Tsunami SüdasienEin Jahr nach dem Tsunami - Bericht von Christoph Ernesti

16-09-2007

Blühende Landschaften im Tropenparadies?

Eine Zwischenbilanz zum Wiederaufbau in Sri Lanka ein Jahr nach Tsunami

Der Jahrestag der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 naht. Zeit für eine Zwischenbilanz zu der bisher geleisteten Hilfe und dem Wiederaufbau, der besonders in den schwer betroffenen Ländern wie Sri Lanka Jahre andauern wird.

Nie zuvor haben eine Naturkatastrophe und deren Opfer eine ähnliche öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Die Hilfe kannte keine Grenzen, weder was das persönliche Engagement betraf, noch die Höhe der Spendensumme. Allein Aktion Deutschland Hilft erhielt mehr als 125 Millionen Euro Spenden. Aber auch private, lokale und regionale Initiativen sammelten Geld, um zu helfen und verbuchten nicht selten mehr als 1 Million Euro. Hieraus entstand die Partnerschaftsinitiative der Bundesregierung, mit dem Ziel, dass private Engagement in sinnvolle Hilfe vor Ort umzuwandeln. Ein neuer Aspekt in der Katastrophenhilfe. Das Global Village ist auch hier Realität. Mögen die betroffenen Länder auch tausende von Kilometern entfernt sein, viele verbringen dort regelmäßig ihren Urlaub, Freundschaften sind entstanden, Land und Leute sind bekannt und nur einen Mausklick entfernt.

Betroffenheit, persönliches Engagement und unglaubliche Spendensummen, all das erweckt hohe Erwartungen an die Hilfe und die Wiederaufbauleistung. „Viel hilft viel“, und bei Nachrichten, die in Echtzeit um den Globus gehen, hat dies über Nacht zu geschehen. Berichte über Menschen, die auch Monate nach der Katastrophe in Zelten leben, dass bisher nur(!) einige tausend Häuser gebaut wurden und der gesamte Wiederaufbau noch Jahre dauern wird, passen da nicht ins Bild. Schnell wird die Dimension der Katastrophe vergessen, und auch die Tatsache, dass Länder wie Sri Lanka schon vor dem Tsunami unter vielfachen Problemen wie Bürgerkrieg und Armutsbekämpfung zu leiden hatten.

Sri Lanka gehört mit zu den am schwersten vom Tsunami betroffenen Ländern. Von 1.500 Kilometer Küste sind 900 Kilometer zerstört. Das Land mit 18 Millionen Einwohnern hat nicht nur fast 40.000 Tote zu beklagen, sondern musste vorübergehend 800.000 obdachlose Menschen in 900 Notaufnahmelagern unterbringen. Gleichzeitig wurden landesweit mehr als 50.000 Übergangshäuser gebaut, in denen zurzeit eine viertel Million Menschen leben. ADH- Organisationen haben sich hieran intensiv beteiligt. Darüber hinaus wurden 200 Schulen, 72 Krankenhäuser und 84 Hotels zerstört. Mit der Flutkatastrophe haben aber auch über Nacht mindestens 275.000 Menschen ihren Arbeitsplatz und ihre Lebengrundlage verloren. Besonders hart traf es die Fischerei mit einem Verlust von 100.000 Jobs und den Tourismus mit 27.000. In den am meisten zerstörten Gebieten im Norden und Nordosten des Landes schnellte die Arbeitslosenquote in Folge von Tsunami vorübergehend auf 80 Prozent hoch. Schätzungen gehen noch immer von mehr als 50 Prozent aus. Daher kommen langfristigen Einkommensschaffenden Maßnahmen, wie sie von fast allen ADH-Organisationen im Land betrieben werden, eine besondere Bedeutung zu.

Sri Lanka steht vor einer gigantischen Wiederaufbauleistung. Nicht nur nahezu 100.000 öffentliche und private Häuser müssen neu oder wieder aufgebaut werden, sondern auch die Infrastruktur wie Wasserversorgung, Elektrizität und Telekommunikation. Hinzu kommen mehr 1600 Kilometer zerstörter Straßen. Allein im Bildungssektor müssen mehr als 135 Mio. Euro investiert werden. Die Vereinten Nationen veranschlagen mindestens zwei bis drei Jahre für den gesamten Wiederaufbau.

