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NewsAusmaß der Nahrungsmittelkrise

22-08-2008

Subhash Tamboli zum Thema Nahrungsmittelkrise Nahrungsmittelsicherheit ist fester Bestandteil aller Projekte von AWO International im indischen Bundesstaat Maharashtra. Obwohl Maharashtra einer der reicheren Bundesstaaten Indiens ist, breiten sich – bedingt durch Klimaveränderungen und verfehlte Agrarpolitik – Dürregebiete aus. Die geringe landwirtschaftliche Produktivität und das minimale Einkommen der Bauern drücken sich aktuell in einer landwirtschaftlichen Produktionskrise und einem dramatischen Anstieg verschuldeter Bauernfamilien aus. Viele Bauern sind so verzweifelt, dass sie keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sehen. In den Jahren 2001 bis 2006 nahmen sich etwa 130.000 indische Bauern das Leben.

Fragen an Subhash Tamboli, Geschäftsführer der indischen Partnerorganisation Action For Agricultural Renewal in Maharashtra (AFARM), mit der AWO International seit 2004 zusammenarbeitet:

Samenproduktion Herr Tamboli, Nahrungsmittelsicherheit ist ein Thema, mit dem Sie sich seit vielen Jahren intensiv beschäftigen. Was sagen Sie zu der aktuellen Debatte?

Das Ausmaß der globalen Nahrungsmittelkrise lässt sich nun nicht mehr bestreiten. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind fast drei Milliarden Menschen, also fast die Hälfte der Weltbevölkerung, betroffen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Auslöser der globalen Nahrungsmittelkrise?

Stark vereinfacht ausgedrückt ist es die Unausgewogenheit von Angebot und Nachfrage. An die Stelle einer Landwirtschaft, die den lokalen Ansprüchen der jeweiligen Region entspricht, ist eine exportorientierte Landwirtschaft getreten, die ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist.

Nahrungsmittelknappheit ist allerdings nur ein Teil des komplexen Problems. Sie steht in enger Verbindung mit Armut, Analphabetismus, Diskriminierung und Verwahrlosung, mangelnder Hygiene und Gesundheitsversorgung. Letztlich ist die Nahrungsmittelkrise Ausdruck fehlgeschlagener Politik – auf globaler, nationaler und lokaler Ebene.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Lösung für die Probleme?

Es ist längst bekannt, dass die derzeitige Landwirtschaft negative Auswirkungen auf die Nutzbarkeit der Böden hat, sie der Umwelt und der Gesundheit schadet. Die Hauptgründe für ausgelaugte Böden sind große Mengen Dünger und Pestizide, ungleiche Bewässerung und Hybridsaatgut. In diesem Zusammenhang kommt biologischer Landwirtschaft eine Schlüsselrolle zu. Langfristig ist sie der einzige Weg, um Armut nachhaltig zu reduzieren.

Sie arbeiten mit Unterstützung von AWO International im indischen Bundesstaat Maharashtra. Dies ist einer der reicheren Bundesstaaten, warum ist Ihre Arbeit dennoch gerade dort so wichtig?

Trotz der wirtschaftlichen Entwicklungen in Maharashtra ist der HDI 1 (Human Development Index) des Bundesstaats weiterhin niedrig. Fast 10 Millionen Menschen leben hier in extremer Armut. Ein Großteil der Menschen lebt in Slums, da die große ländliche Armut zu einer starken Migration in die Städte geführt hat. Ein Grund für das unverhältnismäßig starke Wachstum der Städte ist daher die Vernachlässigung der ländlichen Region. 58 Prozent der Bauernhaushalte sind stark verschuldet. Besonders dramatisch ist die Situation in der Region Vidharbha, wo hauptsächlich Baumwolle angebaut wird, allerdings gab es im gesamten Bundesstaat Maharashtra und auch im Nachbarstaat Andhra Pradesh viele Fälle von Selbstmord.

Was sind die Ursachen dieser dramatischen Entwicklung?

Neben klimatischen Bedingungen und Veränderungen spielen multinationale Konzerne eine Rolle. Sie haben sich inzwischen als Agrarindustrie einen Namen gemacht. Sie kaufen Agrarprodukte zu Niedrigpreisen und setzen die Bauern in direkte Konkurrenz zueinander. Während so die Preise für die Ernte sinken – manchmal sogar unter die Produktionskosten – steigen die Preise für Saatgut, Düngemittel und Pestizide dramatisch. Um die hohen Kosten finanzieren zu können, müssen die Bauern Kredite aufnehmen. Da die Banken Kleinbauern nur selten Kredite gewähren, sind sie auf private Geldverleiher angewiesen. Um die hohen Zinsen bezahlen zu können, setzen viele Bauern auf Gewinn versprechende Ernte wie etwa Baumwolle. Diese Monokultur kostet viel Wasser, viel Dünger, viel Investition – und bringt am Ende wenig Ertrag. Gleichzeitig ist der Bauer damit vom Export abhängig und unterliegt den Weltmarktpreisen. So beginnt ein gnadenloser Kreislauf, dem der Bauer lebendig nicht entrinnen kann.

Die exportorientierte, ausschließlich auf Weltmarktgewinne ausgerichtete Agrarindustrie, ist inzwischen stark in die Kritik geraten: Wie effizient soll ein solches System sein, das die enormen Kosten ignoriert, die beispielsweise die Reinigung des mit Chemikalien verseuchten Wassers verursacht? Und welchen Preis hat der Verlust genetischer Vielfalt? Wie förderlich ist diese Landwirtschaft, die neue Krankheiten bei Tieren und Resistenz gegen Antibiotika beim Menschen verursacht? Und wie kostengünstig ist die Ausgabe öffentlicher Fördermittel an die private Agrarindustrie für den Transport um die Welt oder für den sozialen Zusammenbruch der ländlichen Gebiete?

Das Problem besteht einerseits darin, dass die Bauern sowohl unter den klimatischen Bedingungen als auch unter ihren Schulden leiden. Andererseits zerstört diese Landwirtschaft die natürlichen Ressourcen, die das Leben nachfolgender Generationen sichern sollen. Es scheint noch nicht im Bewusstsein der Politiker und Entscheidungsträger angekommen zu sein, das der kommerzielle Nutzen der Landwirtschaft gravierende Auswirkungen hat.


1 Der Human Development Index (HDI) versucht die Entwicklung von Ländern messbar zu machen. Er berücksichtigt nicht nur das Bruttonationaleinkommen, sondern auch Lebenserwartung, Gesundheitsfürsorge, Ernährung, Hygiene, Bildungsniveau und Alphabetisierungsrate.

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