Bernd Ruf über den notfallpädagogischen Einsatz der Freunde der Erziehungskunst

HilfsorganisationenBernd Ruf über den notfallpädagogischen Einsatz der Freunde der Erziehungskunst

05-11-2015
Bernd Ruf

Die Freunde der Erziehungskunst engagieren sich seit vielen Jahren für die psychosoziale Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen nach Kriegen und Naturkatastrophen. Wo waren die Freunde in den letzten Jahren überall aktiv?

Die Geburtsstunde der Notfallpädagogik geht auf eine Begegnung mit kriegstraumatisierten Kindern im Kontext des Libanon-Krieges im Jahr 2006 zurück. Einem ersten Pilotprojekt in der Krisenregion folgten dann Einsätze in der Erdbebenregion Sichuan in China (2008), in Indonesien in Folge des Erdbebens auf Sumatra (2009) sowie in Gaza nach der Militäroperation „Gegossenes Blei“ (2009 - 2012). In Haiti wurde ein traumapädagogisches Projekt nach dem verheerenden Erdbeben 2010 gestartet. In Kirgisistan kam es zu einem Einsatz nach den bürgerkriegsartigen Konflikten (2010) sowie in Japan nach der Dreifachkatastrophe (2011) und in Kenia nach der großen Hungersnot (2012).

Im Jahr 2013 wurden notfallpädagogische Einsätze in China nach dem Erdbeben sowie im Libanon, bei dem mit syrischen Flüchtlingen gearbeitet wurde, durchgeführt. Notfallpädagogische Hilfe kam auch betroffenen Kindern und Jugendlichen in Bosnien und Herzegowina nach den Überschwemmungen 2014 zuteil. Aktuell sind die Freunde der Erziehungskunst in Folge der schweren Verwüstungen durch Taifun Haiyan, der im Oktober 2013 wütete, auf den Philippinen tätig, in der Autonomen Region Kurdistan im Irak, wo zuerst mit syrischen Flüchtlingen und später mit irakischen Binnenflüchtlingen traumapädagogisch gearbeitet wurde, und im Gaza-Streifen nach der Militäroperation "Operation Protective Edge" im Juli/August 2014.

Herr Ruf, Sie sind Begründer der Notfallpädagogik. Bitte erläutern Sie das Prinzip der Notfallpädagogik.


Die Notfallpädagogik ist im psychosozialen Sektor angesiedelt und dient der psychosozialen Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen in Kriegs- und Katastrophengebieten. Damit ist gemeint, dass wir mit pädagogischen, waldorfpädagogischen und erlebnispädagogischen Methoden sowie mit kunsttherapeutischen und verwandten Therapieformen arbeiten und Kinder dabei unterstützen, die als traumatisch erfahrenen Ereignisse zu überwinden, anzunehmen und als Teil ihrer Biografie zu begreifen. Dies ist ein wichtiger Teil des Verarbeitungsprozesses einer traumatischen Erfahrung.

Konkret dienen die von uns angewandten Methoden z.B. dazu, Erstarrungen zu lösen, indem wir mit den Kindern hüpfen und klatschen und sie in Bewegung versetzen. Wir helfen den Kindern Spaß und Freude zu empfinden, um den negativen Erfahrungen positive entgegenzusetzen. Viele Kinder verlieren auch das Bewusstsein für ihren Körper, z.B. für ihre Hände. Indem wir mit den Kindern plastizieren (kneten) machen wir ihre Finger als Teil des Körpers wieder erfahrbar und durch die Gestaltung eines Tieres aus Ton o.ä. erfahren Kinder, dass sie nicht nur Opfer sind, sondern in der Lage, ihre Umwelt zu gestalten und kreativ tätig zu werden.

Wenn wir in einem Kriegskontext tätig sind, leiten wir Aktivitäten an, die das Vertrauen in den Mitmenschen wieder stärken, denn Krieg bedeutet ja von Menschenhand verursachte Gewalt, was für viele Kinder einen enormen Vertrauensverlust bedeutet. Diesem Vertrauensverlust wollen wir entgegenwirken. Ein weiteres wichtiges Element sind non-verbalen Ausdrucksmöglichkeiten wie Malen, durch die sich Kinder auch ohne die Verwendung von Sprache artikulieren und dadurch von dem Erlebten distanzieren können.

