Flucht aus der UkraineUkraine: Einblicke der Bündnisorganisationen zur Fluchtsituation


21 Hilfsorganisationen von Aktion Deutschland Hilft leisten den Menschen in der Ukraine, auf der Flucht und den Zufluchtsländern humanitäre Hilfe. Hier finden Sie Eindrücke und Einschätzungen verschiedener Bündnisorganisationen zur derzeitigen Lage.

Katharina Kiecol (Malteser International): "Wir stellen uns auf einen Marathon ein."

Aktion Deutschland Hilft: Wie unterstützt die Organisation gerade die Menschen aus und in der Ukraine?

Katharina Kiecol: Die Malteser und ihre Hilfsdienste sind in Deutschland, in vielen Anrainerstaaten wie Polen, Ungarn und Rumänien und in der Ukraine selbst im Einsatz für die Geflüchteten.

Wir versorgen die Menschen medizinisch, bieten ihnen psychologische Unterstützung an, stellen Unterkünfte bereit, verteilen Essen und warme Getränke und wir liefern medizinisches Material und Lebensmittel in die Ukraine. Wir von Malteser International koordinieren die Arbeit der Malteser vor Ort und unterstützen, wo Hilfe benötigt wird.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Die Situation ist anders als nach einer Naturkatastrophe, wo die Bedarfe der Menschen relativ schnell ermittelt werden können. Im Falle des Ukraine-Krieges stehen wir jeden Tag neuen Herausforderungen gegenüber. Wie viele Menschen kommen heute über die Grenze?

Welche Gegend wird angegriffen? Welche Grenzübergänge und Korridore stehen uns heute zur Verfügung, um die Menschen in der Ukraine zu erreichen? Dies sind Fragen, die wir jeden Tag neu beantworten und unsere Hilfe dementsprechend anpassen.

Was denken Sie kommt langfristig auf Sie als Bündnisorganisation zu? Welche Unterstützung brauchen Sie?

Wichtig ist die Einrichtung zuverlässiger humanitärer Korridore, durch die Menschen sich vor Angriffen in Sicherheit bringen können und die es uns ermöglichen, lebensnotwenige Medizin und Lebensmittel in die Orte zu bringen, die gerade den größten Bedarf haben. Ein sicherer Zugang für Hilfsorganisationen ist unbedingt erforderlich, um Menschen in der Ukraine vor dem Hungertod zu bewahren. Wir gehen derzeit davon aus, dass diese Krise länger andauern wird.

Das heißt: Wir brauchen einen langen Atem und dürfen in der Hilfe nicht nachlassen. Und selbst wenn der Krieg bald beendet sein sollte, werden die Menschen in der Ukraine noch Jahre benötigen, um ihr Land wieder aufzubauen. Dies werden sie alleine nicht bewältigen können, da die wirtschaftliche Situation im Land auch vor dem Krieg bereits sehr angespannt war. Wir stellen uns also auf einen Marathon ein und nicht auf einen Sprint.

Gibt es ein Ereignis seit Kriegsbeginn, das Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?

Als ich Anfang März an der polnisch-ukrainischen Grenze war, haben mich die Gesichter der Frauen, die alleine mit ihren Kindern an der Hand zu Fuß über die Grenze kamen, nicht mehr losgelassen. So viele sahen verloren aus, wussten nicht, was als nächstes auf sie zukommt, wohin sie gehen sollten.

Gerade hatten die Kinder sich von ihren Vätern verabschiedet, die Frauen von ihren Männern und mir fehlten die tröstenden Worte. Da blieb mir nur, immer wieder weinende Kinder und Frauen in den Arm zu nehmen und zu versuchen, ihnen so zu zeigen, dass sie uns nicht egal sind, dass wir sie verstehen und mit ihnen fühlen.

Sid Peruvemba (action medeor): "Wir brauchen die Beachtung des Völkerrechts von allen Parteien."

Wie unterstützt die Organisation gerade die Menschen aus und in der Ukraine?

Sid Peruvemba: Seit Kriegsbeginn senden wir wöchentlich zwei Hilfstransporte mit Medikamenten und medizinischem Material in die Ukraine. Jeder Transport umfasst 30 Paletten, unter anderem mit Schmerzmitteln, Antibiotika, Verbandsmaterial, Spritzen, Kanülen, Infusionslösungen und medizinischen Geräten.

Sie gehen zunächst in die westukrainische Stadt Ternopil, wo in Kooperation mit action medeor ein Verteilzentrum für medizinische Hilfsgüter errichtet wurde.

Von dort werden sie an weitere Krankenhäuser in der Ukraine weiterverteilt, um möglichst vielen Menschen helfen zu können. Aber auch in Moldawien, Europas ärmstem Land und der vorübergehenden Heimat von über 100.000 ukrainischen Geflüchteten, helfen wir bei der medizinischen Versorgung und Verpflegung.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Es gibt vier große Herausforderungen: Zum einen müssen wir nun weitere Medikamente und Verbrauchsmaterialien in möglichst kurzer Zeit beschaffen. Zum zweiten brauchen wir sichere Transportwege und ein Minimum an Infrastruktur, um den Menschen in der Ukraine helfen zu können.

Zum dritten müssen wir unsere eigenen Ressourcen möglichst effizient einsetzen. Und vielleicht das Wichtigste: Wir brauchen humanitären Zugang zu den Menschen in den besetzten Gebieten.

