
von Aktion Deutschland Hilft/Johanniter/AVESA
Über drei Monate sind nach den zwei starken Erdbeben in Venezuela vergangen, die verheerende Folgen für die Kinder, Frauen und Kinder vor Ort mit sich gebracht haben. Am 24. Juni wurden große Teile im Nordwesten des Landes verwüstet und zerstört. Über 6.500 Menschen sind ums Leben gekommen. Fast 18.000 haben ihr Zuhause verloren. Auch Monate nach den Erdbeben werden weiterhin zahlreiche Menschen vermisst. Offizielle Angaben fehlen bislang. Bürger:inneninitiativen haben zwar Zehntausende Vermisstenmeldungen dokumentiert, diese sind jedoch nicht offiziell bestätigt.
Marialbert Barrios ist Projektkoordination bei AVESA, der venezolanischen Partnerorganisation der Johanniter. Im Interview gibt sie Einblicke in die aktuelle Lage vor Ort.
Wie viele Menschen leben noch in Notunterkünften? Hat sich die Situation dort verändert?
Marialbert Barrios: Die Situation beginnt sich schrittweise zu verändern: Familien kehren in Wohnungen zurück, die für bewohnbar erklärt wurden, und für einige Familien werden Alternativen zur Umsiedlung oder Verlegung geprüft.
Dennoch lebt weiterhin eine beträchtliche Zahl von Menschen in den Notunterkünften: Laut offiziellen Angaben sind 107 Übergangscamps mit einer Kapazität für etwa 25.200 Personen nach wie vor zu 95 Prozent ausgelastet. Für die betroffenen Menschen gibt es noch keine endgültigen Wohnlösungen. Es bestehen nach wie vor Bedarfe in Bezug auf die Unterbringungsbedingungen, den Zugang zu Wasser, die sanitäre Versorgung und die Ernährung. Auch müssen offizielle Informationen zu den Prozessen der Rückkehr und Umsiedlung der Vertriebenen oder der Schließung der Notunterkünfte bereitgestellt werden.
Wer sind die Menschen, die in den Notunterkünften leben?
In den Notunterkünften leben vor allem Familien, die ihr Zuhause verloren haben oder deren Zuhause als hochgefährdet eingestuft wurden bzw. nur eingeschränkt genutzt werden dürfen. Das sind Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit chronischen Erkrankungen.
Da so viele Kinder und besonders schutzbedürftige Menschen betroffen sind, ist es besonders wichtig, Angebote in den Bereichen Unterkunft, Gesundheit und psychosoziale Unterstützung aufrechtzuerhalten. Ebenso notwendig ist es, für angemessene Bedingungen bei Wasser, sanitärer Versorgung, Ernährung und angemessene Lebensbedingungen zu sorgen. Frauen, Mädchen und Jugendliche sind hinsichtlich sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch besonders gefährdet, weshalb in den Bereichen besondere Schutz- und Präventionsmaßnahmen erforderlich sind.
Was berichten die Menschen, die im Projekt Unterstützung erhalten? Wie geht es ihnen?
In den Beratungen durch AVESA zeigt sich: Viele Menschen leiden nach wie vor unter emotionaler Belastung. Die Erinnerungen an die Erdbeben, der Verlust ihrer Wohnungen und Häuser, der lange Aufenthalt in den Notunterkünften und die Ungewissheit über eine Rückkehr oder Umsiedlung verunsichern die Betroffenen sehr. Was die Menschen aktuell brauchen, ist emotionale Stabilisierung, Stressregulation, die Stärkung von Bewältigungsstrategien, die Wiederherstellung von Alltagsroutinen und der Wiederaufbau familiärer und gemeinschaftlicher Netzwerke.
Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich der Bedarf an sicheren Räumen, in denen sie ihre Gefühle ausdrücken, ein Stück Normalität zurückgewinnen und wo sie lernen können, wie sie sich schützen und ihre Gesundheit stärken können. Zudem bestehen weiterhin Sorgen in Bezug auf den Schulbesuch und die Beaufsichtigung innerhalb der Notunterkünfte.
