Zwischen Verladeaktion und Ministerbesuch

ADRA DeutschlandZwischen Verladeaktion und Ministerbesuch

04-11-2015

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte, und das ist bei ADRA nicht anders. Denn wenn man weiß, was hinter dem ersten „A“ eigentlich steckt, macht man interessante Entdeckungen. A steht für Adventisten und Adventisten – eine protestantische Freikirche, entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten – zeichneten sich von Anfang an durch einige Besonderheiten aus: So fanden die Betonung und die Förderung der Bildung ihre sichtbare Auswirkung im Bau von Schulen und Universitäten. Die Bekämpfung der Armut sollte durch Anreize zu selbstständiger Arbeit und eigener Initiative erfolgen – begleitet von der Aufklärung über Suchterkrankungen, die schon damals das gesellschaftliche Leben destabilisierten. Kurzum: ADRA ist das organische Ergebnis einer sehr praxisorientierten christlichen Kirche.

Das Aufkommen und die weite Verbreitung des Fernsehens in den sechziger Jahren brachten uns Bilder von Katastrophen und Hungersnöten in die Wohnstuben und der Bevölkerung traten die Unterschiede in der Schichtung der Weltengemeinschaft zunehmend ins Bewusstsein – und  genau da beginnt die Geschichte von ADRA. Die Kirche musste reagieren. Nicht mehr nur „karitativ“ im Sinne des „barmherzigen Samariters“, man musste diese Problematik des Auseinanderdriftens der Länder bei der Wurzel anpacken. So wurde im Jahre 1956 in den Vereinigten Staaten ADRA zunächst unter dem Namen „SAWS“ gegründet. Das stand für Seventh-Day-Adventist Welfare Service.

Aber erst Mitte der siebziger Jahre wendete sich das Bild vom „Samariter“ zum  „Entwicklungshelfer“ tatsächlich. Nun begannen erste Programme der langfristig angelegten und auf Nachhaltigkeit bedachten Entwicklungszusammenarbeit. Allerdings verzeichnet der Chronist weitere zehn Jahre, bis der heutige Name aus der Taufe gehoben wird. Ein Name, der genau sagt, was man eigentlich tun möchte: ADRA – Adventist Development and Relief Agency. Heute ist ADRA in 125 Ländern mit eigenständigen Stationen vertreten, die ein internationales Netzwerk bilden.

Der Mut des Unerfahrenen


Im Jahre 1986 erreichen die ausrankenden Enden des internationalen Netzwerkes auch Deutschland. Hier gab es ebenfalls ein adventistisches Sozialwerk mit dem Namen Advent-Wohlfahrts-Werk (AWW), das bis dahin Aufgaben der humanitären Hilfe und ansatzweise der Entwicklungszusammenarbeit wahrgenommen hatte. Doch mit dem neuen entwicklungspolitischem Akzent wurden die Aufgaben neu verteilt. Das Advent-Wohlfahrtswerk nahm sich der sozialen Fragen innerhalb Deutschlands an, ADRA war fortan für die Auslandshilfe zuständig. Zum ersten Geschäftsführer des neu gegründeten Vereins berief die Kirchenführung Pastor Erich Lischek. Am 26. Februar 1987 wurde ADRA im Vereinsregister eingetragen.

Mit dem Mut des Unerfahrenen startete ADRA Deutschland die ersten Projekte im fernen Nepal in einer Leprakolonie. Um in den Hütten Energie zu erzeugen, damit die Frauen wenigstens das Essen kochen konnten und um das Wasser sauber zu halten, installierten wir Biogas-Anlagen. Bis heute sind wir mit diesen Projekten verbunden. Weitere Projekte führten uns nach Afrika. In Ruanda bauten wir in Kigali eine Klinik auf.

Die erste große Veränderung brachte der 7. Dezember 1988. In Armenien bebte die Erde und für ADRA Deutschland begann der erste Großeinsatz der Nothilfe. In Eriwan entstand ein Reha-Zentrum für die vom Beben geschädigten Kinder. Sie lernten hier, mit Prothesen und Rollstühlen umzugehen und erhielten die notwendigen Bade- und Bewegungstherapien. Auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern bot das Haus sämtliche zeitgemäße Heilbehandlungen. Um die Materialien für diesen Bau und sechs weitere Ambulanzen in den Bergdörfern nach Armenien zu schaffen, mussten in Köln-Wahn fünf russische Antonow-Maschinen des Typs An 225 beladen werden.

