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GastkommentarMobiltelefone in Afrika

05-03-2013
Bruno Arich Gerz

Über die Herausforderungen und Vorteile der Handynutzung in Afrika: Wie durch das Handy soziale Unterschiede ausgeglichen werden und inwiefern Mobiltelefone dazu beitragen, neue Wege zu gehen.

Facetten eines Super-Booms

Am Anfang steht eine imposante Steigerungsquote. Gab es vor fünfzehn Jahren gerade mal vier Millionen Handynutzer in Afrika, so hat sich die Zahl inzwischen auf weit mehr als eine halbe Milliarde gesteigert. Das Plus von ungefähr fünfzehntausend Prozent ist vor allem ein Traum für Telekommunikationsunternehmen, Hardware-Hersteller und Mobilfunk-Lizenzgeber. Die wirtschaftliche Seite ist allerdings nur eine von vielen Facetten, die der Boom mit sich bringt. Einige dieser Facetten sind Ausdruck einer besonderen afrikanischen Kreativität beim Einsatz von Mobilkommunikationstechnologie. Andere, vor allem technische, markieren Herausforderungen.

„Kein Netz“. Von Empfangslöchern und deutschen Romanen

Ungelöst und deswegen nach wie vor eine Herausforderung ist beispielsweise der flächendeckende Netzempfang. Vor allem in dünn besiedelten Regionen fehlt es an Infrastruktur, was Ansässigen und Durchreisenden kaum gefallen kann: es sei denn, man hat etwas zu verbergen. Wer Tommy Jauds „Hummeldumm“ oder den demnächst erscheinenden Krimi „Abi-Gag“ von Bruno Laberthier liest, erhält eine Vorstellung davon, wie es ausgeht, wenn man mitten in der namibischen Wüste ein Mietvertrag für eine Wohnung in Köln abschließen will oder mittels Handyortung das Bewegungsprofil eines dringend Tatverdächtigen zu erstellen ist. Der Kriminelle kommt davon, und die Wohnung geht in aller Regel an jemand anderen.

Festnetztelefonie, die für viele unbekannte Technologie

Herausfordernd und spannend zugleich ist es, zu beobachten, wie der Kontinent mit dem besonderen medienevolutionären Sprung umgeht, den es in den nördlichen Breiten der Welt so nicht gegeben hat. Afrika wird nicht nur mit einem Schlag digital und je nach Leistungsvermögen der Mobiltelefone hypermedial. Es überspringt dabei auch die Epoche der Festnetztelefonie mit ihren statussymbolischen und sonstigen Implikationen. Denn die technisch aufwändigen und deswegen nicht eben billigen Festnetzanschlüsse sind vor allem in wenig entwickelten Gegenden nicht nur Kommunikationsmittel: sie markieren zugleich einen sozialen Unterschied zwischen denen, die sie sich leisten können, und anderen, denen es hierfür an Mitteln fehlt. Die massenhafte Verbreitung des Mobiltelefons nivelliert das Privileg und sorgt in nicht wenigen Fällen dafür, dass wer noch festnetztelefoniert belächelt wird als digital native.

E-agriculture und Sprechstundentermine per SMS

Gleichzeitig ermöglicht die neue Technologie eine deutlich stärkere partizipative Nutzung; Kundgebungen und Verabredungen zu Veranstaltungen oder Demonstrationen lassen sich über Handy unvergleichbar effektiver – schneller, teilnehmerstärker und wo nötig konspirativer – organisieren. Und nicht nur für SMS campaigning wird die Technologie genutzt: Längst sind die Einsatzfelder so groß wie der Kontinent selbst. „E-agiculture“-Netze informieren in Uganda, Sambia oder Westafrika zeitnah über das bessere Saatmaterial, die günstigsten Marktpreise, den raschesten Weg zur nächsten zu Viehimpfstation, das Wetter in den kommenden Tagen oder den aktuellen Hochwasserstand des Zambesi. FrontlineSMS verbessert seit 2005 die Gesundheitsvorsorge und –versorgung der ländlichen Bevölkerung Malawis durch aktuelle und (über)lebensnotwendige Instant-Informationen: wann das nächste Mal der mobile Arzt kommt zum Beispiel, oder wann es Zeit ist für die HIV/AIDS-Medikamente.

Natürlich sind die Voraussetzungen für einen derart innovativen Einsatz nicht eben klein. Alphabetisiert sollte man zum Beispiel schon sein, um die Wetterdaten richtig zu deuten und die kommende Visite des Ärzteteams nicht zu verpassen. Denn wer aufmerksam mitgelesen hat, wird bemerkt haben, dass es nicht mehr nur um mündliche Tele-Kommunikation geht – ein den oftmals oralen Kulturen Afrikas besonders entsprechendes Medium –, sondern um schriftliche Mitteilungen. Der Boom der digitalen mobilen Endgeräte hat also auch direkt zu tun mit den bildungs- und entwicklungsspezifischen Herausforderungen Afrikas: wie viel Schriftlichkeit nötig ist, und wo die goldene Mitte zwischen mündlicher Tradition und den Anforderung an literacy liegt.

Die Kreativität der kleinen Leute und der bargeldlose Zahlungsverkehr über‘s Handy

Vor lauter Herausforderungen, die bei Medienwechseln in dieser Form und von diesem Ausmaß immer auftreten, darf und sollte jedoch die afrikanische Kreativität bei der Aneignung und Nutzung der neuen Medientechnologie nicht zu kurz kommen, die weltweit seinesgleichen sucht. Die aktivistischen, gesundheitssystemischen und landwirtschaftlichen Nutzungsformen und Einsatzfelder wurden schon erwähnt. Daneben sind ganze Wirtschaftszweige entstanden, so genannte informal economies, die wie das kenianische EPROM-Projekt aus defekten Apparaten wieder funktionsfähige machen, aus offiziellen SIM-Karten inoffizielle, und aus ausrangierten Geräten Ersatzteillager für die Reparatur der noch nicht ausrangierten. Der Straßenverkauf von Pre-Paid-Karten, den notorischen scratch cards, die hierzulande weitestgehend abgelöst wurden durch Mobilfunkverträge, ist im Straßenbild von Windhoek oder Pretoria nach wie vor ein gängiger Anblick und steuert in bescheidenem Umfang bei zum kleinen Einkommen der kleinen Leute. Und die besonders Findigen machen sich Gedanken über innovative Einsatzfelder jenseits der privaten oder dienstlichen Kommunikation. Das vermutlich anschaulichste Beispiel hierfür ist M-PESA, ein florierendes System für bargeldlosen Zahlungsverkehr aus Kenia, wo es inzwischen an die 20 Millionen registrierte Kunden gibt. Per SMS erhalten oder verschicken die kenianischen (und inzwischen auch südafrikanischen, tansanischen, indischen und – man lese und staune – afghanischen) Nutzer dieses Mikrofinanzsystems Beträge an andere M-PESA-Kunden; die Auszahlung erfolgt vornehmlich über lizensierte Kioskbesitzer oder an Tankstellen.

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