550-kind-simbabwe

Gastkommentar"Hilfe, Afrika!"

22-10-2010

Von Dag Zimen, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Afrika Stiftung e.V.

Hilfe: Humanitäre Pflicht, unverzichtbare Notlinderung, gute Tat. Oder vielleicht doch bisweilen subjektive Gewissensberuhigung, kontraproduktive Verschlimmbesserung, guter Wille mit unbeabsichtigter Wirkung? Helfer tuen gut daran, sich diese, sich dieser Frage regelmäßig zu stellen. Gerade das Beispiel Afrika, an vielem arm , doch gewiss nicht an Helfern, zeigt, dass Antworten selten eindeutig ausfallen und Hilfe gleichzeitig gute und unbeabsichtigte Wirkung haben kann.

Die Rede ist vom Image Afrikas als hilfsbedürftigem Objekt unseres Tuns. Diese Wahrnehmung verstetigt sich mit jedem Hilfeaufruf, dessen Legitimation und Notwendigkeit in konkreten Fall auch meist gegeben ist. Keine Frage: die Opfer von Hunger, Gewalt, Krankheit oder Katastrophen haben jede Hilfe nötig und verdient, in der Demokratischen Kongo nicht weniger als überall in der Welt. Doch ist Afrika als Ganzem damit geholfen, wenn wir es wieder und wieder nur als Heimstatt der Heimsuchungen wahrnehmen? Hat modernes, eigenverantwortliches, wachsendes, blühendes Afrika daneben eine Chance, , wahr und ernst genommen zu werden?

Afrika ist nicht dunkel, es ist bunt – bunter als die farbenfrohen Fanscharen in Südafrikas Fußballstadien oder die demütigenden Folklorekostüme im Begleitprogramm aus den vermeintlichen „Eingeborenendörfern“. Afrika ist vor allem verwirrend, vielschichtig, komplex. Das hungernde Kind, die vergewaltigte Frau, die geschundene Kreatur Mensch existieren darin zweifellos – genauso wie mosambikanische Reformpolitiker, simbabwische Journalisten, kenianische Unternehmerinnen, ghanaische Wissenschaftler, botsuanische Topjuristinnen, sudanesische Menschenrechtsanwälte, senegalesische Künstlerinnen, äthiopische Intellektuelle, sambische Ökonominnen, liberianische Umweltschützer oder sierra-leonische Wahlprüferinnen. Allein, die letzteren nehmen wir kaum zu Kenntnis, weil wir das überkommene Bild des Afrika in statischer Rückständigkeit statt in Bewegung so bereitwillig rezipieren.

Erfolgreiche Demokratisierungen, vitale Zivilgesellschaften, kulturelle Vielfalt und – ja! – Wirtschaftswachstum werden allzu gerne ausgeblendet. Und das, obwohl sich Afrika selbst immer lauter und selbstbewusster zu Gehör bringt. Die wachsende globale Bedeutung des afrikanischen Kontinents geht einher mit einem neuen Selbstvertrauen junger und moderner Afrikaner, die es leid sind, auf Armut und Rückständigkeit reduziert und nicht ernst genommen zu werden.

Ihr Afrika hat mehr Erfolge als Rückschläge, konkrete und nicht pauschale Herausforderungen, Kraft und Potenzial. Wir, so scheint es, merken dies allerdings erst dann, wenn Chinesen oder andere uns mit geballter Wirtschaftsmacht darauf hinweisen. Wir wollen Afrika helfen, respektieren können wir die Menschen dieses Kontinents hingegen kaum.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hilfe, insbesondere Not- und Katastrophenhilfe, tut nach wie vor sicher not und gut. Den Apologeten der „dead aid“ soll hier ebenso wenig das Wort geredet werden wie der gleich reduzierten Argumentation der Charitainment-Industrie, denen „Hilfe für Afrika“ allzu oft Selbstzweck im wahrsten Sinne des Worte ist. Es geht demnach nicht um ein „ja“ oder „nein“ zum Helfen, sondern um das Wie und die Begleitumstände, um die unbeabsichtigten Nebenwirkungen zu reduzieren. Unser Verhältnis gegenüber Afrikanerinnen und Afrikanern darf sich nicht auf das Helfen beschränken. Unsere Selbstvergewisserung Gutes zu tun darf nicht auf Kosten der Selbstachtung Afrikas gehen, das eben mehr ist als ein Sozialhilfefall.

Die Antwort liegt in einem altmodischen, etwas abgegriffenen aber selten wirklich ernst genommenen Konzept: Partnerschaft. Partnerschaft auf Augenhöhe, gemeint nicht als Floskel in Politikerreden, sondern als ernsthaftes Bemühen, einander ernst zu nehmen, zuzuhören und niemandem etwas aufzudrängen, auch nicht mit bester Intention.

Das beginnt schon in der Terminologie: Wir sollten endlich aufhören, uns als „Donor Comunity“, als Geber zu begreifen und zu bezeichnen, da es die Gegenüber automatisch auf „recipients“, Empfänger, Bittsteller reduziert. Entwicklung, eigenverantwortliche und selbsttragende gar, haben so keine Chance. Echte Partnerschaft hingegen, beruht auf Gegenseitigkeit. Gegenseitige Unterstützung zu fairen Konditionen ja, herablassende Bevormundung und aufgedrängte nein. Dazu gehören auch die Offenheit und Ehrlichkeit, Afrika daran zu erinnern, dass es für viele Probleme auch eigene Verantwortung trägt. Ein Punkt, der im Hilfsbereitschaftsbrei bisweilen untergeht.


„Das Schicksal Afrikas bleibt mit unserem auf engste verbunden“, schreibt der mittlerweile leider zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler in seinem Buch „Schicksal Afrika“ und verspricht, sich deswegen weiter für eine Partnerschaft mit Afrika einzusetzen. Wir täten gut daran, ihm dabei zu helfen.