Die zweite große Veränderung brachte dann das Jahr 1989 – der Fall der Mauer und die anschließende  Auflösung der Sowjetunion 1991. Von da an wurde das Ausmaß einer unglaublichen Armut Osteuropas weltweit offensichtlich. Es ist die Zeit der Hilfsgüter- und Lebensmittel-Transporte. ADRA wickelt in Bremerhaven die größte Einzelabfertigung aller Zeiten ab: Über 600 Trucks verlassen in kurzen Abständen die Hafenanlagen und rollen in die großen Städte am Ural, um dort die Menschen im eiskalten Winter vor dem Verhungern zu bewahren.

„Always say: We have a situation“


Oftmals beluden wir unsere Lastwagen selber von Hand, schwitzten und sahen aus wie nach einer Hetzjagd gestellte Verbrecher. Wenige Stunden später saßen wir beim Außenminister Hans-Dietrich Genscher, um über die laufenden Aktionen zu beraten. Natürlich hatten wir uns vorher geduscht und auch eine Krawatte umgebunden. Das sah schon ganz anders aus. Allerdings musste ich lernen, dass auch dieses Outfit bisweilen Verbrecher schmückt.

Es war eine verrückte, spannende und herausfordernde Zeit. Kein Tag glich dem anderen. Ein alter Freund aus Brasilien, der für ADRA die Hilfeleistungen koordinierte, ermahnte mich einmal mit erhobenem Zeigefinger: „Never say: We have a problem!“ Als ich ihn dann fragte, was er denn lieber hören wolle, antwortete er: „Always say: We have a situation!“  Und fürwahr an „Situationen“ hat es nicht gefehlt.

Für viele Situationen konnten wir nichts. Unvergessen wird mir der wütende Anruf eines Kirchenfürsten sein, der sich beschwerte, weil ein zugesagter „ADRA-Laster“ nicht an der Verladerampe erschienen sei. Die von ihm geschilderten Gefühle der Peinlichkeit konnte ich nachvollziehen, immerhin hatten sich alle hilfsbereiten Sammler und Packer pünktlich in Position gebracht und auch das Fernsehen hatte seine Kamera aufgebaut, um den Vorgang dokumentarisch festzuhalten. Er konnte aber nicht nachvollziehen, warum ich nichts über den Verbleib des Lasters wusste, denn ich hatte soeben erst mein Büro betreten und versprach, mich kundig zu machen.

Fakt war: Die rumänische Regierung hatte in der Nacht – ohne jede Vorwarnung – alle Lastwagen mit Landeskennzeichen „RO“ für ihre eigene Logistik konfisziert. So sahen sich die wackeren Männer und Frauen um den Lohn eines furiosen Fernsehauftritts in den Hauptabendnachrichten betrogen – was auch mir leid tat, doch es war nicht zu ändern. Ach ja, das hätte ich fast vergessen, ich war inzwischen auch schon da! Am ersten April (kein Scherz!) 1989 durfte ich meinen Dienst als zweite männliche Kraft im Haus ADRA antreten. Man hatte mir zugetraut, die Pressearbeit zu machen.

Im Jahr 1999 begannen wir aufgrund der Nachfragen aus den Kirchengemeinden mit einer eigenen Kinderpaket-Aktion, die ähnlich wie „Weihnachten im Schuhkarton“, Kindern in Osteuropa zum Christfest ein Geschenkpaket überreichte. Diese Aktion „Kinder helfen Kindern“ ist inzwischen eine bundesweite Initiative. Eine besondere Form des Wachstums war auch die Gründung einer eigenen ADRA-Stiftung. Sie fördert mit ihren Erträgen die entwicklungspolitische Bildungsarbeit, die Entsendung junger Menschen, aber auch besondere Programme der Entwicklungsarbeit. Mit dem, was wir in den vergangenen 20 Jahren erreichen konnten, dürfen wir ehrlich zufrieden sein. Wir haben auch Fehler gemacht, aber niemals so gravierende, dass wir uns vor Scham nur noch durch die Kanalisation bewegen müssten.

ADRA

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