Krieg und Hunger: Die Menschen leiden unter den Wirren des Bürgerkriegs

GastkommentarProf. Dr. Mihran Dabag: Genozid als gesamtgesellschaftliches Verbrechen

30-04-2014
Prof. Dr. Mihran Dabag

Am 7. April jährte sich der Beginn des Völkermordes in Ruanda zum zwanzigsten Mal. Innerhalb von nur drei Monaten fielen 1994 mehr als 800.000 Menschen – größtenteils Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Tutsi – der Gewaltpolitik zum Opfer. Ein besonderes Kennzeichen des Genozids in Ruanda war die ungewöhnlich große direkte Beteiligung der Mehrheitsbevölkerung der Hutu an den Massakern und Ermordungen.

Formierung einer Tätergesellschaft: Genozid ist stets ein gesamtgesellschaftliches Verbrechen

Die aktive Beteiligung eines zahlenmäßig großen Anteils der Mehrheitsbevölkerung an den Ermordungen ist als besondere Ausprägung eines typischen Merkmals genozidaler Politik zu begreifen: Denn Genozid ist stets ein gesamtgesellschaftliches Verbrechen.
Die expliziten Planungen und die Realisierung der Genozidpolitik erfolgen dabei in einem Neben- und Miteinander von Einzelnen, Gruppen oder einer Partei, unterschiedlichen Befugnissen, Autoritäten und Motivationen. Das zentrale Charakteristikum von Genoziden ist die Formierung einer Tätergesellschaft. Dies wird nicht zuletzt bei der Betrachtung des Völkermords in Ruanda deutlich.

Die Tätergesellschaft

Die Kategorie der Tätergesellschaft verweist einerseits auf die Einbindungen des Einzelnen in ein System. Denn die Tätergesellschaft selbst lässt keinen Raum für eine Position „zwischen“ den Rollen als Täter und Mit-Täter, Zuschauer, Profiteur und Opfer. Andererseits verweist die Kategorie der Tätergesellschaft auf die für Genozidprozesse typische institutionalisierte Vernetzung von Regierung, Militär, Zivilverwaltung, Wirtschaft, Sicherheitsbehörden und Sondereinheiten. Drittens betont die Analysekategorie der Tätergesellschaft, dass eine politisch einheitlich formierte Gesellschaft nicht allein durch Terror, nicht allein durch Verführung, Propaganda und politische Indoktrination entsteht. Sie entsteht in einer politischen Atmosphäre, in der unterschiedliche politische, soziale und weltanschauliche Schichten, Berufs- und Interessengruppen sowie Einzelne in die Sinnhaftigkeit einer Gewaltpolitik einwilligen können und sich in den Gewaltprozess einschließen.

Historische Kontexte und generationale Selbstermächtigung

Genozide sind zudem immer in größere und längerfristige historische und gesellschaftliche Kontexte eingebunden. Die Ursachen eines Genozids können zumeist generationenübergreifend nachgezeichnet werden. Dies gilt für den Holocaust wie für den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich oder für den Völkermord an den Tutsi in Ruanda.

Der Völkermord in Ruanda: AntiTutsiismus

Mit Blick auf den Völkermord in Ruanda wäre zum Beispiel auf die Konstruktion, sukzessive Verfestigung und letztlich Institutionalisierung einer die Gesellschaft sozial, wirtschaftlich, kulturell und schließlich politisch tief spaltenden, »rassisch« oder »ethnisch« begründeten Differenz zwischen Hutu und Tutsi zu benennen. Dieser Prozess, der zu einer radikalen Ausschließung der Tutsi aus der ruandischen Gesellschaft und einem schließlich in der Mehrheitsbevölkerung breit geteilten »AntiTutsiismus« führte, umspannte einen Zeitraum von der Kolonisierung des Landes in den 1890er Jahren bis zum Genozid im Jahr 1994.

Die von den Kolonialmächten gegen Ende des 19. Jahrhunderts als ethnisch initiierte Rede von »Hutu« und »Tutsi« wurde in den 1930er Jahren in einen, mit einer Priviligierung der Tutsi einhergehenden sozialen und ökonomischen Diskurs umformiert und schließlich seit den späten 1950er Jahren politisiert. Die Kategorien »Hutu« und »Tutsi« gerieten somit sukzessive zu polarisierten, ethnisch codierten politischen Identitäten im ruandischen Gesellschaftsgefüge. Die »Tutsi« galten nicht als »Ruander«, sondern als innere Feinde, die mit den europäischen Kolonialherren kollaboriert hätten. Die Genozidpolitik selbst erscheint dann als letzte Stufe einer dezidierten Identitätspolitik, die auf einen neuen, homogenen Nationalstaat der Hutu zielte.

Die Identität der Gesellschaft als Ganze

So sind Ziele und Charakteristika einzelner Genozide zwar nur historisch spezifisch zu betrachten, doch werden Verfolgungen und Gewalt mit Argumenten legitimiert, die zu allgemeinen Normen der modernen Wirklichkeit gehören: Stabilität, Gleichgewicht, die Wiederherstellung oder der Schutz von Identität, die Rede vom inneren Feind. Die Erwägung eines Genozids wird eingebunden in die gestaltende Planung der Zukunft einer Gesellschaft – legitimiert als „Sicherung“ oder „Rettung“, legitimiert mit allgemeinen Mustern von Fortschritt und Zivilisation. Es geht hier um die Selbstdefinition einer Gesellschaft, um die Selbstbilder, Selbstentwürfe und um die Visionen von einer zu gestaltenden Zukunft – kurz: Es geht um die Identität einer Gesellschaft als Ganze. Dies eröffnet zugleich den Rahmen für die positiven Selbstbilder, die Genozidtäter beweisen: Nämlich eine, wenn auch schwere, so doch notwendige und ‚konstruktive’ Aufgabe für die Zukunft der eigenen Nation zu leisten.

Multidimensionalität der Gewaltpolitik

Genozide sind also grundsätzlich gekennzeichnet von einer Multidimensionalität der Gewaltpolitik in einem gesamtgesellschaftlichen Prozess, in dem soziale, kulturelle, ökonomische und nicht zuletzt nationalstaatlich-ideologische Aspekte bestimmend sind. Im Zentrum dieser Politik stehen jedoch die Fragen nach Ordnung und Identität. Einer nationalstaatlichen Ordnung nämlich, die auf vollständige Homogenität zielt. Genozid ist somit eine mit dem ausgesprochenen Ziel der Extermination geplante und ideologisch begründete Auslöschung einer spezifischen Bevölkerungsgruppe als solcher aus der Mitte einer Gesellschaft.

Ziel dieser Politik ist es, den visionären Selbstentwurf einer homogenen Gesellschaft in Identität von Volk, Kultur, Territorium und Herrschaft durch die Vernichtung des als nicht-integrierbar definierten ‚Anderen‘ in kürzester Frist zu verwirklichen. So steht der Genozid an den Tutsi im Kontext eines Nationsbildungsprozesses, der nicht innerhalb bestehender Grenzen eine integrative Verwirklichung suchte, sondern eine Verwirklichung auf kürzestem Wege: über die Negierung von Heterogenitäten und schließlich die Vernichtung des ‚Anderen’ aus der Mitte der Gesellschaft.