Den Menschen fehlt es an Beratung und Zugang zu Verhütungsmitteln sowie zu Informationen rund um Familienplanung, Menstruationsgesundheit, Schwangerschaft, sexuell übertragbare Infektionen sowie andere gynäkologische Erkrankungen. Auch wird in den Unterkünften von sexueller Gewalt berichtet.
Wie wird den Betroffenen geholfen?
Unser Projekt bringt die Hilfe direkt in die Unterkünfte. So wird für die Betroffenen eine möglichst niedrigschwellige Teilnahme ermöglicht. Auch herrscht ein ganzheitlicher Ansatz: Die Themen Schutz, emotionales Wohlbefinden sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit werden gleichzeitig behandelt.
Die individuelle und gruppenbezogene Betreuung im Bereich psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung hilft dabei, emotionale Belastungen aufzufangen, stressbedingte Reaktionen zu erkennen und persönliche wie familiäre Ressourcen zu stärken. Auch werden Fälle identifiziert, die eine Nachbetreuung oder eine Weitervermittlung an spezialisierte Stellen benötigen.
Durch psychosoziale Unterstützung erhalten Kinder und Jugendliche sichere Räume, um einen Umgang mit ihren Emotionen zu finden, zu Routinen zurückzukehren und Risiken geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt zu erkennen.
Außerdem erhalten die Menschen, vor allem Frauen, Beratung, Versorgung und Zugang zu Verhütungsmitteln sowie Aufklärung zu den Themen Menstruationsgesundheit, Infektionen, Schwangerschaft und sexuelle Gewalt.
Führungspersonal innerhalb der Unterkünfte und Gemeinden sowie humanitäre Helfer:innen erhalten Schulungen zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt sowie zum Schutz vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch. So können sie Warnzeichen besser erkennen, sicher darauf reagieren und Betroffene rechtzeitig durch entsprechende Hilfsangebote erreichen.
Einige Menschen sind in ihre Häuser zurückgekehrt, einige Menschen können inzwischen wieder ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen. In einigen Schulen, die als Notunterkunft genutzt werden, kann demnächst wieder Schulbetrieb stattfinden. Wie verändert sich dadurch die Hilfe von AVESA?
Angesichts der Dynamik des Übergangs und der schrittweisen Rückkehr der Familien in ihre neuen Wohnungen hat sich die Strategie von AVESA zu einem Modell weiterentwickelt, das die Betreuung in den noch aktiven Übergangscamps mit mobilen Einsätzen in den Gemeinden verbindet und so die Kontinuität der spezialisierten Versorgung sicherstellt.
Die Zusammenarbeit mit lokalen Führungspersonen wurde gestärkt, um Menschen leichter zu erreichen, die zwar nicht ihre Wohnungen verloren haben, aber trotzdem unter den Folgen der Erdbeben leiden – zum Beispiel, da die öffentliche Grundversorgung zusammengebrochen ist. Oder da sie mit Hürden beim Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit zu kämpfen haben. Unterstützt werden auch Familien, die aufgrund der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen und der Herausforderungen der Rückkehr in ihren gewohnten Alltag belastet sind.
Die Behörden konzentrieren sich derzeit darauf, den Betrieb der Notunterkünfte aufrechtzuerhalten, bis Entscheidungen über eine Rückkehr der Familien, Umsiedlungen oder die Schließung einzelner Unterkünfte getroffen werden. AVESA arbeitet dabei eng mit den Verantwortlichen der Notunterkünfte zusammen. Gemeinsam konnten verlässliche Strukturen und enge Kooperationen in mehreren Unterkünften im Bundesstaat La Guaira aufgebaut werden.
Danke, dass Sie die Menschen in Venezuela durch Ihre Spende unterstützen!
+++ Spendenaufruf +++
Aktion Deutschland Hilft, Bündnis der Hilfsorganisationen,
bittet um Spenden für die vom Erdbeben betroffenen Menschen.
Stichwort: Erdbeben Venezuela
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX






