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Tsunami SüdasienTsunami - fünf Jahre danach - „…als würde eine Mauer auf mich einstürzen“

15-04-2010

Indonesien

KraftwerksschiffIndonesien hatte mit über 168.000 Toten die meisten Opfer zu beklagen. Hinzu kamen 76.000 Verletzte und etwa 518.000 Obdachlose. Rund 116.000 Häuser, mehr als 3000 Kilometer Straße, 2000 Schulen, 2000 Brücken und 700 Krankenhäuser wurden zerstört. Die Stadt Banda Aceh im Norden der Insel Sumatra traf es dabei besonders hart: Die in Küstennähe gelegenen Stadtteile wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Drei Monate nach dem Tsunami – am 28. März 2005 – erschütterte ein weiteres heftiges Erdbeben die Westküste Sumatras. Die Nachbeben hielten noch Monate an und erschwerten den Wiederaufbau massiv.

Eine besondere Herausforderung stellte zudem der bewaffnete Konflikt zwischen dem indonesischen Militär und der Befreiungsbewegung Gerakan Aceh Merdeka (GAM) in der Provinz Aceh dar. Die Regierung genehmigte nur eine zeitlich begrenzte Ausnahmeregelung für die Durchführung der Hilfsmaßnahmen. Dies führte anfänglich zu massiven Problemen bezüglich der Planungen längerfristig angelegter Projekte. Im August 2005 wurde dann unter finnischer Vermittlung ein Friedensabkommen zwischen den Konfliktparteien unterzeichnet. Die GAM verzichtete auf die Forderung nach voller Unabhängigkeit von Aceh, die indonesische Regierung sicherte im Gegenzug politische Repräsentanz der GAM auf Provinz-ebene zu. Teil des Abkommens war zudem die Entwaffnung der GAM sowie der Teilrückzug der indonesischen Streitkräfte. Zu Schwierigkeiten kam es auch beim Bau neuer Häuser. Die Klärung des Landbesitzes verlief schwierig, da natürlich auch viele öffentliche Angestellte ums Leben gekommen und zudem unzählige Verwaltungsdokumente vernichtet worden sind.

Inzwischen wurde vor der indonesischen Küste ein deutsches Frühwarnsystem installiert

TsunamimuseumIn Banda Aceh wurde kürzlich ein Tsunami-Museum eröffnet. Das viergeschossige Gebäude erinnert auf einer Fläche von rund 2500 Quadratmetern an die Opfer. So sind an einer Wand alle Namen der Verstorbenen eingraviert. Ausgestellt sind zudem Bilder der Opfer, Geschichten von Überlebenden und eine elektronische Simulation des Erdbebens, das den Tsunami ausgelöst hat. Der Neubau dient jedoch nicht nur als Denkmal, sondern übernimmt auch eine Schutzfunktion: Ein sogenannter „Escape Hill“ soll bei einem neuerlichen Tsunami als Fluchtort zu nutzen sein.

Vakrol ImamIm schwer betroffenen Meulaboh hat ADRA zerstörte Schulen neu aufgebaut oder restauriert. Dazu wurden Lehrer aus- und weitergebildet, Schulmaterialien ausgegeben und neues Mobiliar gestellt. Unzählige Schülerinnen und Schüler haben am 26. Dezember 2004 Familienangehörige oder Freunde verloren – und wurden daher über Monate und Jahre hinweg therapeutisch betreut. Viele von ihnen konnten erst nach langer Zeit offen über die Geschehnisse sprechen. So wie Vakrol Imam. Heute ist er 17 Jahre alt und besucht eine von ADRA restaurierte Oberschule in Meulaboh. Vor fünf Jahren verlor er durch die Flutwelle seine Mutter und einen seiner beiden Brüder.

„Ich schlief noch, als damals um acht Uhr morgens die Erde bebte. Und dann ging alles ganz schnell. Ich sprang aus meinem Bett und lief mit meiner Familie auf die Straße. Meine Mutter Darmaya war dabei und auch mein jüngster Bruder. Meine Schwester und mein anderer Bruder waren währenddessen bei Freunden und mein Vater, ein Fernfahrer, wie so oft unterwegs.

Draußen auf der Straße waren bereits alle unsere Nachbarn. Alle schauten nach, ob an ihren Häusern etwas beschädigt wurde. Da hörten wir plötzlich die Rufe: „Das Wasser kommt, das Wasser kommt!“ Alle waren in Panik. Manche versuchten noch, einige Gegenstände zu retten, die meisten aber rannten weg. Weg von der Küste, immer in Richtung Landesinnere. Auch meine Mutter, mein Bruder und ich rannten durch eine schmale Gasse. Das Wasser reichte uns zu diesem Zeitpunkt bereits bis zu den Knien. Dann kam immer mehr Wasser und in dem Wasser schwammen Abfälle und Holzplanken. Plötzlich wurde ich von einer Welle von hinten getroffen. Es war, als würde eine Mauer auf mich einstürzen. Ich konnte mich aufrappeln, hatte jedoch meine Mutter und meinen Bruder aus den Augen verloren. Da sah ich, wie mich ein Autofahrer zu sich rief. Ich sprang in den Wagen und wir rasten davon. Dann kommt eine Zeit, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Ich weiß erst wieder, dass wir in dem Auto einen höher gelegenen und daher sicheren Ort erreicht haben. Ich blieb die Nacht bei der Familie des Fahrers und bat ihn, mich am nächsten Morgen zurück nach Meulaboh zu fahren. Als er sich weigerte, stellte ich mich an die Straße und fuhr letztlich mit einem Bus zurück in die Stadt. Ich ging zu meiner Großmutter, deren Haus nicht beschädigt wurde. Sie sagte mir, dass meine Mutter tot sei. Ich wollte meine Mutter jedoch sehen und suchte sie. An der Stelle, wo ich sie am Tag zuvor aus den Augen verloren hatte, lagen unzählige Leichen. Viele lagen unter angeschwemmten Gegenständen. Meine Mutter oder meinen kleinen Bruder fand ich jedoch nicht. Vier Tage lang suchte ich die beiden – ohne Erfolg.

Aus dem zerstörten Elternhaus holte ich Teller und Besteck und Töpfe, damit wir bei meiner Großmutter genug Geschirr hatten. Mit meinem Onkel und meinem Bruder wohnte ich von da an bei ihr. Meine Großmutter hat wieder das Arbeiten angefangen, um uns ernähren zu können. Sie verkauft jeden Tag Gemüse auf dem Markt. Neben meiner Mutter habe ich auch meinen Vater verloren. Er hat wieder geheiratet und kam nicht mehr nach Hause zurück. Nach der Schule möchte ich gerne Polizist werden. Dadurch kann ich anderen Menschen helfen und sie vor Gefahren schützen.“

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