In Ostafrika ist die Situation der Menschen nach vielen Jahren Krieg ungewiss. Eine Familie sitzt in einem Flüchtlingszelt.

Gastkommentar“Können wir jetzt gehen?” Ungelernte Lektionen 20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda

07-04-2014
John Schenk

Wir rochen die Körper, bevor wir sie sahen. Wir näherten uns auf einer Erdpiste, die schlammig war von zwei Wochen Regen. Bäume und hohe Büsche verdunkelten alles bis auf die Spitze des Daches, aber wir sahen ein Kreuz und wussten, dass die katholische St. Franziskus Kirche in Karubamba direkt um die Ecke sein musste.

Wir dachten, wir seien vorbereitet. Eine Tutsi-Frau in einem Missionskrankenhaus einige Meilen entfernt hatte uns von dem Massaker in der Kirche erzählt. Sie beschrieb hunderte Menschen, die dicht gedrängt in die Kirche und in angrenzende Gebäude geflüchtet waren. Sie beteten, dass die Hutu-Todesschwadronen die Kirche als Zufluchtsort respektieren würden.

Sie taten es nicht. Die Frau beschrieb uns, wie sie mit Waffen durch alle Öffnungen des Daches auf die Menschen schossen. Wie Granaten Körper zerfetzten, auch die ihrer beiden eigenen Kinder. Sie erzählte von Macheten, jenen schlimmsten, einfachen aber effizienten Bauernwerkzeugen, mit denen Hunderte zu Tode gehackt oder so verstümmelt wurden, dass sie nur noch still liegen, ausbluten und sterben konnten.

Trotz ihres anschaulichen Berichts waren meine beiden Kollegen Scott Kelleher und Robby Muhumuza und ich unvorbereitet auf das, was wir hinter dieser Ecke vorfanden. Hunderte von Körpern lagen ausgebreitet auf dem Boden vor der Kirche, vor sich hinrottend sei einer Woche. Weitere Tote, ganze Berge von Toten, in kleinen Büroräumen, und noch mehr unter zerbrochenen Kirchenbänken im Innenraum der Kirche.

Es war brutal. Alles was wir tun konnten war, uns dem zuzuwenden, was uns hierhergebracht hatte: zu fotografieren und zu filmen.

Die Suche nach Bildern und unser Auftrag betäubten uns lange genug, um zu dokumentieren was die Welt noch nicht gesehen hatte, trotz der Bemühungen tapferer Journalisten in Kigali. Sie arbeiteten unter ständiger Bedrohung der Mobs. Wir wurden nicht behindert. Die Hunderte von Toten hier an diesem Ort sprachen für die ganze Dimension des Genozids in Ruanda.

Ich hielt mir ein großes Taschentuch vor Nase und Mund, schnappte unsere Betacam und dachte: Wie soll ich das Stativ aufstellen? Ich verwarf den Gedanken wieder – alles was ich wollte, waren ein paar Bilder und dann so schnell wie möglich weg von diesem Ort.

In meinem Kopf begann ein Gespräch. Ich filmte eine Einstellung. Eine Stimme sagte: “Fertig! Können wir jetzt gehen?” Ich antwortete: “Nein, wir brauchen noch eine Einstellung.” Ich machte weitere Bilder. Die Stimme sagte: “Gut. Können wir jetzt gehen?” Ich antwortete: “Nein, die Welt muss sehen, was hier passiert ist”.

Ich habe keine Ahnung, wie lange wir blieben. Wir gingen in die Kirche, in die Büros und dokumentierten alles, was wir sahen. Meine Stimmen, die beiden Seiten meines inneren Konflikts, klangen aus, als wir wegfuhren.

Zwei Tage brauchte es, bis wir wieder in Kampala, Uganda, zurückwaren. Auf dem Weg begegneten wir ugandischen Journalisten, die Überlebende aus einer mit Leichen gefüllten Grube gerettet hatten. Wir sprachen mit Hutus in Süduganda, deren Angehörige den Vergeltungsschlägen von Tutsis zum Opfer gefallen waren.