Welche Folgen kann eine traumatische Erfahrung für die betreffende Person haben? Welche Symptome können auftreten?

Die Folgen einer traumatischen Erfahrung möchte ich anhand eines vereinfachten Schemas eines Traumaverlaufes skizzieren, denn Psychotraumta entwickeln sich in der Regel phasenweise. Nach dem Schockerlebnis bzw. dem traumatischen Erlebnis kommt es erst mal zu einer ein-bis zweitägigen Akutphase, in der Bettnässen, übersteigerte Schreckhaftigkeiten und z.B. Albträume normale Reaktionen auf ein unnormale Ereignis sind. In den darauffolgenden vier bis acht Wochen können individuell verschiedene Posttraumatische Belastungsreaktionen auftreten wie Panikattacken, selbstverletzendes Verhalten u.v.m. Auch dies sind völlig normale Reaktionen auf den erlebten, traumatisierenden Ausnahmezustand.

Bei manchen Betroffenen lassen die Symptome wieder nach. Bei anderen entstehen jedoch psychische Erkrankungen, die als Traumafolgestörungen (zu denen u. A. die Posttraumatische Belastungsstörung gehört) gravierende Auswirkungen auf die Biografie eines Einzelnen haben können. Neben den bereits genannten Reaktionen können Rhythmusstörungen auftreten, die z.B. den Schlaf- und Wachrhythmus oder auch Essrhythmus betreffen. Konzentrationsschwierigkeiten sind bei traumatisierten Kindern oft zu beobachten, ebenso wie Aggressivität, Hyperaktivität, aber auch Lustlosigkeit. Manche Kinder verschließen sich gegenüber ihrer Umwelt sowohl sprachlich als auch sozial. Die Liste möglicher Symptome ist unendlich.

Wie genau kann man sich einen notfallpädagogischen Einsatz vorstellen? Wie helfen Sie den Menschen ihre Traumata zu verarbeiten?

Nach einer Katastrophe entsenden wir – orientiert an dem idealtypischen Verlauf eines Traumas – nach Möglichkeit in den ersten vier bis acht Wochen ein traumapädagogisches Expertenteam in die Krisenregion. Dieses Team besteht aus Fachleuten aus pädagogischen und medizinisch-therapeutischen Berufen, wie z.B. aus der Waldorfpädagogik, Erlebnispädagogik, Kunsttherapie etc. Je nach Gegebenheit vor Ort bauen wir Kinderschutzzentren auf, arbeiten in Schulen, Kindergärten oder Flüchtlingslagern.

Unsere traumapädagogische Arbeit ist stark rhythmisiert und ritualisiert, um den Kindern und Jugendlichen Halt und Orientierung zu geben. Außerdem schafft dies Vertrauen, denn in den Momenten traumatischer Erlebnisse herrscht Chaos, Ungewissheit und Orientierungslosigkeit. Die Arbeit an sich beginnt mit einem Anfangskreis, an dem alle anwesenden Kinder teilnehmen. Anschließend teilen wir die Kinder dem Alter entsprechend in unterschiedliche Gruppen auf. Dort wird dann gemalt, gesungen, Rhythmusübungen gemacht oder Vertrauensübungen durchgeführt. Es geht darum, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wie bereits erwähnt, ist ein wichtiges stabilisierendes Element die Vorhersehbarkeit unserer Aktivitäten. Dadurch, dass unsere Grundstruktur immer gleich ist - Anfangskreis, Workshops, Abschlusskreis - wissen die Kinder, was auf sie zukommt.

In die Arbeit mit Kindern sind immer lokale Fachkräfte involviert, die neben der praktischen Arbeit auch theoretische Schulungen in Psychotraumatologie, Notfallpädagogik und in die Hintergründe der angewandten Methoden erhalten. Ein drittes Element der Notfallpädagogik ist die Arbeit mit den Eltern, denn auch diese sind zum einen oftmals selbst traumatisiert und benötigen Hilfe. Andererseits sind sie oft mit den traumabedingten Verhaltensänderungen ihrer Kinder überfordert und brauchen Rat und Beistand, wenn es um die Frage geht, wie man die Kinder bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse unterstützen kann.

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