Aktion Deutschland Hilft ist mit zehn Organisationen in Sri Lanka vertreten und arbeitet in allen 15 vom Tsunami betroffenen Distrikten des Landes. Einige Organisationen sind über eigene Landesorganisationen bereits seit Jahren im Land repräsentiert, alle anderen arbeiten mit lokalen Partnern. Anfang Februar wurde außerdem ein Verbindungsbüro in der Hauptstadt Colombo eingerichtet. Alle Mitglieder des Hilfsbündnisses haben sich intensiv an der Nothilfe beteiligt. Organisationen wie CARE, World Vision oder ASB, die bereits im Land waren, starteten ihre Hilfsaktionen noch am Tag der Katastrophe. Landesweit, aber besonders im Norden, haben ADH-Organisationen hunderte von Übergangshäusern gebaut und mit dazu beigetragen, dass die Notaufnahmelager schnell aufgelöst werden konnten. Maximal 24 Monaten sollen die Menschen in den Übergangshäusern leben, bevor sie wieder endgültig ihr eigenes Dach über dem Kopf haben. Dementsprechend konzentriert sich auch Aktion Deutschland Hilft mit auf den Hausbau. Insgesamt werden mit ADH-Mitteln mindestens 5.000 neue Häuser in Sri Lanka entstehen. Die ersten sind bereits fertig gestellt, in Eigenarbeit. Die Baumaterialien und tatkräftige Unterstützung wurden mit ADH-Geldern finanziert. Wichtig ist hierbei der partizipatorische Ansatz, denn aktives Mitplanen und Handanlegen sichert nicht nur ein erstes Einkommen, sondern sind auch ein Schritt, um die traumatischen Erfahrungen der Zerstörung und des Verlustes aufzuarbeiten. Eines der größten Hausbauprogramme realisiert der ASB im Norden des Landes. Hier werden innerhalb der kommenden 18 Monate 1.125 neue Häuser entstehen. Darüber hinaus beteiligen sich ADH-Organisationen am Wiederaufbau öffentlicher Einrichtungen wie Gemeindezentren, Markthallen und Kinderspielplätzen.

Auf Wunsch der Regierung von Sri Lanka sollen bis zur Jahreswende mindestens 25.000 neue Häuser fertig gestellt sein. Auch bei den größten gemeinsamen Anstrengungen wird dies nicht möglich sein, wie eine Konferenz der Weltbank in Colombo kürzlich deutlich machte. Die Gründe sind vielfältig:

* Allein die Gesamtschadenbestandsaufnahme für die Zerstörung oder Beschädigung privater Häuser dauerte bis Ende August an.

* In Sri Lanka wurden vor dem Tsunami im Jahr im Durchschnitt vier- bis siebentausend neue Häuser gebaut. Nach Tsunami sind inzwischen 7.000 Häuser fertig gestellt worden, 20.000 weitere befinden sich im Bau. Dies hat zu erheblichen Maetrialengpässen (Bauholz, Zement u.a.) und zu starken Preissteigerungen für Baumaterialien geführt.

* Für den Wiederaufbau fehlen mindestens 2.000 ausgebildete Fachkräfte (Klempner, Maurer, Schreiner) und dies vor allem in den besonders betroffenen Regionen des Nordens und Nord-Ostens, die auch vor Tsunami schon stark unterentwickelt waren. * Viele eigentumsrechtliche Fragen müssen noch geklärt werden.

* Vielfach ist das für die Neubesiedelung ausgewiesene Land nicht geeignet (Marsch- oder Sumpfland) oder infrastrukturell noch nicht erschlossen.

Diese Schwierigkeiten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass bereits tausende Menschen wenige Monate nach Tsunami wieder in ein neues Haus einziehen konnten. Gute Beispiele hierfür gibt es besonders in der südlichen Region des Landes.

Priorität beim Wiederaufbau haben außerdem Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Zu den fast 200 beschädigten oder zerstörten Schulen kommen außerdem noch fast 300 hinzu, die vorübergehend als Notquartier genutzt wurden und jetzt der dringenden Renovierung bedürfen. Auch hier engagieren sich ADH-Organisationen und werden landesweit mehr als 40 Vor- und Hauptschulen sowie mehrere Krankenhäuser wieder aufbauen. Aber es geht nicht nur um den Wiederaufbau, sondern auch darum, den Menschen wieder zu einer Lebengrundlage zu verhelfen und sie unabhängig von fremder Hilfe zu machen. Deswegen wurden nicht nur landesweit Boote, Netze und Motoren verteilt, sondern vielfache Projekte entwickelt, um neue Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Hierbei geht es nicht nur darum Fischer und Handwerker wieder mit Werkzeug und Arbeitsgerät auszustatten, sondern auch im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen insbesondere jungen Menschen eine Ausbildung zu geben, die ihnen den Weg in die Zukunft sichert. Nach dem Tsunami fehlen allein 2.000 Fachkräfte wie Maurer, Tischler und Klempner im Land für den Wiederaufbau. Dabei folgt die Hilfe von ADH bewährten Prinzipien der internationalen humanitären Hilfe. Dazu gehören die Beteiligung der Betroffenen von Anfang an, Stärkung der lokalen Strukturen insbesondere aber Angebote die eine nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe sind, die Lebensbedingungen der Menschen berücksichtigen und ihnen dauerhaft eine selbständige Existenz garantieren. Insgesamt wird sich Aktion Deutschland Hilft mit rund 60 Millionen Euro am Wiederaufbau von Sri Lanka in den nächsten Jahren beteiligen.

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet dringend um Spenden für die weltweite Nothilfe

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