Eine Familie sitzt in einem Zelt in Kenia. Durch die Dürre in Ostafrika wird der Hunger täglich größer.

GastkommentarHelfen in der „Mitleidsindustrie“?

16-02-2012
Zimmermann

Gastkommentar von Bruno Zimmermann

Zu „Entwicklungshilfe“ wird seit mehr als 30 Jahren diskutiert, inwieweit diese Probleme und Konflikte in den Zielländern eher verstärkt und verstetigt, als dass sie löst bzw. beseitigt. Die 1985 veröffentlichte Analyse von Brigitte Erler „Tödliche Hilfe“ findet immer noch ( bisher 14 Auflagen ) größte Aufmerksamkeit. Diese kritische Position ist neuerdings von Dambisa Moyo in „Dead Aid“ aufgenommen, erweitert und radikalisiert worden.

Dass Katastrophenhilfe bisher von solcher Fundamentalkritik unberührt blieb, liegt an der politisch-moralischen Legitimation und humanitären Integrität, die Hilfsorganisationen und ihren Aktivitäten zugestanden wurde. Diese werden neuerdings aber ebenso in Frage gestellt wie der Erfolg von humanitärer Katastrophenhilfe. Drei hier aktuelle Bücher werden im Folgenden vorgestellt und kommentiert:

Linda Polman, Die Mitleidsindustrie, Frankfurt a.M. 2010,

James Orbinski, Ein unvollkommenes Angebot, Frankfurt a.M. 2010,

Richard Munz, Im Zentrum der Katastrophe, Frankfurt a.M. 2007

Die Mitleidsindustrie

Ihre provokative Botschaft nimmt Polman bereits im Titel ihres Buches, „Mitleidsindustrie“ vorweg. Ausgegangen wird von einer Gegenüberstellung der Positionen Henri Dunants und Florence Nightingales, hier strikte Neutralität humanitärer Hilfe um fast jeden Preis, dort die Überzeugung, dass medizinische Hilfe nur Kriege verlängern und stabilisieren hilft.

Dieser letzteren Sicht schließt sich die Autorin an und sucht dies in den zehn Kapiteln des Buches an diversen Beispielen zu belegen. So u.a. am Ruandakonflikt 1994, wo sie ein eklatantes Versagen der Hilfsorganisationen sieht. Der Genozid der Hutu an der Tutsibevölkerung löste eine Massenflucht ins Nachbarland Zaire aus. Die dort drohende Katastrophe und die bald einsetzenden Vergeltungsaktionen der Tutsi an den Hutu führten zu einer riesigen internationalen Spendenaktion. Immer mehr Hilfsorganisationen, begleitet von immer mehr Journalisten strömten in die Region und stabilisierten mit Hilfsgütern und -leistungen die Konfliktparteien. Nach Überzeugung von Polman wäre der Bürgerkrieg zwischen den beiden ethnischen Gruppen, zeitweise direkt unter der Augen der Hilfsgruppen, ohne diese „Hilfe“ viel schneller zum Ende gekommen.

Mitleidsindustrie

In den weiteren Kapiteln, z.T. mit so provokanten Überschriften wie „Humanitäre Hilfe als Kriegswaffe“ oder „Hungerwaffe“ wird gezeigt, wie sehr Katastrophenhilfe zum big business geworden ist, wie eine Unzahl von privaten und öffentlichen Hilfsorganisationen unkoordiniert egoistische Ziele verfolgen und um mehr mediale Aufmerksamkeit und Geld miteinander konkurrieren, zu welch fragwürdigen Mitteln sie dabei greifen, wenn z.B. 2000 in Freetown in Sierra Leone Amputierte zusammen mit Helfern mehrmals vor unterschiedlichen Kamerateams posieren (77 ff), wie Hilfslieferungen in großem Umfang an militärische Konfliktparteien abzuführen sind und so zur Finanzierung kriegführender Truppen beitragen, wie bei in strategischer Absicht herbeigeführten Hungersnöten (Biafra) Nahrungsmittelhilfe für militärische Zwecke instrumentalisiert wird.

Alles dieses führt schließlich zu der Frage (189): Besser überhaupt nicht mehr helfen? Die Antwort bleibt offen. Es könne nicht Aufgabe von Journalisten – so Polman - , zu raten, was man bei Humanitärer Hilfe besser machen könne (189). Das Buch will durch Provokation erzwingen, Hilfe kritisch zu hinterfragen, auch im Hinblick auf die Verantwortung der Helfer für die Folgen ihrer Aktionen.

Polmans Thesen haben zu einer lebhaften Diskussion bei den Hilfsorganisationen und in der Politik geführt. Zu verweisen ist u.a. auf die Kommentare von Ruth Singer oder Matthew Foley (s. Literatur- und Quellenangaben) oder das Symposium von Caritas International im Mai 2011 (ebd.).

Positiv anerkannt wird, dass das Buch tatsächlich eine profunde Debatte über Wirksamkeit und Sinn Humanitärer Hilfe angestoßen hat. Weitgehend geteilt wird die Auffassung, dass Hilfe ein „big business“ geworden ist, dass sie katastrophale Folgen haben kann und dass das in den analysierten Beispielen auch zutrifft.

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