwundbarkeit verursacht.

Karte Naturkatastrophen
Karte Naturkatastrophen

Gleichzeitig gewinnt der rasch voranschreitende globale Klimawandel immer größeren Einfluss auf die Häufigkeit und Intensität von Wetterextremen. Da sind einerseits die großen Sturm- und Überschwemmungsereignisse der letzten Zeit, die fast jedes Jahr für neue Schadenrekorde gesorgt haben, und andererseits die Unwetter-, Hitze- und Schneekatastrophen, die heute häufiger denn je aufzutreten scheinen.

Gerade auch in den armen Ländern der Dritten Welt sind extreme Wetterereignisse – mit stark steigender Tendenz – die Hauptursache für Katastrophenschäden. Hier stehen die tropischen Stürme, Überschwemmungen und Unwetter an erster Stelle, gefolgt von den sonstigen Naturgefahren wie Dürren, Hitzewellen und Waldbränden. Weil die finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen für eine wirksame und nachhaltige Katastrophenvorsorge sehr oft fehlen, ist hier die Bevölkerung diesen Ereignissen viel stärker ausgesetzt als in den Industrieländern. Deshalb fordern Naturkatastrophen in den armen Ländern auch ungleich mehr Todesopfer, Verletzte und Obdachlose, und auch die wirtschaftlichen Schäden sind im Verhältnis zum Volkseinkommen viel höher, zumal meistens auch die Mittel für einen vernünftigen Versicherungsschutz fehlen. Umso wichtiger ist die rasche, aber gleichzeitig langfristig angelegte Katastrophenhilfe und –vorsorge in Kooperation mit staatlichen und privaten Hilfsorganisationen in den Industrieländern.

In der sich immer mehr zuspitzenden Situation kommt es drauf an, das „Klimaexperiment mit dem Planeten Erde“, das die Menschheit – genau genommen fast ausschließlich die Industrieländer – bisher völlig unkontrolliert durchführt, durch eine radikale Verringerung der Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahrzehnten in den Griff zu bekommen. Dies kann nur mit einer deutlich erhöhten Energieeffizienz und einer grundsätzlichen Umorientierung der Energieversorgung auf erneuerbare Energiequellen gelingen. Der globale Klimawandel ist trotz aller politischen Bemühungen und technischen Innovationen auf absehbare Zeit nicht mehr zu stoppen, sondern nur zu verlangsamen.

Deshalb müssen jetzt umgehend Vorsorgemaßnahmen, z.B. bei Bauvorschriften und Raumplanung, zur Anpassung an die zu erwartenden neuen Klimaverhältnisse und ihre Auswirkungen ergriffen werden. Hier sind nicht zuletzt die Behörden auf allen Ebenen gefordert. Aber auch Wirtschaftsunternehmen und jeder Einzelne müssen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten und für künftige Risiken vorsorgen – im eigenen Interesse und im Interesse künftiger Generationen. Gleichzeitig geht es um einen gerechten Risikoausgleich zwischen den Verursachern in den Industrieländern, die ihre wirtschaftliche Entwicklung hauptsächlich der (Über-)Nutzung der natürlichen Ressourcen verdanken, und Opfern in den Ländern der Dritten Welt, die von den globalen Umweltveränderungen am stärksten betroffen sind, die also das von anderen angerichtete Desaster ausbaden müssen.