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© ZWST/Gregor Zielke

HilfsorganisationenFremde unter uns – Refugees welcome?

Wer einen von 40 begehrten Plätzen im Seminar „Refugees welcome?! Flüchtlinge und die jüdische Gemeinschaft heute“ ergattert hatte, reiste erwartungsvoll am letzten Maiwochenende nach Berlin. Drei Tage diskutierten junge Erwachsene aus den jüdischen Gemeinden im „Park Plaza Berlin Kudamm“ mit hervorragenden Sachkennern europäischer Politik, des Nahen Ostens und des Islam. Organistatoren des Seminars waren Sabine Reisin von der ZWST Berlin und Ilya Daboosh vom ZWST-Projekt 18+ für junge Erwachsene.    

Europäische Flüchtlingspolitik

Zum Auftakt stellte Ingmar Zielke, Sicherheits- und Rüstungsexperte vom Arbeitskreis junger Außenpolitiker der Konrad-Adenauer-Stiftung, eine der zentralen Fragen zur Flüchtlingsdebatte: Kann es angesichts erheblicher kultureller, innenpolitischer und wirtschaftlicher Unterschiede der Länder und den bisher mehrheitlich gescheiterten gemeinsamen Bemühungen einen europäischen Weg aus der sogenannten Flüchtlingskrise geben? Ja, befand Zielke, aber nur in Form wirksamer Maßnahmen für eine Verbesserung der Lebenssituation und der Bekämpfung von Fluchtursachen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge.

Dafür plädierte auch Simon Jacob, Friedensbotschafter des Zentralrats der Orientalischen Christen in Deutschland, der u.a. Syrien, den Irak und den Iran bereist hatte, um vor allem mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Es gebe nicht nur den IS dort, erläuterte Jacob, sondern eine Bevölkerung, die mehrheitlich in Frieden leben wolle. Es sei dringend geboten, dem IS etwas entgegenzusetzen, damit die junge Generation in ihren Heimatländern eine Chance habe. Bildung, Arbeitsplätze und die Beteiligung der Frauen am gesellschaftlichen Leben seien ein Garant für eine zivilisatorische Entwicklung des Nahen Ostens.

Patriacharlismus und Antisemitismus

Die Rolle des Patriarchats betonend, stellte Jacob Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen als zentrale Probleme in den Herkunftsländern der Flüchtlinge dar. Quasi der Hälfte der Bevölkerung sei es nicht erlaubt, gesellschaftlich in Erscheinung zu treten. Jedoch gälten die Frauen als Bewahrerinnen der „Ehre“. Der IS entführe und vergewaltige Frauen deshalb systematisch. Männer würden damit geschwächt, ihnen die Ehre genommen. Der IS könne dann selbst als der Stärkere auftreten.

Er selbst nenne das Phänomen „Patriacharlismus“, ergänzte der Politikwissenschaftler und Islamologe Bassam Tibi. So seien z. B. die massiven Übergriffe gegen Frauen durch arabische und nordafrikanische Flüchtlinge in der Kölner Silvesternacht als eine Demonstration der Stärke gegenüber Männern aus der europäischen, westlichen Gesellschaft einzuschätzen. Tibi warnte eindringlich vor der einflussreichen Variante des nahöstlichen Antisemitismus. Plötzlich seien viele unter dem Einfluss einer gewaltbereiten, antisemitischen und antiisraelischen Ideologie aufgewachsene Menschen in Deutschland. Politik und Medien verhielten sich demgegenüber ignorant, planlos und verharmlosend. Dabei sei Europa an der Vorgeschichte nicht schuldlos. Islamischen Antisemitismus gebe es erst seit der Entstehung der Muslimbruderschaft in Ägypten und als Reaktion auf die Gründung des Staates Israel in Verbindung mit aus Europa importierter Nazi-Ideologie. Nach wie vor sei hingegen Antisemitismus in moslemisch geprägten asiatischen Ländern wie Indonesien kein besonderes Thema.

Zuvor hatte bereits Samuel Schidem, Nahostexperte und Religionswissenschaftler aus Israel, ausführlich die Rolle Europas bei der Entwicklung des islamischen Antisemitismus illustriert. Er zeigte, wie ehemalige Nazi-Funktionäre sich nach 1945 in den Nahen Osten absetzten und dort zu hohen Ehren und erheblichem ideologischen Einfluss gelangten.

Was können wir tun?

Die Flüchtlinge deswegen zu verteufeln, sei trotz aller gebotenen Vorsicht falsch, sagten viele Teilnehmer und fragten: Was können wir tun, wenn wir als Juden mit eigener langer Verfolgungs- und Fluchthistorie eine besondere Verantwortung gegenüber hilfsbedürftigen Flüchtlingen tragen?
Über konkrete Hilfe trotz bürokratischer Hürden sprach Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte und Vorsitzende des paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin. Was ist hier und jetzt wirklich wichtig, sei immer die entscheidende Frage. John verwahrte sich gegen ein Integrationskonzept, welche Zuwanderer zwinge, ihre Kultur aufzugeben.

Pragmatismus und Empathie mit den Flüchtlingen zeichnete auch Matthias Nowak und Ashiqulla Safi vom Malteserhilfsdienst aus, als sie von ihrem Arbeitsalltag aus einer großen Flüchtlingsunterkunft erzählten.

Voller Elan berichtete schließlich Hannah Dannel, Kulturreferentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, vom Mitzvah Day 2015, bei dem es viele und nachhaltige Aktionen für und mit Flüchtlinge(n) gab. Dazu zählte auch eine Initiative der Synagoge Fraenkelufer in Berlin, die bis heute Aktionen für Flüchtlingskinder anbietet. Auf Tuchfühlung mit Juden, ihnen die Kinder anvertrauen, sich von ihnen helfen zu lassen – das sei ein vielversprechender Ansatz, um Vorurteile abzubauen und einem friedlichen Miteinander den Weg zu ebnen.

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