Dann flogen wir nach Nairobi, protokollierten unsere Aufnahmen und verschickten sie per Übernachtkurier nach London. Am Freitagabend, dem 29. April 1994, waren die Bilder in den Aufmachern von Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt zu sehen, das gesamte Wochenende über auf CNN, das damals noch der einzige Sender war, der 24 Stunden am Tag sendete.

Die Welt antwortete

In diesem April jährt sich dieses monströse Ereignis zum 20. mal – das Abschlachten von 800.000 Menschen in 100 Tagen. Wie erinnern wir uns daran?

Am 10. Jahrestag kehrte ich nach Ruanda zurück, besuchte die Kirche und traf Mediatrice Mukarutaboro, die Frau, die uns 1994 von den schrecklichen Ereignissen in St. Franziskus berichtet hatte. Sie erzählte mir mehr von ihrer Geschichte.

Der Mob ermordete Mediatrices Ehemann, als er aus dem Haus trat, um mit ihnen zu diskutieren. Eine Granate köpfte eines ihre Kinder und zerschnitt ihr selbst die Kopfhaut. Wenn sie zurückblicke, sagte sie, sei sie sicher gewesen, dass sie sterben würde.

Doch sie entschied sich, ihre Bibel aufzuschlagen und laut aus den Psalmen zu lesen, um Nachbarn und Freunde zu segnen. Dann fiel sie in Ohnmacht und lag drei Tage lang zwischen den Toten. Sie wurde, fast schon nicht mehr am Leben, von einem Beerdigungsteam entdeckt.

Mediatrice und andere zeigten mir, das Ruanda vergab, heilte und wieder zu Kräften kam. Die Wiederversöhnungsprogramme funktionierten. Die Toten wurden gewürdigt.

Wie gehen wir mit diesen Ereignissen am 20. Jahrestag um? Ich glaube, wir sollen unseren Blick weiten. Ruanda hilft sich selbst heraus. Es ist nicht immer einfach. Es ist nicht vorbei, aber es wurde viel erreicht. Lasst uns zu den anderen Ruandas schauen, zur Zentralafrikanischen Republik, nach Darfur, in die Demokratische Republik Kongo, nach Südsudan, nach Syrien.

Vor zwanzig Jahren drehten wir Filme und Videos, und vier Tage später erreichten sie die Fernsehbildschirme. Heute kann man mit einem Satellitenmodem, das kaum größer ist als ein Laptop, digitale Bilder in Minutenschnelle live stellen. Journalisten riskieren ihr Leben, um die Schrecken von heute anzuprangern, und Hilfskräfte riskieren ihre Leben, um die Menschen vor Ort zu unterstützen.

Die Welt verurteilt die derzeitigen Konflikte und das Grauen, das sie mit sich bringen. Doch die meisten Konflikte ziehen sich schon seit Jahren hin. Keiner wurde gestoppt. Millionen Menschen sind gestorben. Das Elend ist unermesslich. Es ist fast eine Erleichterung über die Zeremonien nachzudenken, mit denen jetzt Ruandas Genozid gedacht wird. Es ist NACH der Massenvernichtung und mit Abstrichen eine Erfolgsgeschichte.

Aber was kommt nach den Zeremonien? Welcher Realität sehen wir uns dann gegenüber? Was ist mit den anderen Ruandas, den nächsten Vertreibungen und Völkermorden?

Im wirklichen Leben sind wirkliche Menschenleben in Gefahr. Wir können uns nicht unwissend stellen, und wir folgen auch nicht irgendwelchen Befehlen. Denken Sie an die Nürnberger Prozesse. Wir sitzen zugleich in der ersten Reihe und im Zeugenstand. Hier wird über unsere Menschheit, über unsere Menschlichkeit gerichtet.

“Können wir jetzt gehen?”

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