Was denken Sie kommt langfristig auf Sie als Bündnisorganisation zu? Welche Unterstützung brauchen Sie?

Als humanitäre Hilfsorganisation werden wir den Menschen in der Ukraine auch langfristig helfen, womöglich auch unabhängig davon, wer in welchem Gebiet gerade die Hoheit hat und ob die Gebiete als besetzt gelten oder nicht. Dazu brauchen wir vor allem die Beachtung des humanitären Völkerrechts von allen Parteien.

Gibt es ein Ereignis seit Kriegsbeginn, das Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?

Zwei Dinge: Der Satz eines Krankenhausdirektors, der auf die Frage, ob er sich Sorgen mache, unter Beschuss zu geraten, antwortete: "Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor." Und die Begegnung mit einer ukrainischen Mutter in Moldawien, die nichts mehr sagen konnte, sondern einfach in Tränen ausbrach.

Stefan Brand und Karl-Otto Zentel (CARE Deutschland e.V.)

Wie unterstützt die Organisation gerade die Menschen aus und in der Ukraine?

CARE arbeitet mit Partnerorganisationen in den ukrainischen Nachbarländern, wie Polen, Rumänien und auch der Slowakei sowie innerhalb der Ukraine. In den Anrainerstaaten werden ukrainische Geflüchtete mit Lebensmitteln, Trinkwasser, psychologischer Hilfe, aber auch Bargeld unterstützt.

In Polen stellte CARE außerdem jüngst 40 ukrainische Lehrkräfte ein, um die geflüchteten Schülerinnen und Schüler beim Start in ihren neuen Schulalltag zu unterstützen.

Innerhalb der Ukraine leistet CARE mit der Hilfe von verschiedenen Partnern lebensnotwendige Hilfe und verteilt beispielsweise Medizin-, Nahrungs- und Hygienepakete. Außerdem hilft CARE mit Partnerorganisationen bei der Versorgung mit Trinkwasser, vor allem im Osten der Ukraine, wo viele Wasserleitungen zerstört sind, und liefert Grundnahrungsmittel und medizinische Hilfe für Regionen, die nur schwer zu erreichen sind.

Ab Mai startet CARE auch in Deutschland mit der Unterstützung der ukrainischen Geflüchteten. Schulen in Nordrhein-Westfalen und Berlin werden CARE-Schulstarter-Pakete, bestehend aus einem Rucksack und allem was man so für den Schulalltag benötigt, zur Verfügung stellen.

Je nach Bedarf wird das Projekt dann im weiteren Verlauf auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet. Zudem werden CARE-Partnerorganisationen finanziell in ihrer Arbeit der Erstaufnahme und Betreuung, vor allem für Drittstaatenangehörige, unterstützt.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Die schiere Unsicherheit und die Frage: "Wie geht es weiter?" sowohl für die Geflüchteten außerhalb als auch innerhalb der Ukraine ist sicher die größte Herausforderung. Darüber hinaus sind innerhalb der Ukraine die Herausforderungen regional unterschiedlich.

In Lwiw benötigen die Menschen vor allem Bargeld, in anderen Regionen des Landes fehlt es dagegen an Nahrungsmitteln, Trinkwasser oder medizinischer Versorgung. Die Situation kann sich täglich drastisch verändern und erfordert höchste Flexibilität in der Unterstützung und von unseren Mitarbeitenden.

Was denken Sie kommt langfristig auf Sie als Bündnisorganisation zu? Welche Unterstützung brauchen Sie?

Aktuell fokussiert sich unsere Hilfe auf die Unterstützung der notleidenden Menschen innerhalb der Ukraine. Erste Programme in Deutschland für Schülerinnen und Schüler starten im Mai. Aber wir werden den Menschen in der Ukraine auch noch Hilfe leisten, wenn der Krieg irgendwann vorbei ist. Welche Bedarfe hier auf uns zukommen, ist aktuell noch gar nicht absehbar.

Eins steht fest: Es wird viel psychologische Hilfe und Zeit nötig sein, damit die Menschen die schrecklichen Erfahrungen und Ereignisse aufarbeiten können. Die bereits heute angerichteten Schäden an Infrastruktur und der ukrainischen Gesellschaft sind unermesslich.

Karl-Otto Zentel: "Beeindruckend ist das Engagement der Zivilgesellschaft."

Gibt es ein Ereignis seit Kriegsbeginn, das Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?

Karl-Otto Zentel, Generalsekretär CARE Deutschland: Beeindruckend ist das Engagement der Zivilgesellschaft. Mit unheimlicher Geschwindigkeit und sehr viel Kreativität wurden hier Ideen entwickelt und umgesetzt, um den Menschen in Not zu helfen. In Kyjiw traf ich Lyudmyla, eine Mitarbeiterin der Organisation ZMINA.

Diese Organisation hat sich vor Beginn des Krieges für die Einhaltung der Menschenrechte in der Ukraine eingesetzt und Aktivist:innen unterstützt. Heute leistet Lyudmyla humanitäre Hilfe.

Täglich fährt sie unter hohem persönlichem Risiko in die befreiten Gebiete, versorgt Menschen mit Medikamenten, Hilfsgütern und stellt Kontakt zwischen auseinandergerissenen Familienangehörigen her. Sieben Tage die Woche und fast rund um die Uhr. Ein Mensch, der sich ohne Wenn und Aber für andere in Not einsetzt.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet dringend um Spenden für die weltweite Nothilfe

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