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Erdbeben HaitiDie ländlichen Regionen stärken

22-07-2010

Die Helfer Nicole Bergmann und Axel Schmidt über die Lage in Haiti

Wie würden Sie Ihre Eindrücke aus Haiti zusammenfassen und den derzeitigen Gemütszustand der betroffenen Menschen einschätzen?

Nicole Bergmann: Vor Ort habe ich mir die ganze Zeit versucht vorzustellen, wie es wäre, wenn meine Stadt auf einmal innerhalb von 50 Sekunden in Trümmern liegen würde. Einfach so, ohne Vorwarnung. Ich kann es mir nicht vorstellen, ich kann es einfach nicht. Möglicherweise kann es die deutsche Nachkriegsgeneration, also die Menschen in Deutschland, die ein zertrümmertes Berlin gesehen haben. So wie ich Port-au-Prince gesehen und erlebt habe, so stelle ich mir ein Nachkriegsszenario vor. Nur dass es in Haiti keinen Vorlauf gegeben hat.

Axel Schmidt: Der derzeitige Gemütszustand der Haitianer ist ganz schwierig einzuordnen. Eine latente Wut auf die Regierung lag immer in der Luft. Leider sind die Menschen in Haiti Leid gewöhnt und deshalb scheinen sie auch besser mit der Situation nach dem Erdbeben umgehen zu können. Generell probiert gerade jeder so gut zurechtzukommen, wie es möglich ist. Die Menschen denken nicht dauernd über Politik nach, sondern versuchen zu überleben und das Beste für ihre Familien herauszuschlagen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt.

Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton koordiniert im Auftrag der Vereinten Nationen die internationalen Hilfsmaßnahmen. Ist er damit de facto der eigentliche Machthaber des Landes?

Schmidt: De facto ja! Der haitianische Präsident hat zwar ein Vetorecht, ist aber nicht in der Position „nein“ sagen zu können. Ich habe mich selbst gewundert, aber generell ist man in Haiti nicht gerade unglücklich darüber. Die Hoffnung in die haitianischen Politiker ist dahin. Die Menschen scheinen nun soweit zu sein, sich übergangsweise lieber fremd bestimmen zu lassen als erneut von den eigenen Führern im Stich gelassen zu werden.

 

Wie beurteilen die Menschen in Haiti die massive Präsenz der Amerikaner in ihrem Land?

Bergmann: Anfangs waren die Haitianer, mit denen ich gesprochen habe, durchweg verunsichert vom Militär und hatten eher Angst, als dass sie sich beschützt gefühlt hätten. In der Nothilfephase blockierten die überdimensionierten Militärfahrzeuge auch immer wieder die Straßen – und damit auch die Hilfslieferungen. Es war daher schwer planbar, wie lange eine Fahrt von A nach B dauert.

Schmidt: Direkt nach dem Beben waren rund 21.000 amerikanische Soldaten in Haiti. Man hatte den Eindruck, in einem Bürgerkrieg oder in einem besetzten Land zu sein. Haitianer haben einen übergroß ausgeprägten Nationalstolz, der aus der Geschichte hervorgegangen ist. Sklaven haben die Franzosen 1804 geschlagen und ihren ersten eigenen Staat gegründet: Haiti! Nur eine jahrzehntelange Misswirtschaft, Kleptokratie und Korruption haben den Glauben versiegen lassen, dass das eigene System das Land aus dem Elend führen kann. Das Erdbeben hat ein Momentum geschaffen, das neben all dem Leid auch die Möglichkeit der positiven Veränderung zulässt. Und diese Hoffnung wird auch durch die internationale Hilfe und die Präsenz der Amerikaner symbolisiert.

Wagen wir mal einen Blick in die Zukunft: Wie wird Haiti im besten Falle in fünf Jahren aussehen?

Schmidt: Böse Zungen könnten behaupten, Haiti sei unter einer Art kolonialistischen Vorherrschaft, aber man könnte es auch als enge Partnerschaft betrachten. Es wäre phänomenal, wenn das Land nicht wieder, sondern neu aufgebaut werden könnte. Der Großraum Port-au-Prince muss entvölkert werden und die ländlichen Regionen müssen stärker unterstützt werden. Bisher war alles zentralistisch auf Port-au-Prince ausgerichtet. Wenn sich diese Maxime ändern würde und sich das Land gleichmäßig auch außerhalb der Erdbebenzone weiter entwickeln würde, so wäre dies schon ein Erfolg. Fünf Jahre sind eine kurze Zeit und wir vergessen immer, wie lange Veränderungsprozesse dauern. Errungenschaften in Deutschland – wie zum Beispiel ein ökologisches Bewusstsein – sind auch nicht innerhalb von nur fünf Jahren entstanden.

Bergmann: Ich hoffe das Beste. Der Neuaufbau wird immense Anstrengungen der Haitianer erfordern, bei denen die Weltgemeinschaft unterstützend zur Seite stehen muss. Ein Kollege hier vor Ort erzählte uns, dass er bereits in 16 Kriegen und nach vier Naturkatastrophen im Einsatz war – nichts davon war so drastisch und so dramatisch wie die Situation in Haiti.

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